Das große Durcheinander am Halbleitermarkt und dessen langfristige Auswirkungen

Bernd Schmid

Mit ihrer Lockdown-Politik haben die Regierungen dieser Welt ein großes Durcheinander in der Weltwirtschaft ausgelöst. Am meisten spüren das die Verbraucher von Halbleitern, ganz besonders die Automobilindustrie.

Das große Durcheinander am Halbleitermarkt und dessen langfristige Auswirkungen

Diese Situation zeigt eindrucksvoll, welche Nachteile die Verlagerung der Produktion an die billigsten Standorte in Kombination mit Just-in-time-Lieferketten hat.

Dagegen wollen viele Regierungen jetzt vorgehen und schaffen Anreize für das Zurückholen der Halbleiterproduktion in den Westen. Jedoch geschieht dieser Eingriff der Regierungen auf eine Art und Weise, die abermals ziemlich fatale Folgen haben kann. Grant Williams hat das in seinem jüngsten Newsletter von Things That Make You Go Hmmm … wunderbar aufgearbeitet. Ich versuche seine Analyse hier zusammenzufassen, da sie durchaus Auswirkungen auf Investitionsentscheidungen haben dürfte.

Warum es überhaupt zu Lieferengpässen kam

Dass in erster Linie die Lockdown-Politik daran schuld ist, das dürfte klar sein. Der Blick eine Ebene tiefer eröffnet jedoch eine ganz neue Perspektive, weshalb die Situation aktuell wirklich so ist, wie sie ist.

Der Zustand der Halbleiterindustrie vor der Coronakrise

Zunächst ist da die Ausgangssituation der Halbleiterindustrie im Jahr 2019. Die Aussichten waren sehr trübe. Der Autor des Newsletters The High-Tech Strategist Fred Hickey hat es in seinen damaligen Ausgaben detailliert beschrieben, wie desaströs die Situation war. Alleine im damaligen Analystencall des Halbleiterherstellers On Semiconductor mussten Analysten Folgendes vernehmen:

-Die Nachfrage aus China (dem interessanterweise größten Importeur von Halbleitern) fing an nachzulassen.

-Alle Endmärkte zeigten steile Rückgänge bei den Bestellungen.

-Schwäche bei der Nachfrage von Industrie und Verbrauchern

-Investitionskürzungen bei den Cloudanbietern ist zu erwarten.

Wie sich in den folgenden Wochen herausstellte, stand On Semiconducter nicht alleine da. Die Quartalskonferenzen von Skyworks, Microchip, Nvidia, Micron, Osram and Infineon brachten praktisch alle dieselben Herausforderungen zutage. Der Markt war offensichtlich gesättigt, stand möglicherweise vor einem Peak.

Insbesondere der Smartphonemarkt wurde hervorgehoben. Und die drei großen Smartphone-Hersteller zusammen waren im Jahr 2019 verantwortlich für fast ein Viertel der globalen Halbleiternachfrage.

Entsprechend sah man in der Halbleiterindustrie nicht einmal im Ansatz die Notwendigkeit, an Kapazitätsausbau zu denken.

Der Homeoffice-Boom und dessen Welleneffekt

Dann kamen die Lockdowns. Und mit diesen die Erkenntnis vieler Arbeitgeber und Arbeitnehmer, welch große Vorteile Homeoffice doch hat. Das wiederum hatte einen enormen Anstieg bei der Nachfrage nach IT- und Kommunikationsausrüstung zur Folge.

Aus einem BBC-Artikel vor zwei Monaten:

Ein sprunghafter Anstieg der iPhone-Verkäufe, vor allem in China, hat bei Apple zu einer Verdoppelung des Gewinns seit Beginn der Pandemie geführt.

Die Ergebnisse spiegelten „Optimismus“ für die kommenden Tage wider, sagte der Chef von Apple … Apple verzeichnete während der Pandemie einen Anstieg der Verkäufe seiner Telefone, Apps und anderer Geräte, da die Verbraucher mehr Zeit mit Arbeiten, Einkaufen und der Suche nach Unterhaltung im Internet verbrachten.

Dieser enorme Nachfrageschub stellte die Halbleiter offensichtlich vor Herausforderungen. Herausforderungen, die eine andere Industrie besonders zu spüren bekam ‒ die Autoindustrie. Weshalb, das kann ich nicht annähernd so eloquent beschrieben wie Grant Williams:

Es ist die Autoindustrie, die die Hauptlast der Chip-Knappheit zu tragen hat, weil die Hersteller bei der Zuteilung ihres Chip-Vorrats vor einer ziemlich einfachen Wahl stehen.

Bevorzugen sie die Chips im Wert von über 100 Dollar, die für jedes Smartphone benötigt werden, oder die Chips im Wert von 0,50 Dollar, die für die meisten Unterhaltungssysteme usw. in einem durchschnittlichen Auto benötigt werden?

