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Italienische Staatsanleihen mit Kurschancen

Stefan Riße

Zinsen gibt es in der Eurozone quasi nicht mehr. Im Gegenteil. Deutsche Bundesanleihen mit zehnjähriger Laufzeit rentieren mittlerweile bei knapp minus 0,6 Prozent. Wer noch einen Ertrag erzielen möchte, der muss Staatsanleihen der Europeripherie kaufen. Zehnjährige portugiesische Staatsanleihen werfen zumindest noch einen positiven Zins ab. Mit 0,25 Prozent ist dieser jedoch auch äußert dürftig. Griechenland und Italien sind die einzigen Länder, die mit zwei und 1,6 Prozent noch so viel abwerfen, dass zumindest die Inflation einigermaßen ausgeglichen werden kann. Hätte jemand vor zehn Jahren diese Zinslandschaft prognostiziert, er wäre für verrückt erklärt worden.

Politische Krise in Italien schafft Kaufgelegenheit

Die italienischen Staatsanleihen haben in den vergangenen zwei Tagen deutlich Federn lassen müssen. Im Gegenzug sind die Zinsen wieder etwas gestiegen. Grund hierfür ist die erneute Regierungskrise der aus rechter Lega Nord und linker Fünf Sterne Bewegung bestehenden Regierungskoalition. Man entzweit sich an einer Bahnstrecke. Verwunderlich sind die Spannungen ohnehin nicht. Übersetzt auf Deutschland würde dies bedeuten, dass hierzulande die AfD mit der Linken das Land regieren würde. Innenmister Mateo Salvini von der Lega Nord hat die Koalition nun für regierungsunfähig erklärt. Er liebäugelt mit Neuwahlen, denn Umfragen zufolge dürfte die Lega Nord dann wie schon bei der Europa-Wahl deutliche Stimmengewinne erzielen, während Fünf Sterne verlieren würden.

Finanzmärkte reagieren nicht logisch

Die Kursverluste bei italienischen Staatsanleihen sind im Grunde genommen nicht gerechtfertigt, genauso wie es eigentlich nicht logisch ist, dass Italien über ein Prozent höhere Zinsen zahlen muss als Portugal oder Spanien. Vor ein paar Monaten war die Differenz noch größer. Gerechtfertigt wäre dieser Risikoaufschlag nur dann, wenn eine ernste Gefahr bestünde, dass die Anleihen am Ende nicht zurückbezahlt würden oder Italien aus der Eurozone ausscheiden und die Anleihen in abgewerteter neuer Lira zurückzahlen würde. Beides ist zum jetzigen Zeitpunkt höchst unwahrscheinlich und Neuwahlen würden diese Szenarien nicht wahrscheinlicher machen. Wie auch immer eine neue Regierung aussehen würde, klar wäre wohl, dass die Lega Nord stärkste Kraft würde. Sie fordert schon längst keinen Euroaustritt mehr, da sich im Land hierzu auch keine Mehrheit finden würde.

EZB würde Italien ohnehin raushauen

Der zweite Aspekt ist die Schuldentragfähigkeit Italiens. Sie steht aufgrund des Staatsdefizits von über 130 Prozent in Relation zum Bruttoinlandsprodukt immer wieder im Fokus der Finanzmärkte. Einem EU-Defizitverfahren konnte Italien zuletzt aber entgehen. Auch als dies im Raum stand, hatten die italienische Anleihen verloren und es bot sich eine Kaufchance. Die Schulden Italiens werden ohnehin überdramatisiert. Im Gegensatz zu Griechenland ist Italien bei seinen eigenen Bürgern und nicht im Ausland verschuldet. Das durchschnittliche Privatvermögen pro Kopf ist zweieinhalbmal so hoch wie das deutsche. Italien könnte durch eine entsprechende Steuer im Notfall immer seine Schulden begleichen. Würden Neuwahlen die Fünf Sterne Bewegung schwächen, wäre dies aus der Verschuldungsperspektive sogar von Vorteil. Die problematischen Maßnahmen der neuen Regierung waren vor allem das bedingungslose Grundeinkommen und die Absenkung des Rentenalters. Sie sind rein konsumtiv und schaffen kein nachhaltiges Wachstum. Beides waren Forderungen der Fünf Sterne. Und im Übrigen würde die Europäische Zentralbank (EZB) eine Pleite Italiens ohnehin nicht zulassen. Dies würde den Euro gefährden und Christine Lagarde, die zukünftige Chefin, wird sicher die Politik des im Oktober ausscheidenden Chefs Mario Draghi fortsetzen. Und sie lautet: „Whatever it takes“, der Euro wird also Bestand haben.

Früher oder später dürften die Finanzmärkte diese Fehlbewertung erkennen und italienische Staatsanleihen ähnliche Renditen abwerfen wie portugiesische oder spanische. Das bedeutet, dass Italiens Staatsanleihen noch große Kursgewinne vor sich haben.

Hinweis: Die Inhalte der Kolumnen dienen ausschließlich der Information und stellen weder eine Anlageberatung oder sonstige Empfehlung im Sinne des Wertpapierhandelsgesetzes dar noch sind sie als Zusicherung etwaiger Kursentwicklungen zu verstehen. Die geäußerten Ansichten geben allein die Meinung des jeweiligen Autors wieder. Für den Inhalt der Kolumne ist allein der jeweilige Autor verantwortlich.
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Expertenprofil
Stefan Riße Stefan Riße Kapitalmartktstratege Acatis Investment

Stefan Riße Jahrgang 1968, aus Bremen ist Börsianer mit Leib und Seele. Seit seinem 16. Lebensjahr beschäftigt er sich intensiv mit den internationalen Finanzmärkten.

Nach dem Abitur und Praktika bei Banken und Vermögensverwaltern arbeitete er zwei Jahre lang als Broker, bevor er in den Journalismus wechselte. Er schrieb für Zeitschriften wie Forbes und Focus und ist seit über fünf Jahren ständiger Kolumnist für Focus Money.

Bekannt wurde Stefan Riße aber vor allem aufgrund seiner Tätigkeit als Börsenkorrespondent für "n-tv", wo von 2001 bis 2005 seine Berichte live vom Frankfurter Börsenparkett gesendet wurden. Von 2006 bis 2011 war er Chief Market Strategist der Deutschlandniederlassung von CMC Markets – dem ersten CFD- Market-Maker in Deutschland.

Seit Mai 2018 ist er Kapitalmarktstratege bei Acatis Investment und als dieser nach wie vor gefragter Interviewgast u. a. auch bei "n-tv" wo er regelmäßig auftritt.

Bereits im Alter von 17 Jahren lernte er den im September 1999 verstorbenen Börsenaltmeister André Kostolany kennen, mit dem ihn bis zu dessen Tod eine enge Freundschaft verband.

Sein bisher letztes Buch „Die Inflation kommt!“ war eines der erfolgreichsten Wirtschaftsbücher im Jahr 2010 und erreichte Platz 1 der Handelsblatt-Bestsellerliste.

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