Bundesregierung arbeitet an Konzept für Rückkehr zum Alltag

Reuters

- von Markus Wacket

Bundesregierung arbeitet an Konzept für Rückkehr zum Alltag

Berlin (Reuters) - Trotz weiter steigender Corona-Infektionen arbeitet die Bundesregierung an einem Weg zurück zur Normalisierung des öffentlichen Lebens.

Gesundheitsminister Jens Spahn sprach am Mittwoch von einem Konzept, das spätestens Ostern stehen solle. Wenn es gelinge, Ältere und chronisch Kranke zu schützen, könne es für andere wieder Normalität geben. Das Robert-Koch-Institut (RKI) äußerte sich angesichts weiter wachsender Infektions- und Totenzahlen zurückhaltend. Nach Italien verzeichnete nun auch Spanien mehr Tote als das Virus-Ursprungsland China. In Großbritannien erkrankte Prince Charles. Die Niederlande meldeten dagegen Erfolge im Kampf gegen das Virus.

Die Zahl der Infektionen in Deutschland ist dem RKI zufolge um rund 4200 auf etwa 31.500 geklettert. 149 Menschen sind gestorben, 36 mehr als 24 Stunden zuvor. Da die Gesundheitsämter unregelmäßig Daten lieferten, könne daraus kein Trend abgelesen werden, warnte das Institut. RKI-Chef Lothar Wieler vermied es, seine verhalten optimistische Äußerung vom Montag, wonach sich die Infektionskurve abflacht, zu wiederholen. Er sagte: "Es ist völlig offen, wie sich diese Epidemie entwickelt." Man stehe erst am Anfang in Deutschland. Derzeit werden rund 1000 Menschen mit Corona-Infektion auf Intensivstationen behandelt.

SPAHN: DAUER-BESCHRÄNKUNGEN UNMÖGLICH IN FREIER GESELLSCHAFT

Spahn sagte der Wochenzeitung "Die Zeit", die derzeitige Situation bedeute für viele Menschen erheblichen Stress. "Das geht nicht auf längere Zeit in einer freiheitlichen Bürgergesellschaft." Um die wirtschaftlichen Folgen abzufedern, billigte der Bundestag einen 750-Milliarden-Euro-Schutzschirm. "Vor uns liegen harte Wochen", sagte Finanzminister Olaf Scholz.

Spahn sagte, man arbeite mit Hochdruck an einem Konzept zur Lockerung der Kontaktsperren. "Vielleicht müssen wir uns darauf einstellen, dass es über Wochen bestimmte Ausgangsbeschränkungen immer mal wieder und zeitlich begrenzt geben wird, je nachdem, wie sich das Virus regional ausbreitet." Im Fokus müssten Ältere und chronisch Kranke stehen. "Wenn wir sie schützen, können wir gleichzeitig an anderen Stellen wieder normales Alltagsleben ermöglichen", sagte er. Diese Menschen müssten möglicherweise ihre Kontakte über Monate stark einschränken.

Der Minister räumte ein, dass es aktuell auch in Deutschland an Schutzkleidung fehle. Europa kann einem internen EU-Dokument zufolge nur zehn Prozent des aktuellen Bedarfs an persönlicher Schutzausrüstung gegen das Coronavirus und an anderen medizinischen Geräten wie Beatmungsgeräten mit Hilfe traditioneller Lieferketten decken. Die Verfügbarkeit in ganz Europa sei "weiterhin besorgniserregend."

Die Deutsche Stiftung Patientenschutz warnte daher vor katastrophalen Zuständen in der Altenpflege. "Pflegebedürftige, ihre Angehörigen und die Altenpflegekräfte werden von der Politik vergessen", sagte Stiftungsvorstand Eugen Brysch dem Redaktionsnetzwerk Deutschland. "Sie sind die Verlierer, wenn es um die Verteilung von Desinfektionsmitteln, Atemschutzmasken, Handschuhen und Schutzbrillen geht."

RASANTER ANSTIEG DER TODESOPFER IN SPANIEN

Während die Totenzahl in Deutschland noch vergleichsweise niedrig ist, steigt sie nach Italien nun auch in Spanien rasant. Innerhalb von 24 Stunden wurden 738 Tote gemeldet - also fast das Fünffache der bislang in Deutschland insgesamt verstorbenen. Mit rund 3400 Toten liegt Spanien nach Italien mit fast 7000 damit an zweiter Stelle weltweit und verzeichnet mehr Opfer als China. Die spanische Regierung bat die Nato um Hilfe bei knapper Ausrüstung wie Beatmungsgeräten und Schutzmasken.

Zweifel gab es an der Zahl von rund 1100 Toten in Frankreich. Obwohl sich damit die Opferzahl in elf Tagen mehr als verzehnfacht hat, liegt sie vermutlich deutlich höher. Die zahlreichen Toten in Alters- und Pflegeheimen fehlen in der Statistik.

In Großbritannien, das lange harte Einschnitte vermieden hatte, stiegen die Fallzahlen ebenfalls schnell. Dazu gehört auch Prinz Charles. "Er hat leichte Symptome, ist ansonsten aber in guter Verfassung", teilte sein Büro mit. Er arbeite seit einigen Tagen von zu Hause aus. Seine Frau Camilla sei getestet worden, sei aber nicht infiziert.

Noch am Anfang der Epidemie stehen die USA, wo das Virus allerdings jetzt schnell grassiert. 53.000 Infektionen und 720 Tote wurden gemeldet. Präsident Donald Trump hat angekündigt, das Land Ostern wieder zu öffnen und zu normalisieren. Nun aber äußerte er sich zurückhaltender. Er werde auf den Rat der Experten hören, sagte Trump. Der US-Präsident bat Südkorea um Hilfe bei Schutzausrüstungen und vor allem Material für Tests.

In den Niederlanden dagegen hat sich die Ausbreitung des Coronavirus nach Behördenangaben deutlich verlangsamt. Gegenwärtig gehe man im besten Fall davon aus, dass eine infizierte Person nur eine andere Person infiziere, sagte Jaap van Dissel vom Reichsinstitut für Gesundheit und Umwelt (RIVM). Das bedeute, dass "das exponentielle Wachstum des Ausbruchs aller Wahrscheinlichkeit nach zum Stillstand gekommen ist". Die Niederlande haben nicht ganz so strikte Einschränkungen wie etwa Italien, Spanien und Deutschland.

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