Jetzt kommen unter anderem die Regierungen wieder

Die Automobilindustrie gehört zu den wichtigsten Industrien weltweit. Insbesondere in Europa, aber auch den USA hängen sehr viele Arbeitsplätze von dieser ab. Wenn nun so etwas wie eine selbst verursachte Chip-Knappheit sehr viele Arbeitsplätze gefährdet, dann müssen Regierungen natürlich (wieder) handeln.

Auf Bloomberg.com ist zu lesen:

Bei einem Treffen im Weißen Haus im April sagte Präsident Joe Biden den Führungskräften der Unternehmen, dass sein Vorschlag für eine Unterstützung über 50 Milliarden Dollar für die Halbleiterfertigung und Forschung von beiden Parteien unterstützt werden würde.

[…]

In ähnlicher Weise prüft die Europäische Union Möglichkeiten zum Aufbau einer fortschrittlichen Halbleiterfabrik in Europa.

Und auch die Regierung in Südkorea kündigte jüngst Maßnahmen zur Unterstützung der koreanischen Halbleiterindustrie an, darunter Steuergutschriften und Anreize für Infrastrukturinvestitionen.

Und als wäre all das noch nicht genug, ist auch der Privatsektor wie noch nie daran interessiert, Halbleiterproduzenten aus dem Boden zu stampfen. Laut Grant Williams gingen in den Jahren 2019 und 2020 zusammen mehr Halbleiterfirmen an die Börse in China als zwischen 2010 und 2018 zusammen. Und auch die Anzahl von Venture Capital Deals explodierte auf 450 im Jahr 2020 von durchschnittlich ca. 100 in den sechs Jahren zuvor.

Warum dies in einer Katastrophe für die Industrie enden kann

Wir erinnern uns an die Situation der Halbleiterindustrie im Jahr 2019: Eine nachlassende Nachfrage auf breiter Front nach Halbleitern, insbesondere im die Halbleiterindustrie dominierenden Smartphone-Markt.

Das wurde „korrigiert“ durch die Lockdowns. Allerdings: Wie Nachhaltig ist das Ganze?

Lassen wir dazu wieder Fred Hickey sprechen, der die Industrie wie kein zweiter zu verstehen scheint:

COVID-19 sorgte für einen einmaligen Kaufrausch, der sich nicht wiederholen wird. Inzwischen haben die meisten Leute neue Computerausrüstung für die Arbeit zu Hause oder für die Schule zu Hause gekauft und jetzt werden einige wieder ins Büro und in die Schulen gehen. Die PC-(und Tablet- sowie Smartphone-)Märkte werden noch mehr gesättigt sein und die Jahresvergleiche später in diesem Jahr werden horrend schwierig werden.

Die hohen Investitionen in Halbleiterunternehmen von Venture-Capital-Unternehmen und die große Anzahl solcher Unternehmen, die in den letzten zwei Jahren an die Börse gebracht wurden, könnten zu einem denkbar schlechten Zeitpunkt erfolgt sein.

Und ausgerechnet in diese Situation hinein geben Regierungen nun auf Teufel komm raus Anreize zum Bau von Halbleiterkapazitäten in den Industrienationen.

Zugegeben, es dürfte durchaus Sinn machen, die Abwanderung von Produktionskapazitäten für Halbleiter aus Europa und anderen Industrienationen zu entschleunigen oder gar umzukehren. Überlegtes Investieren sieht aus meiner Sicht trotzdem ganz anders aus.

Offenlegung: Bernd besitzt keine der erwähnten Aktien. The Motley Fool besitzt und empfiehlt Aktien von NVIDIA. The Motley Fool empfiehlt Skyworks Solutions.

Foto: vierra / Shutterstock.com

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Expertenprofil
Bernd Schmid Bernd Schmid

Herr Schmid ist Chefanalyst von The Motley Fool Deutschland und leitet den Newsletter Stock Advisor Deutschland mit dem Ziel, langfristig orientierten Anlegern zu helfen überdurchschnittliche Renditen zu erwirtschaften und bessere Anleger zu werden.

Bevor er im Jahr 2014 beim Deutschlandstart Teil des Teams von The Motley Fool wurde, begann er damit, als selbständiger Berater mittelständische Unternehmen rund um das Thema Finanzen, mit dem Fokus auf die Bilanzanalyse und Bilanzplanung, zu beraten. Vorher war Herr Schmid anderthalb Jahre als Manager für den innovativen Zahlungsdienstleister SumUp und für zweieinhalb Jahre bei der Detecon als Technologie- und Strategieberater für Telekommunikationsunternehmen weltweit tätig.

Herr Schmid ist CFA Charterholder, besitzt einen Master of Business Administration und einen Master of Science im Bereich Elektrotechnik von der Technischen Universität Hamburg-Harburg und ein Diplom (FH) von der Hochschule Ravensburg Weingarten. Während seiner akademischen Zeit forschte Herr Schmid in den Bereichen Robotik und Nanophotonik.

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