Einzelhandel nach Corona-Lockerung mit größtem Umsatzplus seit 1994

Reuters

Berlin (Reuters) - Stärkstes Umsatzplus seit mindestens 26 Jahren und nun eine Senkung der Mehrwertsteuer für sechs Monate: Die Aussichten für die deutschen Einzelhändler sind derzeit trotz der Coronakrise besser als in vielen anderen Branchen.

Einzelhandel nach Corona-Lockerung mit größtem Umsatzplus seit 1994

Dank der Lockerungen in der Virus-Pandemie kletterten die Erlöse im Mai zum Vormonat um 13,4 Prozent, wie das Statistische Bundesamt am Mittwoch mitteilte. Preisbereinigt (real) fiel das Plus mit 13,9 Prozent noch stärker aus und war zugleich der größte Umsatzanstieg seit Beginn der Datenerhebung 1994. Ökonomen hatten hier nur 3,9 Prozent Wachstum erwartet. "Natürlich fällt es schwer, diese Zahlen zu glauben", sagte Commerzbank-Experte Ralph Solveen mit Blick auf häufige Revisionen der Handelsdaten. Allerdings dürfte damit die Wirtschaft im zweiten Quartal nicht ganz so stark geschrumpft sein wie von vielen Fachleuten bisher befürchtet.

Im April hatte es wegen Geschäftsschließungen noch ein reales Minus von 6,5 Prozent zum Vormonat gegeben. Aber nicht alle Sparten konnten das wettmachen. Das größte Umsatzplus zum Vorjahresmonat mit knapp 29 Prozent erzielten im Mai erneut die Internet- und Versandhäuser. Auch der Handel mit Lebensmitteln, Getränken und Tabakwaren schaffte real ein spürbares Plus von knapp fünf Prozent. "Speziell die Unternehmen, die im Lockdown waren, kommen aber nur langsam aus der Krise heraus", betonte Hauptgeschäftführer Stefan Genth vom Handelsverband HDE. Im Bereich Bekleidung und Schuhe lagen die Umsätze rund 22 Prozent im Minus und in den ersten fünf Monaten insgesamt bisher etwa ein Drittel unter Vorjahresniveau.

Vor allem der Textilhandel leidet laut Genth stark unter der Krise. "Wenn es dieser Kernbranche vieler Stadtzentren schlechtgeht, trifft das viele Innenstädte hart." Die Warenhauskette Galeria Karstadt Kaufhof will 62 ihrer 172 Filialen schließen.

SCHOLZ NENNT PREISSENKUNGEN "MORALISCHE VERPFLICHTUNG"

Der HDE sieht die am Mittwoch in Kraft getretene Absenkung der Mehrwertsteuer für sechs Monat von 19 auf 16 Prozent "mit gemischten Gefühlen". Einerseits setze dies ein positives Zeichen für die Binnenkonjunktur, sagte Genth. Andererseits werde dies allein den Einzelhandel in der Krise nicht retten. "Zudem entstehen durch die zeitlich befristete Steuerabsenkung erhebliche Aufwände bei den Händlern", beklagte er. So hätten die Kassensysteme umgestellt werden müssen. Die Verbraucher profitierten aber von der Absenkung, denn wegen des erbitterten Wettbewerbs würden viele Händler diese direkt weitergeben.

Bundesfinanzminister Olaf Scholz (SPD) appellierte an Händler, Gastronomen und Dienstleister, die Steuersenkung an Kunden weiterzureichen. Preissenkungen seien nun eine "moralische Verpflichtung", sagte Scholz bei "Bild" Live. "Denn immerhin sind es jetzt 20 Milliarden Euro, die wir als Steuerzahler dafür in die Hand nehmen, damit das mit der Wirtschaft insgesamt gut funktioniert." Sollte es keine flächendeckenden Preissenkungen geben, würden sich dies auch die Kunden "nicht gefallen lassen". Die Regierung wolle mit der Steuersenkung alle "dazu überreden, dass es jetzt wieder normal losgeht mit der Wirtschaft und man wieder einkaufen sollte".

Gleichzeitig bekräftigte Vizekanzler Scholz, die Mehrwertsteuer Anfang 2021 wieder auf den Ursprungswert anzuheben: "Ich bin ganz sicher, dass es genau so erfolgen wird." HDE-Lobbyist Genth hält es allerdings für möglich, dass die Steuer noch länger niedrig bleiben könnte - "weil im Wahljahr möglicherweise auch andere Gesetze gelten", sagte er im Inforadio vom RBB. Der Präsident des Ifo-Instituts, Clemens Fuest, hält die Effekte der Steuersenkung für überschaubar. Denn der Nachlass werde in der Breite ohnehin nicht an die Kunden weitergereicht und zudem dürfte es dann zur Erhöhung Anfang 2021 beim Konsum ein "Loch" geben.

Zahlreiche Händler von Aldi bis Zalando haben angekündigt, die Steuersenkung an die Kunden weitergeben zu wollen. Ein Manager im Lebensmitteleinzelhandel hatte gesagt, die Regierung habe damit einen regelrechten Preiskrieg ausgelöst. Es gibt aber auch Händler, die auf Gutscheine zurückgreifen. Die Parfümeriekette Douglas bietet ihrer Chefin Tina Müller zufolge "Wertcoupons" an: Die drei Prozent können dann erst bei einem weiteren Einkauf eingelöst werden.

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