Deutsche Wirtschaft wächst in Rekordtempo - Doch Teil-Lockdown trübt Aussichten

Reuters

- von Reinhard Becker und Klaus Lauer und Christian Kraemer

Berlin (Reuters) - Nach dem historischen Einbruch in der Corona-Krise ist die deutsche Wirtschaft im Sommer so stark gewachsen wie noch nie.

Das Bruttoinlandsprodukt (BIP) legte im Frühjahr von Juli bis September um 8,2 Prozent zum Vorquartal zu, wie das Statistische Bundesamt in Wiesbaden am Freitag mitteilte. Experten befürchten aber, dass es schon zum Jahresende wegen des Teil-Shutdowns wieder schwieriger wird, womöglich sogar eine Rezession heraufzieht. Die Prognosen für 2021 sind daher mit Vorsicht zu genießen. Ein harter Corona-Winter kann die erwartete Konjunkturerholung im nächsten Jahr noch zunichtemachen: "Wir stehen aktuell an einem Scheideweg", sagte Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier.

Die zweite Welle mit zuletzt rasant gestiegenen Neuinfektionen müsse gebrochen werden, weshalb die Regierung zusammen mit den Bundesländern diese Woche neuerliche Beschränkungen des öffentlichen Lebens beschlossen habe, sagte Altmaier. "Das Aufholtempo wird nun angesichts des neuerlichen Teil-Lockdowns deutlich an Fahrt verlieren", prophezeit Außenhandelspräsident Anton Börner. Die sektoralen Schließungen seien "eine erhebliche Belastung" für die wirtschaftliche Erholung, auch wenn sie aus Gründen des Gesundheitsschutzes vertretbar und angezeigt sein sollten.

Bundesfinanzminister Olaf Scholz sieht mit dem anstehenden Teil-Lockdown im November den "Monat der Wahrheit" auf Deutschland zukommen: "Wir werden alles tun, um die Infektionsdynamik zu brechen, um Leben zu schützen und unsere Wirtschaft." Der saarländische Ministerpräsident Tobias Hans (CDU) hält allerdings eine Verlängerung des Lockdowns in den Dezember hinein für möglich, sollten die Infektionszahlen nicht entscheidend sinken. Angesichts solcher Perspektiven erscheint laut Chefökonom Stefan Bielmeier von der DZ Bank nunmehr ein Rückfall in eine "vermutlich leichte Rezession" nicht unwahrscheinlich. Und der weitere Konjunkturverlauf im kommenden Jahr werde maßgeblich von der erfolgreichen Entwicklung und Verteilung eines Corona-Impfstoffes abhängig sein.

Die Bundesregierung hat in der Krise milliardenschwere Hilfs- und Kreditprogramme aufgelegt, um die Folgen der Corona-Krise für die Wirtschaft abzufedern. Dabei haben bereits mehr als 80 Firmen Interesse an Hilfen aus dem sogenannten Wirtschaftsstabilisierungsfonds (WSF) bekundet, wie aus Unterlagen für den Wirtschaftsausschuss des Bundestages hervorgeht. Fünf Anträge seien bisher bewilligt worden - im Volumen von 6,58 Milliarden Euro. Nach Ansicht von FDP-Wirtschaftspolitiker Karsten Klein hat die "Regierungs-Bazooka" massive Ladehemmung: "Von den 50 Milliarden Euro Sofort- und Überbrückungshilfe werden bis zum Ende des Jahres nur 20 Milliarden bei den Notleidenden ankommen. Das sind lediglich 40 Prozent."

"SCHWIERIGE ZEIT"

Die Bundesregierung erwartet 2021 ein BIP-Wachstum von 4,4 Prozent. Die Prognose stehe aber unter dem Vorbehalt, dass die Pandemie unter Kontrolle sei, sagte CDU-Politiker Altmaier. Sie werde die Wirtschaft noch weit ins Jahr 2021 hinein belasten. "Es ist eine schwierige Zeit."

Wie stark die Corona-Krise die Wirtschaft zurückgeworfen hat, zeigt ein zweiter Blick auf die vordergründig als "Traumergebnis" zu wertende Wachstumszahl vom Sommer, wie KfW-Chefökonomin Fritzi Köhler-Geib meint: "Der historische Wachstumsschub ist wenig mehr als eine mechanische Gegenreaktion auf den vorangegangenen noch tieferen Einbruch." Commerzbank-Chefökonom Jörg Krämer verweist darauf, dass die Wirtschaft zwar knapp zwei Drittel des Corona-bedingten Einbruchs wettgemacht habe: "Das wäre eine wunderbare Steilvorlage für das vierte Quartal gewesen. Aber wegen der zweiten Corona-Welle und des neuerlichen Lockdowns können wir froh sein, wenn das Wirtschaftswachstum im vierten Quartal nicht unter die Null-Linie fällt."

Auch in Frankreich, wo wegen der Corona-Krise bereits deutlich verschärfte Einschränkungen des öffentlichen Lebens gelten, trüben sich damit die Konjunkturaussichten wieder ein. Das Land hatte im Sommer mit 18,2 Prozent ein noch weit stärkeres Wachstum zu verzeichnen als Deutschland. Nun droht das Pendel wieder in die andere Richtung auszuschlagen: Das Bruttoinlandsprodukt dürfte laut der Notenbank im laufenden Quartal schrumpfen. Auch die Südländer Spanien und Italien, die im Sommer mit ähnlich kräftigen Wachstumsraten im zweistelligen Prozentbereich glänzten, müssen sich konjunkturell auf einen trüben Herbst einstellen.

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