FT-Journalist sieht bei Wirecard Versagen auf allen Ebenen

Reuters

Berlin (Reuters) - Der früh über Bilanzunregelmäßigkeiten bei Wirecard berichtende "Financial Times"-Journalist sieht in dem Skandal auf zahlreichen Ebene Versagen.

FT-Journalist sieht bei Wirecard Versagen auf allen Ebenen

In erster Linie seien die Wirtschaftsprüfer von EY "spektakulär gescheitert", sagte Dan McCrum am Donnerstag. Ihre Aufgabe sei es gewesen, vermeintliche Zahlungen auf ihre Echtheit zu überprüfen. Aber auch die deutschen Aufsichtsbehörden hätten versagt. Seine Zeitung habe über Jahre Fragen zur Bilanzierung aufgeworfen. Die Behörden hätten sich aber zu stark auf einzelne Zahlen konzentriert und nicht die fragwürdigen Methoden von Wirecard unter die Lupe genommen. "Wir dürfen aber auch die Investoren nicht vom Haken lassen. Sie hätten viel mehr Fragen stellen müssen, wo genau Wirecard Geld macht."

In zahlreichen Berichten unter dem Titel "House of Wirecard" hat McCrum schon Jahre vor dem Zusammenbruch des früheren Dax-Konzerns über Unregelmäßigkeiten in der Bilanz berichtet. Dabei wurden die Vorwürfe mit der Zeit immer konkreter. Die Bonner Finanzaufsichtsbehörde BaFin ging zunächst aber vor allem gegen Investoren vor, die bei Wirecard auf fallende Kurse wetteten. Gegen FT-Journalisten wurden zudem Anzeigen von der BaFin erstattet - wegen des Verdachts auf Marktmanipulation in Zusammenarbeit mit Anlegern.

"Da war überhaupt nichts dran", sagte McCrum in einer Videokonferenz mit Journalisten vor seiner Befragung im Wirecard-Untersuchungsausschuss des Bundestages. Die Vorwürfe seien offenbar von Wirecard als Gegenangriff gestreut worden. "Die BaFin hat nie Kontakt mit mir aufgenommen." Er verspüre zwar keinen Ärger deswegen, sei aber "extrem überrascht gewesen", selbst zum Ziel zu werden. Weil es jetzt vorbei sei, könne er darüber schmunzeln. Es sei aber merkwürdig, warum gegen Journalisten vorgegangen werde, Fehlverhalten von Dax-Konzernen aber keine Konsequenzen hätten.

"DEUTSCHLAND SCHULDET IHM EINE ENTSCHULDIGUNG"

Grünen-Finanzpolitiker Danyal Bayaz sagte, Deutschland schulde McCrum eine Entschuldigung. Ähnlich äußerte sich die SPD-Politikerin Cansel Kiziltepe: Es sei zu klären, ob die BaFin einseitig gegen McCrum vorgegangen sei. "Allein der Eindruck davon wirft ein sehr schlechtes Licht auf den Finanzstandort Deutschland. Anzeigen von so einem Gewicht müssen sehr gut begründet sein."

Der Zahlungsabwickler aus dem Münchner Umland war im Juni nach Bekanntwerden milliardenschwerer Luftbuchungen in die Pleite gerutscht. Die Staatsanwaltschaft ermittelt unter anderem wegen Bilanzfälschung, Betrug, Marktmanipulation und Geldwäsche. Drei Ex-Manager sitzen momentan in Untersuchungshaft. Es ist einer der größten Finanzskandale der Nachkriegszeit.

McCrum ergänzte, Deutschland gehe sehr ernsthaft mit dem Skandal um. "Meine Hoffnung ist, dass Konsequenzen gezogen werden." Es dürfe keine weiteren Wirecards geben. In der Bundesregierung wird momentan ein Gesetzentwurf vorbereitet. Finanzminister Olaf Scholz (SPD), der wegen des Falls in der Kritik steht, will der BaFin mehr Befugnisse geben. Sie soll in Verdachtsfällen alleine Sonderprüfungen vornehmen können. Das bisherige zweistufige System mit der privatwirtschaftlichen Deutschen Prüfstelle für Rechnungslegung (DPR) wird abgeschafft. Außerdem soll die zivilrechtliche Haftung von Wirtschaftsprüfern verschärft werden - mit höheren Strafen und Ahndungen auch schon bei grober Fahrlässigkeit. Ferner sollen Abschlussprüfer spätestens nach zehn Jahren rotieren müssen. Bislang sind es bis zu 24 Jahre.

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