Edelmetallhändler: Der Nachschub stockt

Fundresearch

Fakten, die bisher eher zur Kategorie „überflüssiges Wissen“ zählten: Rund 70 Prozent des weltweit geförderten Goldes werden in der Schweiz verarbeitet. Drei Raffinerien der Firmen Valcambi, Argor- Heraeus und PAMP verarbeiten mit 1500 Tonnen Gold zusammen rund ein Drittel des weltweiten Jahresangebots, zusätzlich erhebliche Mengen anderer Edelmetalle. Alle drei Anlagen stehen im Kanton Tessin — und dort geht seit Montag nichts mehr.

Ausgerechnet in einer Phase, wo Gold als sicherer Hafen gefragt ist, bricht somit der Nachschub an Münzen und kleineren Barren weg. Dazu kommen Engpässe bei den Prägeanstalten und in der Logistik. Wer sich unbedingt mit physischem Gold eindecken will, sollte dies lieber schnell tun, muss dann aber ungünstige Konditionen wie deutlich gestiegene Aufgelder in Kauf nehmen. Physisch besicherte Gold-ETCs sind eine sinnvolle Alternative. Über die aktuelle Situation bei zehn Edelmetallhändlern mit Stand Donnerstag, 17.00 Uhr, gibt die Tabelle rechts einen Überblick.

Mindestens eine Woche lang wollen die lokalen Behörden im Tessin die Schließung nicht lebenswichtiger Industriezweige aufrechterhalten, um die Ausbreitung des Sars-CoV-2-Virus zu bremsen. Von den Standorten der Goldraffinerien im Süden des Kantons sind es kaum mehr als 50 Kilometer bis nach Mailand und rund 100 Kilometer bis Bergamo, das mit am schlimmsten von der Corona-Pandemie betroffen ist. Es gibt viele Pendler vom einen ins andere Land. Auch wenn der Schritt der Unter- nehmensschließungen in der Schweiz auf Bundesebene rechtlich umstritten ist: Zumindest Valcambi und Argor- Heraeus verkündeten, bis Ende des Monats dichtzumachen.

Situation ändert sich ständig

Gleichzeitig schließen auch viele Prägeanstalten: Südafrika und Kanada sperren mindestens ebenso lang wie die Raffinerien zu. „Die Perth Mint in Australien nimmt aktuell keine Aufträge mehr an, da sie zwei Millionen Silberunzen aufgrund offener Bestellungen nachprägen müssen“, sagt Christian Brenner, Geschäftsführer des Edelmetallhändlers Philoro. Dessen Filialen sind, wie bei allen Händlern, längst geschlossen. Kaufen können Anleger nur noch in Onlineshops. Noch hat Philoro Ware und kann sie auch versenden. „Den bunten Blumenstrauß an Produkten gibt es aktuell nicht, aber wir haben noch große Bestände und können alle Bestellungen auch kurzfristig bedienen“, so Brenner.

Doch die Situation ändert sich von Tag zu Tag. Weil der Werttransporter Prosegur die Übergabe an Privatpersonen erst eingestellt hatte, inzwischen wieder eingeschränkt anbietet, ist der Versand von Sendungen mit einem Wert von über 25 000 Euro schwieriger geworden. Andere Logistikdienstleister wie zum Beispiel Fedex liefern nicht mehr in bestimmte Länder. Aufgrund der Grenzschließungen kommen keine Sendungen mehr aus den USA und Kanada, bei anderen Quellen ist fraglich, wie lange es noch Plätze beispielsweise für Luftfracht gibt.

Die Edelmetallhändler müssen daher neue Lösungen finden. Heraeus Gold verschickt gar nicht mehr, dafür ist aber die Lagerung im Hochsicherheitslager bis Ende des Jahres kostenlos, sowohl für Neu- als auch für Bestandskunden. Degussa bot das zwischenzeitlich auch an, versendet jedoch inzwischen wieder. Die Münchner Pro Aurum musste vergangene Woche sogar den Onlineshop für drei Tage schließen, um die massenhaft eingegangenen Aufträge abzuarbeiten. Als Konsequenz, um der rie- sigen Nachfrage Herr zu werden, beschränkt das Unternehmen sich nun auf die Annahme von 500 Aufträgen pro Tag. „Wir verzichten lieber auf Neugeschäft, als dass Kunden extrem lang auf die Lieferung warten müssen“, sagt Robert Hartmann, Gründer und Gesellschafter von Pro Aurum.

