Innovation: Mit diesen Technologien können Investoren richtig Geld verdienen

Fundresearch

Ein Buchladen im Internet? 1997 schien das manchem eine seltsame Idee. Zum Börsengang nahm Gründer Jeff Bezos immerhin 54 Millionen Dollar ein. Dass die Firma mit dem exotischen Namen Amazon 18 Jahre später Walmart als wertvollsten Einzelhändler der Welt überholen würde und heute den größten Onlinemarktplatz der Welt betreibt, haben damals nur die wenigsten erwartet. Wer beim Amazon-IPO für 1.000 Euro Aktien gekauft hätte, könnte sich heute über mehr als 32.000 Euro Kapital freuen - eine Rendite von 3.100 Prozent. Selbst wer erst 15 Jahre später einstieg, im Mai 2012, konnte seinen Einsatz verneunfachen.

Jeder Weltmarktführer war einmal ein Start-up, jede Technologie steckte einmal in den Kinderschuhen. Immer wieder gibt es Unternehmen, die scheinbar aus dem Nichts kommen und dann ganze Wirtschaftsbereiche von Grund auf umkrempeln oder neu erschaffen. Wer frühzeitig in diese disruptiven Firmen investiert, kann als Aktionär weit überdurchschnittliche Gewinne erzielen.

Solche Wetten sind natürlich riskant. Auf jeden Spitzenwert kommen zahlreiche Titel, bei denen die hoffnungsvolle Entwicklung in der Pleite endet. Dennoch gibt es Technologien, bei denen sich bereits heute ein großer Wachstumsmarkt abzeichnet, wo bedeutende Veränderungen innerhalb bestehender Sektoren absehbar sind.

Gentherapie: Medizinrevolution

Schmuck oder Schminke kann man sich an diesem Arbeitsplatz gleich sparen - beides ist verboten. Unter der Schutzkleidung mit Overall, Brille und zwei Paar Handschuhen wäre davon ohnehin nichts zu sehen. In acht kleinen Reinräumen des Fraunhofer-Instituts für Zelltherapie und Immunologie in Leipzig arbeiten jeweils zwei Fachkräfte neun bis zehn Tage lang, um ein Medikament für einen einzigen Patienten herzustellen: Kymriah, eine Zelltherapie des Schweizer Pharmakonzerns Novartis gegen Blutkrebs.

Die Angestellten klemmen Schläuche und Spritzen an Plastikbeutel, fügen Reagenzien hinzu, nehmen Proben ab, inkubieren, dokumentieren und desinfizieren, immer und immer wieder. Die Aufgabe ist körperlich anstrengend, wegen der Schutzkleidung und der unnatürlichen Arbeitsumgebung. Aber auch psychisch belastend: Denn was hier hergestellt wird, ist meist die letzte Hoffnung für einen todkranken Patienten. Und es gibt nur einen einzigen Versuch.

Das, was hier produziert wird, gilt aber auch als Zukunft der Pharma- und Biotechbranche. Dank der jüngsten Fortschritte in der Gen- und Zelltherapie ist der alte Traum, Krankheiten mit einer einzigen Dosis zu heilen, in greifbare Nähe gerückt. Gleichzeitig stellen die neuen Behandlungen Grundprinzipien und Geschäftsmodelle des Sektors komplett auf den Kopf.

Noch steht die Entwicklung ganz am Anfang. Störungsfrei, das lässt sich heute schon sagen, wird der Paradigmenwechsel nicht verlaufen. Doch einstweilen herrscht Goldgräberstimmung. Weltweit laufen über 500 klinische Studien, in denen Immunzellen von Patienten für den Kampf gegen Krebs ausgerüstet werden (CAR-T-Zell-therapien) oder gesunde Gene in die Körper von Menschen mit Gendefekten eingeschleust werden (Gentherapien).

