Ein Sturm im Wasserglas

Stefan Riße

Der Start ins Börsenjahr 2016 dürfte wohl so machen überrascht haben. Mich auch! Denn es fehlen die wirklichen Gründe für eine echte Baisse, die rechnet man von den Höchstkursen im April 2015 herunter nun nicht mehr zu leugnen ist. 31 Prozent verlor der DAX in der Spitze. Oder gab es doch berechtigte Gründe für diesen Kurssturz? Sind die Banken in Gefahr, weil der Ölpreis sinkt? Und sinkt der Ölpreis weil in China die Konjunktur zusammenklappt? Und führt dieser Konjunktureinbruch zu einem Gewinneinbruch der deutschen Exportindustrie?

Keine Anzeichen für eine Rezession

Wären alle dieses Fragen mit „Ja“ zu beantworten, dann ließe sich der Kurssturz noch begründen. Doch wo sind die harten Fakten, die einen reellen Hinweis darauf geben, dass wir eine globale Rezession bekommen. Eine Abkühlung der Weltwirtschaft kann nicht bestritten werden. Doch es gibt keine Anzeichen eines scharfen Einbruchs. Viel zu solide ist der Arbeitsmarkt in den USA. Klammert man die Ölindustrie aus, die unter den schwachen Ölpreisen leidet, dann sind die Gewinne der US-Unternehmen abermals gestiegen und nimmt die Beschäftigung weiter deutlich zu. Längerfristig - wenn die Preissicherungen der energieintensiven Unternehmen ausgelaufen sind - werden deren gesunkene Kosten voll auf die Endverbraucherpreise durchschlagen, was dann wie eine Steuersenkung wirkt. Vor allem Kern-Europa profitiert, das keine Ölindustrie hat. China wächst langsamer, auch das stimmt, aber ein Einbruch ist auch hier nicht zu erwarten. Das Reich der Mitte befindet sich in einem Transformationsprozess. Dienstleistung statt Infrastruktur ist die Devise. Dennoch stagnieren die Rohstoffimporte nur, und brechen nicht ein. Es gibt nur zu stark wachsende Kapazitäten. Die verbrauchte Ölmenge nimmt sogar weiter zu.

Bankenkrise ist weit und breit nicht erkennbar

Vor allem die Kurse der Banken hat es zerlegt in den ersten Wochen des Jahres. Die Angst geht um, dass sich so etwas wie die Finanzkrise wiederholt. Niemand macht sich die Mühe, die Größenordnungen zu vergleichen zwischen den Kreditverpflichtungen des Ölsektors und der damaligen Immobilienkredite. 12 Billionen waren es damals gegenüber einer Billion heute. Außerdem sind die Banken als Folge der Finanzkrise mit viel höheren Eigenkapitalquoten ausgestattet. Als im Sommer 2007 erstmals die Kurse abstürzten, da waren in Deutschland die IKB und in den USA Bear Stearns Fonds bereits in Not. Heute gibt es derlei Nachrichten nicht. Das einzige was fällt, sind die Bankaktien. Schwache Banken in Italien werden absehbar notleidende Kredite an eine Bad Bank übertragen unter der Regie der Europäischen Zentralbank (EZB). Auch über Chinas Banken wird viel geredet. Deren Ausleihungen und notleidenden Kredite haben stark zugenommen seit der Finanzkrise. Aber es darf nicht vergessen werden, dass sie alle in staatlichen Händen sind. Pleiten sind daher ausgeschlossen und Rekapitalisierung jederzeit möglich, wenn nötig.

Nachrichten machen die Kurse

Die oben erwähnten Ängste sind nicht entstanden, weil es hierfür reale Gründe gibt, sondern weil wieder einmal Kurse Nachrichten produziert haben. Der wahre Grund für die Kursstürze dürfte im Wesentlichen zwei Gründe haben. Der erste liegt in der Risikoaversion der Anleger, vor allem der institutionellen. Sie haben alle festgelegte Risikobudgets, und wenn diese erreicht sind, dann wird stumpf verkauft, egal ob es vernünftig erscheint oder nicht. Dies ist ein sich selbst verstärkender Prozess. Und was heute fehlt, und damit sind wir beim zweiten Grund, sind Banken die in solchen Phasen ausgleichend in den Markt eingreifen und auch mal was auf das eigene Buch nehmen. Denn sie dürfen es nicht mehr. Deshalb rauscht es einfach durch.

Habe ich Recht, dann dürften sich die Kurse demnächst sehr schnell erholen, weil der Verkaufsdruck weg ist. Diejenigen, die unten verkauft haben, dürfen dann nach oben den Kursen hinterherlaufen, um nicht zum „Underperformer“ zu werden. Und bei 12.000 im Dax werden wir dann wieder von der Alternativlosigkeit der Aktie erzählt bekommen. Kurse machen Nachrichten!

Hinweis: Die Inhalte der Kolumnen dienen ausschließlich der Information und stellen weder eine Anlageberatung oder sonstige Empfehlung im Sinne des Wertpapierhandelsgesetzes dar noch sind sie als Zusicherung etwaiger Kursentwicklungen zu verstehen. Die geäußerten Ansichten geben allein die Meinung des jeweiligen Autors wieder. Für den Inhalt der Kolumne ist allein der jeweilige Autor verantwortlich.
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Expertenprofil
Stefan Riße Stefan Riße Kapitalmartktstratege Acatis Investment

Stefan Riße Jahrgang 1968, aus Bremen ist Börsianer mit Leib und Seele. Seit seinem 16. Lebensjahr beschäftigt er sich intensiv mit den internationalen Finanzmärkten.

Nach dem Abitur und Praktika bei Banken und Vermögensverwaltern arbeitete er zwei Jahre lang als Broker, bevor er in den Journalismus wechselte. Er schrieb für Zeitschriften wie Forbes und Focus und ist seit über fünf Jahren ständiger Kolumnist für Focus Money.

Bekannt wurde Stefan Riße aber vor allem aufgrund seiner Tätigkeit als Börsenkorrespondent für "n-tv", wo von 2001 bis 2005 seine Berichte live vom Frankfurter Börsenparkett gesendet wurden. Von 2006 bis 2011 war er Chief Market Strategist der Deutschlandniederlassung von CMC Markets – dem ersten CFD- Market-Maker in Deutschland.

Seit Mai 2018 ist er Kapitalmarktstratege bei Acatis Investment und als dieser nach wie vor gefragter Interviewgast u. a. auch bei "n-tv" wo er regelmäßig auftritt.

Bereits im Alter von 17 Jahren lernte er den im September 1999 verstorbenen Börsenaltmeister André Kostolany kennen, mit dem ihn bis zu dessen Tod eine enge Freundschaft verband.

Sein bisher letztes Buch „Die Inflation kommt!“ war eines der erfolgreichsten Wirtschaftsbücher im Jahr 2010 und erreichte Platz 1 der Handelsblatt-Bestsellerliste.

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