Tsunami an Kaufaufträgen

Denn die Käufer stürmen Onlineshops und Telefon-Hotlines wie nie zuvor. Goldhändler sprechen von einem Tsunami an Anfragen, Pro Aurum etwa verzeichnet eine Nachfrage, die 50 bis 60 Prozent über der Zeit der Finanzkrise liegt. „Es wird alles gekauft, was angeboten wird, es geht gar nicht mehr um den Preis, sondern um die Verfügbarkeit und die Menge“, beobachtet Henry Schwarz, Geschäftsführer von Anlagegold24.de. „Ware, die heute hereinkommt, wird quasi sofort verkauft.“ Er sieht Parallelen zur Lehman-Pleite und dem Börsencrash von 2007/2008. „Der Unterschied ist, dass die Finanzkrise nicht jeden betroffen hat. Das Coronavirus dagegen ist überall, quasi bei jedem vor der Tür“, so Schwar.

Die — teilweise mehrere Wochen lan- gen — Lieferzeiten beunruhigen die Kunden, Tausende erkundigen sich telefonisch, wo ihr Gold bleibt. Auch die Lageroption schmeckt vielen Anlegern nicht, sie wollen das Edelmetall in den Händen halten. Bedenkenswert ist dabei allerdings der Sicherheitsaspekt: Ein Teil der Bankfilialen hat aktuell geschlossen, Bankschließfächer sind somit nicht immer zugänglich — sofern man denn überhaupt eines bekommt. Das Gold zu Hause aufzuheben ist jedoch, erst recht wenn kein Tresor vorhanden ist, nicht empfehlenswert. Schließlich dürften auch Kriminelle mitbekommen, wie groß der Run auf Barren und Münzen gerade ist.

Was den Nachschub angeht, schwanken die Aussagen der Händler zwischen Extremen. „Wir bekommen immer wieder Produkte herein, aber der Markt ist leergefegt“, sagt zum Beispiel Daniel Klee, Mitglied der Geschäftsführung bei ESG Edelmetall-Service. „Wir haben zwar Kontrakte für die kommenden Wochen, aber die Situation kann sich jederzeit ändern. Zwischendurch hatten wir auch schon die Situation, dass im Onlineshop alles weg war.“ Und während Pro Aurum in Deutschland laut Auskunft vom Donnerstag über Bestände für zwei bis vier Wochen verfügt, heißt es im Schweizer Onlineshop: „Wir sind ausverkauft und bekommen in absehbarer Zukunft keine neue Ware mehr.“

Goldpreis im Aufwind

Nachdem der Goldpreis zunächst unter Notverkäufen von Investoren gelitten hat, ist das Edelmetall jetzt wieder im Aufwind. Angesichts der geöffneten Geldschleusen bei Fed und EZB und den milliardenschweren Hilfspaketen diverser Länder sollte der Goldpreis mittelfristig profitieren. Auch in der Finanzkrise 2008 gab Gold zunächst nach, drehte jedoch mit der Ankündigung der quantitativen Lockerung der Fed nach oben. Bis 2011 verteuerte es sich auf rund 1800 Dollar pro Feinunze. Analysten der Commerzbank glauben jedoch aufgrund des erwarteten Nachfrageeinbruchs in der Goldnation Indien „nicht, dass die Bäume für den Goldpreis in den Himmel wachsen“. Anleger, die nicht bereit sind, den stark gestiegenen Aufpreis für physisches Gold zu zahlen oder die bei Händlern leer ausgingen, investieren besser in einem ETC wie Xetra-Gold (ISIN: DE000A0S9GB0). Auch dieses Produkt ist mit Goldbarren hin- terlegt und es kann jederzeit ge- und verkauft werden.

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Quelle: €uro am Sonntag

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