Die amerikanische Arzneimittelbehörde FDA rechnet ab 2025 mit der Zulassung von zehn bis 20 solcher Therapien pro Jahr. Bleibt die Zahl der insgesamt neu zugelassenen Medikamente etwa gleich, wäre in Zukunft ein Viertel bis die Hälfte davon Gen- und Zelltherapien. Samit Hirawat, Chief Medical Officer des US-Pharmariesen Bristol-Myers Squibb, schwärmte jüngst: "Jetzt ist die beste Zeit, um in der Medikamenten­entwicklung zu arbeiten."

Nur wenige Menschen erleben dies wohl so unmittelbar wie die 80 Reinraum­mitarbeiter des Leipziger Fraunhofer-­Instituts. Ihre Kapazitäten reichen für bis zu 150 Blutkrebspatienten pro Jahr. Um sie herum organisiert Novartis eine komplexe Lieferkette. Speziallogistiker liefern auf minus 180 Grad tiefgefrorene Immunzellen an und bringen das fertige Kymriah zu den Patienten zurück. Mit sogenannten Vektoren, meist gentechnisch veränderte Viren, gelangt der Bauplan für die Krebsbekämpfung in die Patientenzellen. Inklusive Vermehrung und Qualitätskontrolle dauert die Herstellung rund vier Wochen.

Abkehr von Massenprodukten

Vom traditionellen Geschäftsmodell der Pharmabranche könnte dieser Prozess nicht weiter entfernt sein. Denn bisher mündeten hohe Forschungs- und Entwicklungskosten stets in ein billig herzustellendes, aber teuer verkauftes Massenprodukt: Tabletten für Millionen von Patienten. Zwar wurden die Zielgruppen in den vergangenen Jahren kleiner. "Aber die Marge bei Zelltherapien ist viel geringer als bei jeder anderen Therapie, die jemals zugelassen wurde, schlicht weil die Produktionskosten absolut immens sind", sagtLucaAlberici, Chief Business Officer der kleinen italienischen Gen- und Zelltherapiefirma Molmed.

Auf umgerechnet etwa 90.000 bis 135.000 Euro schätzen Branchenkenner die Herstellungskosten einer CAR-T-­Dosis, davon bis zu 30 Prozent allein für den Vektor. Der Erstattungsbeitrag deutscher gesetzlicher Krankenkassen für Kymriah beträgt 275.000 Euro. Bei "normalen" Biopharmazeutika machen die Produktionskosten nur fünf bis 20 Prozent des Verkaufspreises aus.

Bei Wettbewerbern heißt es hinter vorgehaltener Hand, Novartis zahle bei Kymriah drauf. Von Januar bis September 2019 erzielte die Therapie 182 Millionen Dollar Umsatz. Auch beim Konkurrenten Gilead scheint die CAR-T-Profitabilität fraglich. Bei reinen Gentherapien sollte die Bilanz jedoch deutlich besser ausfallen: Sie sind nicht unbedingt individuell produziert und erzielen höhere Preise - Zolgensma gegen spinale Muskelatrophie, ebenfalls von Novartis, ist mit 1,9 Millionen Euro das teuerste Medikament der Welt.

Wirksamer und wertvoller

Trotz der Anlaufschwierigkeiten stürzen sich Unternehmen auf die Technologien. Wer nicht selbst welche entwickelt, kauft ein. Die Übernahmen von Juno, Kite, Avexis, Spark, Nightstar oder Audentes - alles Gen- und Zelltherapiefirmen - sprechen Bände. Die Hoffnung ist, dass die Behandlungen in den kommenden Jahren erheblich profitabler werden. Einerseits weil die aktuelle Therapeutikageneration die allererste ist. Zukünftige Produkte könnten noch wirksamer und damit wertvoller sein. Viele Forscher arbeiten auch an universellen Zelltherapien, die nicht individuell angefertigt werden müssen.

