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Die neue Gegenwart

Stefan Riße

Rißes Wochenkehraus heute mit einem Brief vom Acatis Gründer Hendrik Leber.

San Francisco ist der Ort, an dem die Technologiekonferenzen der großen Investmentbanken stattfinden. Von hier aus ca. 70 km nach Süden finden sich auf engem Raum Firmen, die wahrscheinlich in Summe mehr als das deutsche Bruttosozialprodukt produzieren. Sie präsentieren sich auf den Investment-Konferenzen von Goldman Sachs, wo ich mich derzeit befinde, oder in wenigen Wochen bei Morgan Stanley.

Die Kernfrage bei jeder Unternehmenspräsentation ist, wie man noch mehr Kunden weltweit erreicht und noch mehr Geld aus jedem Kunden herausziehen kann. Während in Deutschland Schwaben und Badener sich streiten, Bayern und Franken, Kölner und Düsseldorfer, geht es im Silicon Valley immer gleich um die ganze westliche Welt. Facebook hat derzeit 2,6 Mrd. Kunden, Google will seine Cloudlösung gleich in 15 Ländern weltweit ausrollen, und selbst das kleine Nachbarschaftsportal Nextdoor.com hat schon 8 Länder erobert. Die großen amerikanischen Firmen sind überall. Sie haben wenig Respekt vor Europa. Wo sie nicht sind, dominieren wiederum die Chinesen.

Die Individualisierung des Angebots ist eines der wichtigsten Erfolgsrezepte. Im Kampf der großen Nutzerportale Facebook, Amazon und Google geht es darum, dem Kunden schon einen Vorschlag zu machen, bevor er überhaupt weiß, dass er einen Wunsch verspürt. Das geht nur durch umfassende Auswertung aller personenbezogenen Daten und mit den Werkzeugen der künstlichen Intelligenz. Es muss nahtlos gehen. Am besten verlässt der Kunde sein Portal überhaupt nicht mehr. Er wechselt zum Beispiel von Facebook zu Instagram und zu WhatsApp und bleibt damit immer beim gleichen Anbieter. Deutsche Datenschützer würden schaudern, aber das Rezept funktioniert eben auch nur, wenn die Angebote dem Kunden auch schmecken. Das Positive also ist: Firmen wie Netflix produzieren nur noch Filme, die den Kunden gefallen. Denn man sieht ja, bei welcher Minute die Kunden gelangweilt den Fernseher abschalten und korrigiert dies im nächsten Drehbuch. Der Kunde ist transparent, und er bekommt das angeboten, was er sich wünscht. Auf diese Weise werden Umsätze und Werbedollar maximiert.

Es wird noch verrückter: Spieleanbieter wie Electronic Arts, die aktuell innerhalb einer knappen Woche 25 Millionen neue Spieler für das Spiel Apex gewonnen haben, können dem Fußballverband Fifa mitteilen, wo in den USA welcher europäische Verein seine Fans hat. Die virtuelle Realität beeinflusst die wahre Realität.

Die Kehrseite unserer offenen Kommunikation ist die immer schlechter werdende Datensicherheit. Über 1 Milliarde Passworte wurden mittlerweile gestohlen. Viel schlimmer allerdings ist die Nachricht, dass sich bei praktisch jedem amerikanischen Großunternehmen schon mindestens 5 ausländische Geheimdienste eingenistet haben. Firmen, die sich auf Datensicherheit spezialisieren, haben darum großen Zulauf. Aber – wo ein Hacker hinein möchte, kommt er mit genügend Geduld auch immer hinein. Es ist ein Wunder, dass nicht noch mehr passiert ist – aber viele Dateneinbrüche werden eben unter der Decke gehalten.

Ob wir es wollen oder nicht – das ist die neue Gegenwart. Unsere Aufgabe als Investor ist es, unter all diesen Firmen die interessantesten herauszufinden. Schade nur, wie schwach die Europäer hier vertreten sind. Ich habe den Eindruck, dass wir die Zukunft verschlafen.

Hinweis: Die Inhalte der Kolumnen dienen ausschließlich der Information und stellen weder eine Anlageberatung oder sonstige Empfehlung im Sinne des Wertpapierhandelsgesetzes dar noch sind sie als Zusicherung etwaiger Kursentwicklungen zu verstehen. Die geäußerten Ansichten geben allein die Meinung des jeweiligen Autors wieder. Für den Inhalt der Kolumne ist allein der jeweilige Autor verantwortlich.
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Expertenprofil
Stefan Riße Stefan Riße Kapitalmartktstratege Acatis Investment

Stefan Riße Jahrgang 1968, aus Bremen ist Börsianer mit Leib und Seele. Seit seinem 16. Lebensjahr beschäftigt er sich intensiv mit den internationalen Finanzmärkten.

Nach dem Abitur und Praktika bei Banken und Vermögensverwaltern arbeitete er zwei Jahre lang als Broker, bevor er in den Journalismus wechselte. Er schrieb für Zeitschriften wie Forbes und Focus und ist seit über fünf Jahren ständiger Kolumnist für Focus Money.

Bekannt wurde Stefan Riße aber vor allem aufgrund seiner Tätigkeit als Börsenkorrespondent für "n-tv", wo von 2001 bis 2005 seine Berichte live vom Frankfurter Börsenparkett gesendet wurden. Von 2006 bis 2011 war er Chief Market Strategist der Deutschlandniederlassung von CMC Markets – dem ersten CFD- Market-Maker in Deutschland.

Seit Mai 2018 ist er Kapitalmarktstratege bei Acatis Investment und als dieser nach wie vor gefragter Interviewgast u. a. auch bei "n-tv" wo er regelmäßig auftritt.

Bereits im Alter von 17 Jahren lernte er den im September 1999 verstorbenen Börsenaltmeister André Kostolany kennen, mit dem ihn bis zu dessen Tod eine enge Freundschaft verband.

Sein bisher letztes Buch „Die Inflation kommt!“ war eines der erfolgreichsten Wirtschaftsbücher im Jahr 2010 und erreichte Platz 1 der Handelsblatt-Bestsellerliste.

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