Japanische Verhältnisse in Europa

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Seit jeher lernen Studenten der Volkswirtschaftslehre, dass das oberste Ziel der Notenbanken die Preisstabilität ist. Stabile Preise sind eine der wichtigsten Voraussetzungen für gesundes Wirtschaftswachstum, so die Theorie. Die Europäische Zentralbank (EZB) definiert dieses Ziel in ihren Statuten als eine Inflationsrate von „unter, aber nahe zwei Prozent“. Im Dezember lag die Teuerungsrate bei 1,3 Prozent. Offiziell dient die Flut frischen Geldes dazu, die Inflation im Euroraum auf diesen Wert hieven. Doch je länger die Nullzinsphase andauert und die Teuerungsrate auf niedrigem Niveau verharrt, desto mehr wachsen die Zweifel, ob die geldpolitischen Instrumente überhaupt noch greifen.

Mittlerweile stellen die ersten Marktbeobachter die Motive der Währungshüter in Frage. In der Praxis habe längst ein neues Ziel Vorrang, sagt etwa Unigestion-Experte Florian Ielpo, nämlich die Begrenzung der Volatilität an den Finanzmärkten. Dabei signalisiert die Notenbank den Anlegern, dass sie ihnen im Falle einer Marktabschwächung den Rücken freihalten wird. Diese Haltung hat sich in den vergangenen Jahren immer weiter verstärkt. „Unsere Zentralbanken sind allmählich zu Marktverwaltern geworden und stimulieren sie bei jedem Anzeichen von Schwäche“, sagt Ielpo. Das bestätigt der Blick auf den Weltaktienindex MSCI World: Er stieg von Dezember 2008 bis Dezember 2019 um 221 Prozent. Dies entspricht einer Preisrendite von 11,86 Prozent pro Jahr. Zwischen 1969 und 2008 waren es noch 6,63 Prozent jährlich - eine Zentralbankprämie von mehr als fünf Prozent.

Bange Blicke nach Japan

Finanzprofis beobachten die immer expansivere Geldpolitik mit Sorge. Zwar haben die Notenbanken in Europa und Nordamerika mit ihrem Engagement eine Rezession verhindert, mittlerweile sind die Nebenwirkungen aber nicht mehr zu übersehen. „Die geldpolitische Lockerung wirkt sich auf die Produktivität aus“, sagt Eric Syz, Mitgründer der Syz-Gruppe. Sie halte unrentable Unternehmen mit billigen Krediten am Leben und treibe die Vermögenspreise in die Höhe. Bald könnten in Europa gar japanische Verhältnisse drohen, fürchtet der Vermögensprofi: Schwaches Wachstum in Kombination mit geringer Inflation und niedrige Zinsen.

Japan hat mittlerweile seit fast drei Jahrzehnten mit einer solchen Situation zu kämpfen. „Bezeichnend hierbei ist, dass ein Eingreifen der Zentralbanken mit jedem weiteren Zinsschritt weniger Wirkung entfaltet“, sagt Syz. Der Experte rechnet damit, dass die Konjunkturzyklen künftig auch in Europa kürzer ausfallen und maximal wenige Jahre dauern werden. Investoren sollten sich darauf einstellen, dass die klassischen Indikatoren keine eindeutigen Signale mehr senden.

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