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Geschäftsmodelle lösen sich auf. Investoren müssen neu denken!

Stefan Riße

Alle Welt redet von der Digitalisierung. Keine Frage, sie ist ein enorm wichtiges Thema. Doch es hat oft den Anklang, als handele es sich um eine ganz neue Entwicklung, die da jetzt über uns hinein bricht. Digitalisierung findet bereits seit vielen Jahren statt. Erinnern wir uns. Als vor rund 20 Jahren der Internet-Boom an den Börsen begann -in Deutschland mit dem neu geschaffenen Börsensegment Neuer Markt - da wurde am Beispiel von Amazon, Ebay, Yahoo und vielen anderen Unternehmen bereits durchgespielt, wie die Zukunft aussehen würde. Handel würde zukünftig im Internet stattfinden, war die These.

Zu große Vorschusslorbeeren

Natürlich blieben einige Unternehmen des damaligen Booms, der im März 2000 seinen vorläufigen Höhepunkt fand, auf der Strecke. Und Yahoo war am Ende nicht der Gewinner im Bereich Suchmaschinen, sondern die erst 2004 an die Börse gegangene Google (heute Alphabet). Auch gab es für die Gewinner wie Amazon zu große Vorschusslorbeeren und daher zwischenzeitlich saftige Korrekturen. Die Prognosen von damals waren aber absolut richtig. E-Commerce hat viele  Geschäftsmodelle in den letzten Jahren zerlegt. Nur noch Nostalgiker gehen in einen Plattenladen und erwerben CDs. Erst wurden Songs einfach runtergeladen, nun werden Streamingdienste abonniert. Selbst innerhalb der Digitalisierung wurde hier ein Geschäftsmodell schon wieder zerlegt. ITunes war gestern, Apple Music und Spotify sind heute.

The winner takes it all

Im Bereich Reisen geht es weiter. Reisebüros gibt es wohl nur noch für die älteren Generationen oder für beratungsintensive Spezialreisen. Reiseportale wie Holidaycheck oder Trip Advisor dominieren das Geschäft. Aber die größte Disruption in diesem Bereich ist sicher Airbnb. Wer hätte gedacht, dass eine App plötzlich den gesamten Hotel- und Ferienwohnungsmarkt aufmischen würde? Und Amazon ist mittlerweile so mächtig, dass der gesamte restliche Handel Angst hat, dem Unternehmen von Gründer Jeff Bezos irgendwann zum Opfer zu fallen. Die Pleite von Toys R Us und die bereits vielen geschlossenen Buchläden sind die sichtbaren Spuren. Viele versuchen zwar neben dem stationären Geschäft ebenfalls online ihre Produkte zu verkaufen, doch den meisten gelingt es nicht. Denn eines hat sich gezeigt. Bei den Internetgiganten gilt: The winner takes it all. Es ist eben praktisch, wenn die Kontakt- und Zahlungsdaten bereits hinterlegt sind, bei Amazon zu bestellen, als sich irgendwo neu anzumelden. Außerdem kann man darauf vertrauen, keinem Betrüger aufgesessen zu sein.

Herausforderung für Investoren

Die Digitalisierung ist auch noch längst nicht am Ende. Weitere Branchen werden folgen. Die Finanzbranche dürfte die nächste sein, wo etablierte Unternehmen dann von sogenannten Fintechs abgelöst werden. Der oben beschriebene Prozess stellt Investoren vor neue Herausforderungen. Jahrzehntelang profitable Geschäftsmodelle funktionieren plötzlich nicht mehr. Selbst Unternehmen wie Nestlé, von denen man es gar nicht annehmen würde, spüren die Digitalisierung. Reichten früher das Kapital und die Anbietermacht, um die Produkte gut in den Supermärkten zu platzieren, werden Müslis und andere lang haltende und nicht auf Kühlung angewiesene Lebensmittel im Internet bestellt. Das radiert das Geschäftsmodell der großen Lebensmittelhersteller nicht aus, sorgt aber für rückläufiges Wachstum. Und das genügt, um dem Aktienkurs ordentlich zuzusetzen. Bei der Aktienanlage einfach auf einen Index zu setzen, könnte zukünftig entgegen der mittlerweile landläufigen Meinung daher falsch sein. Im vergangenen Jahr schnitten aktiv gemanagte Aktienfonds besser ab als die Vergleichsindizes. Das lag vor allem daran, dass die sogenannten FANG Aktien (Facebook, Amazon, Netflix, Google) die waren, die als Indexschwergewichte hauptsächlich für den Aufwärtstrend sorgten. Und viele Fondsmanager hatten diese in ihren Portfolios. Es müssen nicht die selben Unternehmen wie bisher sein, aber auch zukünftig dürften sich die Kurse der Unternehmen höchst unterschiedlich entwickeln. Die mit den zukunftsträchtigen Geschäftsmodellen gilt es zu identifizieren.

Hinweis: Die Inhalte der Kolumnen dienen ausschließlich der Information und stellen weder eine Anlageberatung oder sonstige Empfehlung im Sinne des Wertpapierhandelsgesetzes dar noch sind sie als Zusicherung etwaiger Kursentwicklungen zu verstehen. Die geäußerten Ansichten geben allein die Meinung des jeweiligen Autors wieder. Für den Inhalt der Kolumne ist allein der jeweilige Autor verantwortlich.
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Expertenprofil
Stefan Riße Stefan Riße Kapitalmartktstratege Acatis Investment

Stefan Riße Jahrgang 1968, aus Bremen ist Börsianer mit Leib und Seele. Seit seinem 16. Lebensjahr beschäftigt er sich intensiv mit den internationalen Finanzmärkten.

Nach dem Abitur und Praktika bei Banken und Vermögensverwaltern arbeitete er zwei Jahre lang als Broker, bevor er in den Journalismus wechselte. Er schrieb für Zeitschriften wie Forbes und Focus und ist seit über fünf Jahren ständiger Kolumnist für Focus Money.

Bekannt wurde Stefan Riße aber vor allem aufgrund seiner Tätigkeit als Börsenkorrespondent für "n-tv", wo von 2001 bis 2005 seine Berichte live vom Frankfurter Börsenparkett gesendet wurden. Von 2006 bis 2011 war er Chief Market Strategist der Deutschlandniederlassung von CMC Markets – dem ersten CFD- Market-Maker in Deutschland.

Seit Mai 2018 ist er Kapitalmarktstratege bei Acatis Investment und als dieser nach wie vor gefragter Interviewgast u. a. auch bei "n-tv" wo er regelmäßig auftritt.

Bereits im Alter von 17 Jahren lernte er den im September 1999 verstorbenen Börsenaltmeister André Kostolany kennen, mit dem ihn bis zu dessen Tod eine enge Freundschaft verband.

Sein bisher letztes Buch „Die Inflation kommt!“ war eines der erfolgreichsten Wirtschaftsbücher im Jahr 2010 und erreichte Platz 1 der Handelsblatt-Bestsellerliste.

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