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Börsenweisheit: Warum Märkte nicht logisch reagieren

Jessica Schwarzer

Noch im Dezember zitterten Börsianer vor einer Rezession und schickten die Kurse auf Talfahrt. Es folgte der beste Jahresauftakt seit langem, trotz einer eher gemischten Bilanzsaison. Dass es an den Märkten oft wenig logisch zugeht, wusste bereits der legendäre André Kostolany.

Börsenweisheit: Warum Märkte nicht logisch reagieren

Auf einen der schlechtesten Dezember an den Märkten überhaupt und das schlechteste Börsenjahr seit Ausbruch der Finanzkrise, folgte ein sensationeller Start in das neue Jahr. Als ob die Konjunktursorgen, die Börsianern die Stimmung im vierten Quartal verhagelt hatten, wie weggeblasen wären. Und das, obwohl die Bilanzsaison in den USA und auch in Europa bestenfalls gemischt ausfiel, viele Unternehmen ihre Prognosen senkten und auch Wirtschafts- und Finanzinstitute immer wieder die Ausblicke für 2019 nach unten korrigierten. Doch Börsianer scheint das nicht zu stören. Der Dax hat seit Jahresbeginn neun Prozent zugelegt, der S&P 500 sogar elf Prozent. Verkehrte Welt? Nein, Investoren mögen keine Spekulationen, sie bevorzugen klare Fakten. Und die scheinen eben doch nicht so düster zu sein, wie noch im Dezember angekommen.

Das aktuelle Schauspiel an den Märkten erinnert an einen weisen Spruch von Börsenaltmeister André Kostolany: „An der Börse sind zwei mal zwei niemals vier, sondern fünf minus eins“, sagte der gebürtige Ungar einst. „Man muss nur die Nerven, die Geduld und das Geld haben, das minus eins durchzuhalten.“ Börsenexperten können dieser Börsenweisheit viel abgewinnen. „Im Gegensatz zu manch anderen Börsenweisheiten ist an dieser durchaus etwas dran. Sie drückt das Wesen der Kapitalmärkte aus: nämlich die Schwankungen nach oben wie nach unten, die ein Investor aushalten muss“, sagt Lars Reiner, CEO der digitalen Vermögensverwaltung Ginmon.  Auch Roland Könen von Value-Holdings Capital Partners ist überzeugt, dass die alte Börsenweisheit heute mehr denn je stimmt: „Anfang 2018 waren die Märkte offensichtlich zu euphorisch (fünf). Im vierten Quartal haben wir sicherlich deutliche Übertreibungen nach unten gesehen (minus eins), was in den ersten Wochen 2019 wieder ausgeglichen wurde.“ Oder um eine weitere Weisheit zu zitieren: Die Börse ist keine Einbahnstraße!

Christoph Bruns, Fondsmanager und Mitinhaber der Fondsgesellschaft Loys,  bringt es auf den Punkt: „Der Satz des geistreichen André Kostolany gibt uns zunächst die entscheidende Botschaft, daß langfristig die Entwicklung der Börse rationale Ergebnisse zeitigt, allein der Weg dorthin ist keineswegs linear.“ Daran seien die Anleger im Herbst 2018 schmerzhaft erinnert worden, als der „vieljährigen Additionsrechnung“, also der jahrelangen Rally, ein kräftiges ‚minus eins‘ beigefügt wurde. „Wer aber die von Kostolany geforderten Nerven bewahrte, der nutzte die verfallenen Kurse, um günstige Titel einzusammeln, sofern dazu Geld vorhanden war“, sagt Bruns. Wer dann auch noch Geduld gehabt habe, hätte schon nach wenigen Wochen aufatmen können. Denn vor allem langfristig orientierte Investoren können solche Turbulenzen locker aussitzen und sogar für Zukäufe nutzen.

