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"Jeder Privatkunde bekommt einen Kredit und erhält jedes Jahr dafür auch noch Geld"

Harald Weygand

Privatkunde einen Kredit bekommt und jedes Jahr dafür auch noch Geld erhält"

Warum Strafzinsen an Überschussreserven fast nichts ändern und Banken schaden

Die EZB erhebt derzeit 0,4 % negative Einlagezinsen auf Guthaben, die Geschäftsbanken bei ihr unterhalten. Ab September könnten es noch mehr werden.

Überschussreserven entstehen dann, wenn Banken mehr Zentralbankgeld halten, als sie für ihre Mindestreseverpflichtungen benötigen. Aktuell beträgt der Mindestreservesatz 1 %In (guten) alten Zeiten lagen die Überschussreserven immer sehr niedrig. Banken versuchten, die niedrig verzinsten Reserven an andere Banken auszuleihen und vermieden es, überschüssiges Zentralbankgeld zu halten.

Durch allerlei Änderungen der Zentralbankpolitik schwimmen heute die meisten Banken geradezu in Zentralbankgeld (sieht man von Banken aus den Krisenländern, besonders Griechenland und Italien, ab).

Mit dem negativen Einlagezinssatz will die EZB Banken zu mehr Kreditvergabe animieren.

Die Logik dahinter klingt zunächst einleuchtend:

Eine Bank A vergibt einen Kredit. Der Kreditnehmer überweist das Geld auf das Konto einer anderen Bank B. Bank A verliert dadurch Zentralbankgeld und verfügt damit über weniger strafzinsbelastetes Guthaben.

Aber Bank B “gewinnt” Zentralbankgeld. Sieht man von den 1 % zusätzlichem Mindestreservesoll ab, das bei Bank A durch die Kreditvergabe entstanden ist, dann verändert sich die Überschussreserve bei der Zentralbank auf Systemebene nicht.

Warum verschärft ein weiteres QE die Lage?

Möglicherweise kauft die EZB schon bald erneut Anleihen am Markt auf, unter anderem auch direkt von Geschäftsbanken. Diese erhalten dann wiederum Zentralbankguthaben. Die Überschussreserven erhöhen sich weiter. Auch wenn die Geschäftsbank C dann mit dem neuen Zentralbankgeld z.B. dem Marktteilnehmer D Aktien abkauft, dann wandert das Zentralbankgeld zur Bank von D.

Die “heiße Kartoffel” Zentralbankgeld, die in so einer Situation eigentlich niemand haben will, kann also nur weitergereicht werden. An der Gesamtsituation der hohen Überschussreserven wird sich nichts ändern. Um 1 Mrd. Euro Überschussreserve auf Systemebene, also über alle Banken hinweg, tatsächlich zu “vernichten”, müssten beim derzeitigen Mindestreservesatz von 1 % 100 Mrd. EUR neue Kredite generiert werden.

Durch QE wurden in der Eurozone bis Ende Dezember 2018 über 2,6 Bio. EUR neues Zentralbankgeld geschaffen. Ein großer Teil davon findet sich in der Zentralbankbilanz als Überschussreserve wieder, von den Banken derzeit zu verzinsen mit 0,4 %. Das entspricht einer Belastung von immerhin gut 7,5 Mrd. EUR / Jahr. In einer Zeit, in der die europäischen Banken ohnehin Schwierigkeiten haben, noch Geld zu verdienen, nicht akzeptabel.Dadurch wird nur die ohnehin eher schwache Eigenkapitalbasis weiter angegriffen. Genug Eigenkapital ist aber die Basis für die Kreditvergabe.

Negativzinsen sind ein großer Irrweg der aktuellen Zentralbankpolitik.

Werden die Strafzinsen noch weiter erhöht, werden die Banken irgendwann keine andere Wahl haben, als ihre Kunden großflächig damit zu belasten. Es fängt ja schon an. Immerhin ist eine Staffelung der Einlagezinsen im Gespräch.

Die nächste Eskalationsstufe der Geldpolitik wäre es, nicht nur die Einlagezinsen negativ zu gestalten, sondern auch die Refinanzierungszinsen, sprich den Leitzins. Am Ende landen wir bei der grotesken Situation, dass man auch als Privatkunde einen Kredit bekommt und jedes Jahr dafür auch noch Geld erhält. Soll das ernsthaft die Lösung unserer Probleme sein?

(© GodmodeTrader 2019 - Autor: Harald Weygand, Head of Trading)

Hinweis: Die Inhalte der Kolumnen dienen ausschließlich der Information und stellen weder eine Anlageberatung oder sonstige Empfehlung im Sinne des Wertpapierhandelsgesetzes dar noch sind sie als Zusicherung etwaiger Kursentwicklungen zu verstehen. Die geäußerten Ansichten geben allein die Meinung des jeweiligen Autors wieder. Für den Inhalt der Kolumne ist allein der jeweilige Autor verantwortlich.
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Expertenprofil
Harald Weygand Harald Weygand Head of Trading bei GodmodeTrader.de

Harald Weygand entschied sich nach dem Zweiten Staatsexamen in Medizin, einer weiteren wirklichen Leidenschaft, dem charttechnischen Analysieren der Märkte und dem Trading, nachzugehen.

Nach längerem, intensivem Studium der Theorie ist Weygand als Profi-Trader seit 1998 am Markt aktiv. Im Jahr 2000 war er einer der Gründer der BörseGo AG und des Portals www.GodmodeTrader.de . Dort ist er für das charttechnische Coverage von Aktien, Indizes, Rohstoffen, Devisen und Anleihen sowie die fachliche Führung des Traderteams zuständig.

Über die Branche hinaus bekannt ist der Profi-Trader für seine Finanzmarktanalysen sowie aufgrund seiner Live-Analysen auf Anlegerveranstaltungen und Messen. Weygand ist zudem gern gesehener Interviewgast bei N24, n-tv und dem Deutschen Anlegerfernsehen.

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