Andererseits setzt die Industrie da­rauf, dass sich die Produktionskosten durch Automatisierung stark senken ­lassen. Wie gut das funktionieren wird, darüber gehen die Meinungen auseinander. Dass die Branche dennoch Milliarden in die neuen Therapien investiert, liegt auch am weltweit wachsenden Kostendruck. "Die USA geben bereits etwa 20 Prozent ihres BIP für das Gesundheitswesen aus; in fünf Jahren werden es voraussichtlich 25 Prozent sein. Kostenkontrolle ist dringend notwendig", davon sind Strategen der Vermögensverwaltung Nikko Asset Management überzeugt.

Doch wer Heilung mit einer einzigen Medikamentendosis bieten kann, ein normales Leben statt eines mit starken Einschränkungen, der wird auch in Zukunft Verhandlungsspielraum beim Preis besitzen.

Welcher der Therapieanbieter in dem neuen Feld Gewinner und welcher Verlierer ist, ist bisher alles andere als klar. Bereits jetzt profitieren vom Boom jedoch die Zulieferer, die Vektoren und Reagenzien herstellen oder gleich die Produktion übernehmen. Wer Zelltherapien bei einem Dienstleister herstellen lassen will, muss aktuell mit Wartezeiten von bis zu 18 Monaten rechnen.

Die großen Equipmentkonzerne Thermo Fisher, CatalentDanaher und Lonza haben sich alle kürzlich mit Übernahmen perfekt für das Geschäft aufgestellt. Lonza beispielsweise kaufte mit der Firma Octane das Know-how für eine futuristisch anmutende automatische Gentherapieproduktion in sogenannten Cocoons. Mit den kleinen ovalen Einheiten sollen Firmen ihre Produktion ganz nach Wunsch skalieren können.

Danaher, Thermo Fisher und Catalent sind dagegen groß in das Geschäft mit Vektoren eingestiegen, sie entwickeln mit Kunden den gesamten Produktionsprozess einer Therapie und bieten auch die Produktion selbst an. Bei Preisen von 30.000 bis 50.000 Dollar pro Patient allein für Vektoren klingeln die Kassen. Die neuen Technologien dürften den Zulieferern über viele Jahre ein rasant wachsendes Geschäft bescheren.

Investor-InfoThermo Fisher Scientific: Amazon der Forschung

Sie läuft und läuft: die Aktie des Labor- und Forschungsdienstleisters Thermo Fisher. Der Konzern übernimmt häufig Wettbewerber und entwickelt sich damit immer mehr zum "Amazon der Forschung", bei dem Wissenschaftler und Pharmakonzerne Ausrüstung, Verbrauchsmaterial und Diagnostiktests aus einer Hand erhalten. Mit Brammer Bio haben sich die Amerikaner einen der führenden ­Vektorhersteller für Gen- und Zelltherapien einverleibt. Solides Top-Investment.

Danaher: Optimierungsmaschine

Das US-Unternehmen Danaher ist so etwas wie das Berkshire Hathaway für Bio- und Umweltwissenschaften: ein äußerst lukratives Konglomerat, das mit seinem jüngsten Coup in Zukunft noch profitabler werden dürfte. Gerade wurde das Dentalgeschäft abgespalten, dafür kaufte Danaher die Biopharma­sparte von General Electric dazu. Mit dem konzerneigenen Businesssystem dürfte das Unternehmen auch aus diesem Zukauf das Maximum herausholen. Allerdings wird das noch einige Zeit in Anspruch nehmen.

Lonza:  Schweizer Produktionsprimus

Das Schweizer Spezialchemieunternehmen ist ein führender Auftragsproduzent für biotechnologisch hergestellte Medikamente und bei Gen- und Zelltherapien stark engagiert. Lonza bietet die Prozessentwicklung und die gesamte Produktion inklusive Logistik vom und zum Patienten an. Punktabzüge gibt es für den Abgang gleich zweier CEOs in einem Jahr und dafür, dass Schweizer Aktien in Deutschland nach wie vor nur außerbörslich oder ­direkt in Zürich gehandelt werden können.

In Teil 2 am 22. Januar werden die Investmentchancen in den Bereichen "Blockchain" und "KI" genauer unter die Lupe genommen.

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