Das langfristige Ziel im Blick behalten

Und die Statistiken zeigen: Selbst heftigere Kursrücksetzer und sogar Crashs fallen auf Sicht von zehn oder mehr Jahren kaum ins Gewicht. „Kostolany gibt hier die beste Empfehlung, die man einem Investor machen kann: Ruhe bewahren und das langfristige Ziel im Blick behalten“, ergänzt Reiner. „Denn in der langen Frist sollten sich die globalen Kapitalmärkte gleich der Weltwirtschaft entwickeln – und das ist meist nach oben.“ Allerdings gibt es derzeit einige Themen, die die Konjunktur längerfristig belasten könnten. Trotzdem steigen die Kurse. Ist das logisch? Viele Experten sagen, die Märkten hätten mit ihren Rezessionsängsten im vierten Quartal übertrieben. Nun würden sich die Kurse den Fundamentaldaten anpassen und steigen.

Nur wie lange noch? Könen sieht die Weltwirtschaft derzeit in einer schwierigen Lage. Zahlreiche Themen wie Protektionismus, Zölle, hohe Rohstoffpreise, die Politik der Notenbanken, der Brexit, politische Uneinigkeit in Europa, Disruption wie etwa in der Autobranche würden auf den Investitionsentscheidungen der Unternehmen lasten, aber auch auf denen der Konsumenten. „Diese Unsicherheiten sind Gift für die Börsen“, sagt Könen. Daher seien die derzeitigen Bewertungen relativ günstig, wenn denn der Anlagehorizont ausreichend lang sei. „Das ‚minus eins‘ haben wir eher im vierten Quartal 2018 gesehen, da es meines Erachtens auf die Kursentwicklung zu projizieren ist“, ergänzt er. „Auf die Wirtschaft übertragen sind die genannten Belastungen eher die ‚minus eins‘, wenn man es so nennen will.“ Nach Jahren kontinuierlichem Wachstum ohne größere Einbrüche werde die Wirtschaft derzeit von mehreren Ecken belastet, so dass es auch im Zahlenwerk der Unternehmen mal ein Jahr mit Rückschritt geben könne und werde.

Das heißt aber nicht zwangsläufig, dass der nächste Rücksetzer an den Märkten bevorsteht. „Die Börse nimmt solche Entwicklungen zumeist schon einigen Monate vorweg“, sagt Könen. Das haben Anleger im  zweiten Halbjahr 2018 erlebt. „Ob das turbulente Jahr 2018 das ‚minus eins‘ war, das es auszuhalten gilt, wird sich leider erst in der Nachbetrachtung herausstellen“, gibt hingegen Reiner zu Bedenken. Der positive Jahresstart zeige jedoch, dass es sich nicht lohne, mit kurzfristigen Marktprognosen zu hantieren. „Wer Ende 2018 Aktien verkauft hat, ärgert sich jetzt und muss zu höheren Kursen wieder einsteigen“, ergänzt er.

Vielleicht hätten sie besser auf Kostonaly gehört. Denn von seiner Börsenweisheit könnten Anleger lernen, dass die beste Handlungsempfehlung häufig auch das Nichtstun ist. „Für langfristigen Erfolg am Kapitalmarkt braucht es keine Magie, sondern viel mehr Geduld und manchmal ein starkes Nervenkostüm“, sagt der Ginmon-CEO. Rücksetzer und heftigere Turbulenzen wird es an der Börse immer geben. Davon dürfen Anleger sich nicht verrückt machen lassen. Oder um es mit André Kostolany zu sagen: „Man muss nur die Nerven, die Geduld und das Geld haben, das minus eins durchzuhalten.“

Foto: ESB Professional / Shutterstock.com

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Expertenprofil
Jessica Schwarzer Jessica Schwarzer

Jessica Schwarzer ist eine der renommiertesten Finanzjournalistinnen Deutschlands. Die langjährige Chefkorrespondentin und Börsenexpertin des Handelsblatts (2008 bis 2018) arbeitet heute selbstständig als Journalistin und Moderatorin. Die gebürtige Düsseldorferin hat mehrere Bücher über die Psychologie von Anlegern und Investmentstrategien geschrieben. Zuletzt erschien ihr viertes Buch 'Hin und Her macht Taschen leer? Was die Börsenweisheiten von Kostolany, Buffett und Co. heute noch taugen - Teil 2’. Die deutsche Aktienkultur ist ihr eine Herzensangelegenheit, für die sich sie auch mit Vorträgen und Seminaren, und bei der Initiative finanz-heldinnen stark macht.

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