Corona-Krise als Chance für Europa

Stefan Riße

In Brüssel sitzen die EU-Regierungschefs zusammen, um ein Hilfspaket von 750 Milliarden Euro zur Bekämpfung der Corona-Krise auf den Weg zu bringen. Es ist zu hoffen, dass dies auch verabschiedet wird, könnte es doch eine Wende für Europa einleiten. Denn die bisherigen Krisen, insbesondere die Eurokrise mit Griechenland im Zentrum aber auch den anderen Peripheriestaaten und besonders Italien haben die Solidarität in Europa nicht gefördert, sondern geschwächt.

An Corona trifft niemand eine Schuld, das ist der Vorteil

Während bei der Eurokrise den besonders betroffenen Ländern vorgeworfen wurde, Schlendrian in den eigenen Staatsfinanzen zugelassen und damit die Krise ausgelöst zu haben, trifft bezüglich der Corona-Krise kein Land irgendeine Schuld. Das ist der große Vorteil. Aus diesem Grund ist die Bereitschaft der Länder größer, hier zusammenzuhalten, wenngleich noch einige Schwierigkeiten aus dem Weg zu räumen sind. Die sogenannten sparsamen vier, Österreich, Dänemark, Niederlande und Schweden, sind nicht gegen das Hilfspaket, wollen aber direkte Transferleistungen vermeiden und nur Kredite gewähren.

Deutschland endlich mit rühmlicher Rolle, Merkel lernt dazu

Deutschland gehört diesmal nicht zu den Bremsern in Bezug auf eine Unterstützung der sehr hart getroffenen Länder wie Italien, Spanien oder Frankreich. Spielten wir uns in der Eurokrise noch wie Europas Zuchtmeister auf, scheint Angela Merkel dazu gelernt zu haben. Anlass mag die Lektion aus der Flüchtlingskrise 2015 gewesen sein, in der Deutschland dann allein gelassen wurde. Wahrscheinlich spielt aber auch die Tatsache eine Rolle, dass Wolfgang Schäuble nicht mehr unser Finanzminister ist und der Bundeshaushalt nicht mehr geführt wird wie der einer schwäbischen Hausfrau. Und letztendlich kommt natürlich auch hinzu, dass selbst wenn wir besser durch die Corona-Krise gekommen sind, auch Deutschland hart getroffen ist, nicht zuletzt durch die Exportabhängigkeit. Wir benötigen die Nachfrage aus den anderen Ländern.

Weckruf für Europa

Dieser EU-Gipfel könnte sowas wie ein Weckruf für Europa sein, ein sich selbst erkennen und der Fähigkeit zur Solidarität. Und die ist dringender geboten denn je. Die Welt befindet sich in einem Machtkampf zwischen China und den USA. Und hier geht es nicht nur darum, welches Land die zukünftig stärkste Wirtschaftsnation der Welt sein wird, sondern um die generelle Vorherrschaft in der Welt. Das Sicherheitsgesetz in Hongkong sowie die Beanspruchung von 90 Prozent des südchinesischen Meeres haben dies nochmals verdeutlicht. Die Neue Seidenstraße ist ohnehin als Instrument der Machtausdehnung Chinas gesetzt. Europa droht in diesem Kampf aufgerieben zu werden und wirtschaftlich sowie militärisch zurückzufallen. Während die USA schon in den vergangenen Jahren massiv investiert und große Budgetdefizite gefahren haben, glaubte man in Europa oder zumindest hierzulande und in den genannten Ländern, die jetzt die sparsamen vier bilden, dass uns Haushaltsdisziplin zukunftsfähig macht. Was für ein Irrglaube. Das Corona-Hilfspaket zeigt nun in eine ganz andere Richtung und wird auch deutlich machen, dass die Angst vor mehr Schulden unbegründet ist. Insofern ist zu hoffen, dass man über das Hilfspaket hinaus in den kommenden Jahren auch im wieder solidarisierten Europa in die Zukunft investiert. Denn die Vereinigten Staaten von Europa haben ein größeres Bruttoinlandsprodukt als die USA. Und so gesehen wird es dann auch noch länger dauern, bis China wirklich der wirtschaftlich größte Machtblock ist. Europa muss nur glaubwürdig vermitteln, dass es genauso als Einheit zu sehen ist wie China oder die USA.

Europäische Aktien könnten wieder in Mode kommen

Zu der genannten, langfristig jetzt positiven Perspektive für Europa lässt sich ohnehin schon mal festhalten, dass wir besser durch die Corona-Krise kommen als die USA. Während dort die Infektionszahlen wieder nach oben drehen, sieht es europaweit besser aus. Das könnte der Wirtschaft der Gemeinschaftsstaaten einen Vorteil gegenüber den USA verschaffen, und damit womöglich auch europäischen Aktien. Sie sind ohnehin auf einem historischen Tiefstand gegenüber amerikanischen Aktien, schaut man sich die Kurs-Gewinn-Verhältnisse an. Bisher fehlte die Fantasie für eine Umkehr, die ist durch Corona möglicherweise jetzt gegeben.

Hinweis: Die Inhalte der Kolumnen dienen ausschließlich der Information und stellen weder eine Anlageberatung oder sonstige Empfehlung im Sinne des Wertpapierhandelsgesetzes dar noch sind sie als Zusicherung etwaiger Kursentwicklungen zu verstehen. Die geäußerten Ansichten geben allein die Meinung des jeweiligen Autors wieder. Für den Inhalt der Kolumne ist allein der jeweilige Autor verantwortlich.
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Expertenprofil
Stefan Riße Stefan Riße Kapitalmartktstratege Acatis Investment

Stefan Riße Jahrgang 1968, aus Bremen ist Börsianer mit Leib und Seele. Seit seinem 16. Lebensjahr beschäftigt er sich intensiv mit den internationalen Finanzmärkten.

Nach dem Abitur und Praktika bei Banken und Vermögensverwaltern arbeitete er zwei Jahre lang als Broker, bevor er in den Journalismus wechselte. Er schrieb für Zeitschriften wie Forbes und Focus und ist seit über fünf Jahren ständiger Kolumnist für Focus Money.

Bekannt wurde Stefan Riße aber vor allem aufgrund seiner Tätigkeit als Börsenkorrespondent für "n-tv", wo von 2001 bis 2005 seine Berichte live vom Frankfurter Börsenparkett gesendet wurden. Von 2006 bis 2011 war er Chief Market Strategist der Deutschlandniederlassung von CMC Markets – dem ersten CFD- Market-Maker in Deutschland.

Seit Mai 2018 ist er Kapitalmarktstratege bei Acatis Investment und als dieser nach wie vor gefragter Interviewgast u. a. auch bei "n-tv" wo er regelmäßig auftritt.

Bereits im Alter von 17 Jahren lernte er den im September 1999 verstorbenen Börsenaltmeister André Kostolany kennen, mit dem ihn bis zu dessen Tod eine enge Freundschaft verband.

Sein bisher letztes Buch „Die Inflation kommt!“ war eines der erfolgreichsten Wirtschaftsbücher im Jahr 2010 und erreichte Platz 1 der Handelsblatt-Bestsellerliste.

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