Kutzers Zwischenruf: Der (Impf-)Stoff, aus dem die Anlegerträume sind

Hermann Kutzer

Kein neuer Bestseller von Johannes Mario Simmel, aber ein aktueller Traum vieler spekulativer Aktienfans: Dabei zu sein, wenn ein wirksamer Covid-19-Impfstoff entdeckt und auf den Markt gebracht wird. Kein Tag ohne hoffnungsvolle Meldungen aus Ost und West. Dass dies am Kapitalmarkt aufmerksam beobachtet wird, ist doch klar. Liegt in diesem dringenden Forschungsprojekt wirklich eine echte Chance für Investoren?

Grüner Fisher Investments hat sich dem Thema kritisch angenommen. Denn mehrere Unternehmen haben in den letzten Wochen verschiedene Fortschritte für einen wirksamen Impfstoff angekündigt. Zahlreiche Anleger fühlen sich ermutigt, auf den oder die möglichen Gewinner zu setzen und dadurch hohe Renditen einzufahren. Fazit der Analysten: Aus unserer Sicht ist diese „Strategie“ kein vernünftiger Ansatz für nachhaltig erfolgreiche Aktieninvestitionen.

Finanzmärkte sind effizient (eine umstrittene These) und zukunftsorientiert, sie verarbeiten weithin bekannte Informationen und bewegen sich schnell weiter. Angesichts der Aufmerksamkeit, die den forschenden Unternehmen und klinischen Studien gewidmet wird, basieren Investitionen, die an die neuesten Nachrichten zur Impfstoffentwicklung angelehnt sind, im klassischen Sinne auf bekannten Informationen. Man sollte den Märkten besser nicht unterstellen, dass sie sich vor einem Thema verschließen, auf welches die Augen der ganzen Welt gerichtet sind.

Nach Angaben des US News & World Reports sind aktuell über 100 Impfstoffe in Arbeit, von denen sich etwa ein Fünftel bereits in Studien am Menschen befindet. Den Gewinner zu identifizieren entspricht aktuell also einer Chance von etwa 1 zu 20. Selbst wer über mehrere potenzielle Gewinner hinweg „diversifiziert“, verbessert seine Erfolgsaussichten nur wenig. In der Preisbildung jedes beteiligten Unternehmens ist die Hoffnung auf eine erfolgreiche Zulassung bereits berücksichtigt. Selbst wer den tatsächlichen Gewinner in seinen Reihen hält, muss gleichzeitig auch die Enttäuschung bei den konkurrierenden Unternehmen in Kauf nehmen - so kann der positive Effekt eines Volltreffers sehr schnell verpuffen.

Interessant auch folgende Kritik: Generell basiert die Vorstellung, über Investitionen in den Gewinner des Impfstoff-Rennens extreme Renditen zu erreichen, auf einer falschen Prämisse: Der Impfstoff selbst muss dazu extrem rentabel sein. Zum einen gehen wenige Experten davon aus, dass ein Unternehmen ein Monopol für den angebotenen Impfstoff haben wird. Zwei Kandidaten, die mit der Unterstützung der US-Regierung arbeiten, haben bereits angekündigt, ihren möglichen Impfstoff nicht gewinnorientiert anzubieten. Zum anderen sind die Vorabzahlungen der Regierungen nicht unerheblich. Tendenziell sehen sich die beteiligten Unternehmen als „Dienstleister für die

Öffentlichkeit“ - im Grunde können sie auch gar keine andere Haltung einnehmen. Wer auf die Idee kommen würde, exorbitante Preise für einen wirksamen Covid-19-Impfstoff aufzurufen, könnte dem extremen politischen Druck nicht lange standhalten.

