Kutzers Zwischenruf: 2020/2021: Alles wird gut – auch für die Anleger!

Hermann Kutzer

Achtung! Der heutige Zwischenruf ist eine Illusion. So begann ich meine Kolumne vor genau einem Jahr. Es lohnt sich, ab und an einmal zurückzublicken. Deshalb heute die Wiederholung meines Zwischenrufs vom Mai 2020 (mit kurzen Anmerkungen in Klammern):

Sie kennen ja meine zunehmende Skepsis, mein Misstrauen gegenüber der aktuellen, zeitweise euphorischen Börsenstimmung - obwohl ich als hartnäckiger Optimist langfristig im Bullenlager verharre. Die Meinungen und Prognosen der professionellen Anlagestrategen gehen noch weit auseinander. Sie, geschätzte Anleger, sollten Strategie und Taktik selbst entscheiden. Deshalb meine (ungewöhnliche) Idee, heute einmal eine perspektivische Skizze zu zeichnen, die sich ausschließlich aus positiven Elementen zusammensetzt. Ganz bewusst wird also eine falsche Wahrnehmung der Wirklichkeit beschrieben (ist sie wirklich so falsch?).

Alles wird gut - Voraussetzung dafür ist in diesem Jahr die Überwindung der Pandemie ohne eine weitere massive Infektionswelle (ja, nur nicht „in diesem Jahr“). Das kann gelingen, weil Wissenschaftler und Pharmaunternehmen in aller Welt mit großem Engagement nach Impfstoffen und Medikamenten forschen. Dies vollzieht sich in Konkurrenz, aber auch gemeinsam und Landesgrenzen übergreifend. Außerdem werden Virologen und Mediziner international von der Politik unterstützt. Somit ist zu erwarten, dass nach den jüngsten Signalen bald weitere Fortschritte in Diagnose und Therapie erzielt werden (die Fortschritte kamen tatsächlich unglaublich schnell).

Das trägt nicht nur zur Rückkehr der Bürger in den gewohnten Alltag bei, sondern beschleunigt das Wiederhochfahren der Wirtschaft (leider unterbrochen durch weitere Pandemie-Wellen). Damit dürfte das tiefe Konjunkturtal schon bis zum Sommer durchlaufen werden. Im zweiten Halbjahr kann die Erholung von der Rezession beginnen und sich 2021 verstärken. Das bedeutet eine merkliche Korrektur der Gewinnschätzungen - dann nach oben! - beginnend in der Berichtssaison fürs dritte Quartal (in einer solchen Korrekturphase befinden wir uns jetzt). Selbstverständlich gilt das nicht zeitgleich und gleichermaßen für alle Unternehmen.

Parallel ist von einer Entspannung an den global wichtigsten politischen Fronten auszugehen. Donald J. Trump wird im November (trotz aktueller Zweifel) wiedergewählt und begreift schon vorher, dass er für „America first“ auch möglichst harmonische Beziehungen zu seinen Partnern in Europa und Asien braucht (tatsächlich ist es durch die Wahl von Joe Biden noch viel besser gelaufen als erwartet). Zwar bleibt es bei der wirtschafts- und machtpolitischen Konkurrenz mit China, im bilateralen Interesse aber zunehmend kompromissbereit.

Ein dritter Schwerpunkt des Optimismus liegt in der Finanzierung. Denn die von Staaten und Notenbanken bereits mobilisierten Milliarden- und Billionen-Pakete sind beispiellos und werden mitentscheidend zum absehbaren Wiederaufschwung der Volkswirtschaften beitragen. Zwar bleiben die Sorgen wegen der enormen internationalen Verschuldung. Auch werden einige Länder dadurch ins Schlingern kommen. Doch sind die Probleme im Zuge einer intensivierten Kooperation der Industrie- und Schwellenländer lösbar (das sehe ich immer noch so).

Was heißt das für die Finanzmärkte? Die Liquiditätsversorgung bleibt langfristig extrem hoch, das Zinsniveau extrem niedrig - soweit man überhaupt noch von Verzinsung sprechen kann. Es droht weder Inflation noch Deflation (inzwischen keimen in den USA doch Sorgen über eine näher rückende monetäre Wende). Damit bleiben Sachwertinvestments ohne Konkurrenz - also in erster Linie Aktien als Beteiligungen am Produktivkapital der Wirtschaft, Rohstoffe einschließlich Edelmetalle und Immobilien. Mutige Optimisten werden durch die aktuellen Kurse nicht abgeschreckt, sondern bauen ihre Positionen unter kurzfristigen Gewinnmitnahmen weiter auf, denn: Dow und Dax sollten spätestens bis Frühjahr 2021 neue historische Gipfel erreicht haben (!!!)

Klingt doch gut, oder? Vergessen Sie aber nicht, geschätzte Anleger: Dies war nur eine Illusion. Ein Gedankenspiel, das sich im Nachhinein als realitätsnah erweist. Und von der Headline bin ich heute noch überzeugt.

Hinweis: Die Inhalte der Kolumnen dienen ausschließlich der Information und stellen weder eine Anlageberatung oder sonstige Empfehlung im Sinne des Wertpapierhandelsgesetzes dar noch sind sie als Zusicherung etwaiger Kursentwicklungen zu verstehen. Die geäußerten Ansichten geben allein die Meinung des jeweiligen Autors wieder. Für den Inhalt der Kolumne ist allein der jeweilige Autor verantwortlich.
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Expertenprofil
Hermann Kutzer Hermann Kutzer Freier Wirtschaftsjournalist, Finanzmarkt-Kommentator

Hermann Kutzer ist der dienstälteste journalistische Finanzmarktbeobachter in Deutschland: Seit mittlerweile 50 Jahren beobachtet er die nationalen Börsen und internationalen Wertpapier- und Rohstoffmärkte. Davon war er gut drei Jahrzehnte lang für die Verlagsgruppe Handelsblatt tätig, zuletzt als Chefredakteur des Monatsmagazins „DMEuro“.

Seit 2007 bietet der Routinier seine Erfahrung freiberuflich an: Analysen und Kolumnen, TV-Kommentare, Vorträge, Moderationen und Kommunikationsberatung. Nach seinem Hörbuch „Verstehen Sie Börse!“ (Finanzbuch Verlag, 2008) erschien im Frühjahr 2012 als Kutzers Manifest im Börsenbuchverlag „Vom Raubtierkapitalismus zur Planwirtschaft?“ Zu seinem umfangreichen Web-Auftritt gehört seit einiger Zeit „Kutzers Marktplatz“ mit Beiträgen über die unterschiedlichsten Anlagemöglichkeiten. Außerdem ist im Frühjahr 2013 der neue Internet-Kanal KUTZER-TV auf Sendung gegangen.

Der Journalist und Publizist engagiert sich seit Jahrzehnten für die privaten Anleger und in diesem Zusammenhang für die Weiterentwicklung der Aktienkultur. Er betrachtet es als seine vorrangige Aufgabe, die Vermittlung von Wissen über die Zusammenhänge des Sparens und Anlegens zu unterstützen. Dabei ist der „Marktmensch“ ein bekennender Marktwirtschaftler, der mit großer Skepsis die zunehmende Regulierung der Märkte durch die Politik auf nationaler und europäischer Ebene betrachtet.

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