Kutzers Zwischenruf: Corona bleibt die größte Gefahr für Dow und Dax

Hermann Kutzer

In ein paar Jahren wird man rückblickend eine relativ hohe Korrelation zwischen Corona und den Aktienkursen erkennen - eine Vermutung, noch keine Prognose. Technische Analysten können dann entsprechende (ähnlich aussehende) Kurvenverläufe der monatlichen Infektionszahlen und der führenden Indizes zeichnen. Und die Konjunktur? So unterschiedlich die jüngsten Einschätzungen der Wirtschaftslage sein mögen, so klar sind von allen Seiten die Warnungen vor den Einflüssen der Pandemie: Alles, was jetzt gesagt und geschrieben wird, kann durch eine weitere Zuspitzung der Krise überholt werden. Das sollten kurz- bis mittelfristig orientierte Kapitalanleger berücksichtigen! Selbst Kanzlerin Merkel hat jetzt Alarm geschlagen, als sie die hochgerechnete Zahl von gut 19.000 täglichen Neuinfektionen in den Raum stellte, falls die Entwicklung so weitergehen sollte wie zuletzt. Noch sind unsere Zahlen erträglich (anders als bei einigen Nachbarn).

Besser ist die Stimmung in der Wirtschaft. Denn das Klima in der Euro-Zone hat sich im September stärker als erwartet aufgehellt. Das Barometer für das Geschäftsklima stieg um 3,6 Zähler auf 91,1 Punkte, wie die EU-Kommission heute bekanntgab. Von Reuters befragte Volkswirte hatten lediglich mit einer Zunahme auf 89 Punkte gerechnet. Und: Mit diesem Anstieg hat der Indikator bereits rund 70 Prozent der Verluste wieder wettgemacht, die er auf dem Höhepunkt der Corona-Krise in den Monaten März und April zu verzeichnete.

Andererseits sagen Forscher ein Nachlassen der Dynamik voraus. Das Wirtschaftswachstum im Eurogebiet wird im vierten Vierteljahr abflachen, nach einer massiven Erholung im dritten Quartal. Das erwarten das Münchner Ifo-Institut sowie KOF aus Zürich und Istat aus Rom in ihrem neuen „Eurozone Economic Outlook“. Verlässliche Prognosen seien im derzeitigen Umfeld jedoch schwierig, da niemand weiß, wie sich die Infektionszahlen entwickeln, wann ein Impfstoff verfügbar ist und wie die Wirtschaftspolitik wirkt. Die Institute veranschlagen für das vierte Vierteljahr ein Wachstum von nur 2,2 Prozent gegen das Vorquartal, nach plus 8,2 Prozent im dritten und einem Absturz von minus 11,8 Prozent im zweiten. Im Gesamtjahr 2020 erwarten die Institute ein Schrumpfen der Wirtschaftsleistung von 8,0 Prozent. Im ersten Quartal 2021 sehen sie dann noch ein Wachstum von 1,5 Prozent gegen das Vorquartal. Das sind Zahlen, die Anleger nachdenklich stimmen müssen und wieder steigende Unsicherheit signalisieren.

Im Kreis internationaler Anlagestrategen versprüht Sébastien Galy von Nordea Asset Management jedoch relative Zuversicht: In seinen Ausblick für das vierte Quartal empfiehlt er als Fazit: In Phasen von Kursrückgängen kaufen, aber flexibel bleiben! Die aggressive Lockerungspolitik der Federal Reserve und der EZB dürfte dazu beitragen, dass sich das Wachstum schneller als derzeit erwartet erholt. Die Tatsache, dass Zentralbanken eingreifen werden, wenn die Märkte einbrechen, verstärkt auch die Einstellung, bei Kursrückgängen stetig zu kaufen („Buy the Dip“). Sein Hauptaugenmerk liegt vor allem auf dem von China angetriebenen wirtschaftlichen Aufschwung und der Dynamik im Bereich Nachhaltigkeit (ESG).

Zu guter Letzt noch eine aktuelle Nachricht, die für die ganz langfristige Aktienanlage als wichtiger Bestandteil der Altersvorsorge spricht: Die durchschnittliche Lebenserwartung in Deutschland ist erneut gestiegen. Aktuell könnte ein neugeborenes Mädchen 83,4 Jahre alt werden, berichtet das Statistische Bundesamt. Für neugeborene Jungen beträgt die durchschnittliche Lebenserwartung 78,6 Jahre. Und der Trend geht in Richtung 90 Jahre!

Hinweis: Die Inhalte der Kolumnen dienen ausschließlich der Information und stellen weder eine Anlageberatung oder sonstige Empfehlung im Sinne des Wertpapierhandelsgesetzes dar noch sind sie als Zusicherung etwaiger Kursentwicklungen zu verstehen. Die geäußerten Ansichten geben allein die Meinung des jeweiligen Autors wieder. Für den Inhalt der Kolumne ist allein der jeweilige Autor verantwortlich.
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Expertenprofil
Hermann Kutzer Hermann Kutzer Freier Wirtschaftsjournalist, Finanzmarkt-Kommentator

Hermann Kutzer ist der dienstälteste journalistische Finanzmarktbeobachter in Deutschland: Seit mittlerweile 50 Jahren beobachtet er die nationalen Börsen und internationalen Wertpapier- und Rohstoffmärkte. Davon war er gut drei Jahrzehnte lang für die Verlagsgruppe Handelsblatt tätig, zuletzt als Chefredakteur des Monatsmagazins „DMEuro“.

Seit 2007 bietet der Routinier seine Erfahrung freiberuflich an: Analysen und Kolumnen, TV-Kommentare, Vorträge, Moderationen und Kommunikationsberatung. Nach seinem Hörbuch „Verstehen Sie Börse!“ (Finanzbuch Verlag, 2008) erschien im Frühjahr 2012 als Kutzers Manifest im Börsenbuchverlag „Vom Raubtierkapitalismus zur Planwirtschaft?“ Zu seinem umfangreichen Web-Auftritt gehört seit einiger Zeit „Kutzers Marktplatz“ mit Beiträgen über die unterschiedlichsten Anlagemöglichkeiten. Außerdem ist im Frühjahr 2013 der neue Internet-Kanal KUTZER-TV auf Sendung gegangen.

Der Journalist und Publizist engagiert sich seit Jahrzehnten für die privaten Anleger und in diesem Zusammenhang für die Weiterentwicklung der Aktienkultur. Er betrachtet es als seine vorrangige Aufgabe, die Vermittlung von Wissen über die Zusammenhänge des Sparens und Anlegens zu unterstützen. Dabei ist der „Marktmensch“ ein bekennender Marktwirtschaftler, der mit großer Skepsis die zunehmende Regulierung der Märkte durch die Politik auf nationaler und europäischer Ebene betrachtet.

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