Drei Fragen an Bernecker: Wird die Lira-Krise weitere Kreise ziehen, werden bald andere Länder dem El-Salvador-Beispiel folgen und ist Prosus unterbewertet?

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In unserer heutigen Ausgabe fragen wir nach einer Einschätzung zu Prosus, ob sich die türkische Währungskrise ausweiten kann und ob andere Länder El Salvador auf dem Bitcoin-Weg folgen werden.

Drei Fragen an Bernecker: Wird die Lira-Krise weitere Kreise ziehen, werden bald andere Länder dem El-Salvador-Beispiel folgen und ist Prosus unterbewertet?

onvista-Redaktion: Der Absturz der türkischen Lira geht ungebremst weiter. Nun wird bereits diskutiert, ob die geplanten US-Zinserhöhungen die Währungskrise auf andere in Dollar verschuldete Schwellenländer ausweiten könnte. Wie schätzen Sie die Situation der türkischen Währung und die Gefahr für andere Staaten ein?

Die Währungs- und Geldpolitik der türkischen Regierung weicht seit Jahren sowohl von der europäischen Politik in diesen Sachfragen ab wie im Grundsatz von den Regeln eines vernünftig aufgebauten Geld- und Kapitalmarktes. Dabei spielt das Gewicht des sogenannten türkischen Großkapitals eine sehr wichtige Rolle, worüber kaum berichtet wird. Es geht nicht um ideologische, sondern praktische Vorteile sowohl für die Exportfähigkeit türkischer Produkte wie umgekehrt die Empfindlichkeit für Importe. Deshalb ist diese sehr individuelle Politik mit anderen Schwellenländern nicht vergleichbar. Eine wichtige Rolle spielt dabei der Tourismus, der immerhin gut 22 % der Zahlungsbilanz berührt. Eine Gefahr für andere Staaten liegt also nicht vor.

onvista-Redaktion: El Salvador geht den Krypto-Pfad noch weiter und erhebt nun eine Anleihe mit Milliarden-Dollar-Volumen – zur Hälfte wird damit Bitcoin erworben, um die Schulden abzusichern und mit der anderen Hälfte soll eine Bitcoin Smart City errichtet werden, die die Krypto-Industrie ins Land locken soll – werden Ihrer Meinung nach andere kleinere Länder bald nachziehen – mit entsprechenden Auswirkungen für den Bitcoin-Preis?

Wer keine eigene selbstständige Zentralbank hat und kein ordentliches Haushaltsrecht, muss sich eine andere Währung suchen. Fälle dieser Art gab es stets und sogar zu Zeiten von Jesus. Auch die Römer experimentierten damit und es gab sogar eine zeitweilige Währungsunion zwischen Frankreich und Italien. Deutsche Städte gaben im Zuge der Währungswirren ab 1921 eigene Währungen aus. Krefeld druckte diese Währung auf Seide, Pirmasens auf Leder und andere in verschiedenen Varianten. El Salvador wählt mit Bitcoin einen interessanten Gegensatz, wie man den eigenen Markt im Inland koordiniert mit einem einzigen Devisenkonto für das Auslandsgeschäft in Dollar oder anderen Währungen. Dann kann es gelingen, über dieses Ventil ein Gleichgewicht zu finden. Venezuela startete diesen Versuch schon vor zwei Jahren, worüber es zurzeit wenig Informationen gibt. Kurzum: Eine seriöse Diskussion zu diesem Thema gibt es nicht.

onvista-Redaktion: Die niederländische Internet-Holding Prosus hat gute Zahlen geliefert – doch die Entwicklung der Aktie ist weiterhin eng an die größte Beteiligung Tencent gekoppelt, obwohl die restlichen Beteiligungen in Gesamtsumme eigentlich eine weit höhere Bewertung von Prosus rechtfertigen würden. Warum lässt der Markt das nicht zu?

Prosus gehört mehrheitlich zum südafrikanischen Medienkonzern Naspers. Enthalten sind darin vor allem Beteiligungen an großen China-Konzernen und die größte betrifft Tencent mit zeitweise 29 %. Aktueller Marktwert 157 Mrd. € bei einem Börsenwert von Prosus von 160 Mrd. €. Die Bewertung aller Beteiligungen gibt Prosus mit rd. 200 Mrd. € an. Was ist richtig? Dieses Beteiligungsportfolio in Prosus zu bündeln und über die Börse zu platzieren, war eine clevere Idee. Ob und wie sie aufgeht, hängt davon ab, wie insbesondere die China-Beteiligungen bewertet werden können.

Dafür gilt als Richtlinie: Peking wird künftig alle Internetadressen Chinas kontrollieren, die über einen großen Fundus von Adressen verfügen. Das sind sowohl die User als auch die tatsächlichen Kunden, wie z. B. Finanzdienstleister. Damit will man verhindern, dass aus Marktmacht politische Macht entstehen kann. Dafür gilt wiederum als Leitlinie: Diese Gesellschaften sollen ihre Geschäfte weiter dynamisch führen, aber bleiben unter der zitierten Kontrolle. Daraus ergibt sich ein Risikozuschlag oder ein Bewertungsdiscount. Beides ist noch offen und dürfte sich erst in den kommenden Monaten näher definieren lassen. So lange schaut man auch bei Prosus zu. Ich warte ab.

Vielen Dank für Ihre Antworten!

Foto: Bernecker

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