Empfehlung für Sie, geschätzte Anleger: Sie sind gut beraten, den Fokus nicht zu sehr auf das Impfstoff-Rennen zu legen. Trotzdem bleibt der Gesundheitssektor natürlich ein wichtiger Bestandteil einer vernünftig diversifizierten Strategie. Pharmaunternehmen erzielen in der Regel den größten Anteil ihres Gewinns mit Krankheitsbehandlungen, die hohe Margen haben und längerfristige Anwendung finden. Deshalb möchte ich ergänzen: Nichts gegen das Spekulieren in einzelnen Impfstoffkandidaten, aber bitte trennen von der längerfristigen Kapitalanlage in das vielversprechende Thema Healthcare - das Gesundheitswesen gehört heute und morgen zu den internationalen Investmentfavoriten!

Hinweis: Die Inhalte der Kolumnen dienen ausschließlich der Information und stellen weder eine Anlageberatung oder sonstige Empfehlung im Sinne des Wertpapierhandelsgesetzes dar noch sind sie als Zusicherung etwaiger Kursentwicklungen zu verstehen. Die geäußerten Ansichten geben allein die Meinung des jeweiligen Autors wieder. Für den Inhalt der Kolumne ist allein der jeweilige Autor verantwortlich.
Das könnte Sie auch interessieren
Expertenprofil
Hermann Kutzer Hermann Kutzer Freier Wirtschaftsjournalist, Finanzmarkt-Kommentator

Hermann Kutzer ist der dienstälteste journalistische Finanzmarktbeobachter in Deutschland: Seit mittlerweile 50 Jahren beobachtet er die nationalen Börsen und internationalen Wertpapier- und Rohstoffmärkte. Davon war er gut drei Jahrzehnte lang für die Verlagsgruppe Handelsblatt tätig, zuletzt als Chefredakteur des Monatsmagazins „DMEuro“.

Seit 2007 bietet der Routinier seine Erfahrung freiberuflich an: Analysen und Kolumnen, TV-Kommentare, Vorträge, Moderationen und Kommunikationsberatung. Nach seinem Hörbuch „Verstehen Sie Börse!“ (Finanzbuch Verlag, 2008) erschien im Frühjahr 2012 als Kutzers Manifest im Börsenbuchverlag „Vom Raubtierkapitalismus zur Planwirtschaft?“ Zu seinem umfangreichen Web-Auftritt gehört seit einiger Zeit „Kutzers Marktplatz“ mit Beiträgen über die unterschiedlichsten Anlagemöglichkeiten. Außerdem ist im Frühjahr 2013 der neue Internet-Kanal KUTZER-TV auf Sendung gegangen.

Der Journalist und Publizist engagiert sich seit Jahrzehnten für die privaten Anleger und in diesem Zusammenhang für die Weiterentwicklung der Aktienkultur. Er betrachtet es als seine vorrangige Aufgabe, die Vermittlung von Wissen über die Zusammenhänge des Sparens und Anlegens zu unterstützen. Dabei ist der „Marktmensch“ ein bekennender Marktwirtschaftler, der mit großer Skepsis die zunehmende Regulierung der Märkte durch die Politik auf nationaler und europäischer Ebene betrachtet.

KUTZER LIVE-TV

Kurs zu NEWS CORP. Aktie

  • 18,57 USD
  • +0,70%
03.12.2020, 22:00, Nasdaq

onvista Analyzer zu NEWS CORP.

NEWS CORP. auf übergewichten gestuft
kaufen
6
halten
9
verkaufen
0
40% der Analysen der letzten 6 Monate prognostizieren einen steigenden Aktienkurs von durchschnittlich 15,30 €.
alle Analysen zu NEWS CORP.
Alle Kolumnen von Hermann Kutzer
alle Artikel anzeigen

Derivate-Wissen

Sie möchten auch bei stagnierenden Aktienkursen Gewinne realisieren?

Mit Bonus-Zertifikaten können Sie hohe Renditen auch bei unveränderten Aktienkursen erzielen.

Erfahren Sie mehr zu Bonus-Zertifikaten