Kutzers Zwischenruf: Der „Lockdown“ droht – nicht aber dem Aktienmarkt

Hermann Kutzer

Die Börsenprofis präsentieren ab jetzt ihre Jahresprognosen fürs kommende Jahr - traditionell mit unterschiedlichem Mut, auf jeden Fall mit einigen Wenn und Aber. Ich schließe mich den Volkswirten und Analysten mit meiner knappen Vorschau an: 2022 ist an den Finanzmärkten vieles möglich, doch droht Dax & Co. aus heutiger Sicht keine Katastrophe - im Gegensatz zu unserem Gesundheitssystem. Der Jahresbeginn kann schwierig und sogar abschreckend werden, im Jahresverlauf sollten aber die „Bullen“ wieder zunehmend den Trend bestimmen.

Momentan scheint der Mut der Investoren zu schwinden. Endlich erkennt die Börse die dramatische Zuspitzung der vierten Corona-Welle. Als Folge droht ein neuer Lockdown, obwohl der bis vor wenigen Tagen von den meisten Politikern noch harsch abgelehnt wurde. Mittlerweile wird schon vor einer fünften Welle in den Wintermonaten gesprochen. Und die Inflationsdiskussion bleibt kontrovers. Wer die tägliche Nachrichtenlage genau verfolgt, kann nach Belieben die Vorzeichen verändern. Heute gehen die Aktienkurse erstmals wieder ein Stück weit in die Knie, obwohl eine frische Konjunkturmeldung positiv überrascht: Die deutsche Wirtschaft hat trotz anhaltender Lieferprobleme und hoher Inflation im November an Tempo zugelegt. Damit wurden die Erwartungen der Marktteilnehmer deutlich übertroffen.

Unverändert lebhaft diskutiert wird seit gestern die Position der Deutschen Bundesbank zu den Inflationsaussichten. Insgesamt stiegen die Verbraucherpreise im Sommerquartal um 3,5 % und ohne Energie und Nahrungsmittel gerechnet um 2,1%. Einerseits dürfte die Gesamtrate durch den Basiseffekt der in der zweiten Jahreshälfte 2020 vorübergehend abgesenkten Mehrwertsteuersätze um 1¼ Prozentpunkte erhöht worden sein. Andererseits schlug das übliche saisonale Hoch der Preise für Pauschalreisen im Sommer - vor allem im Juli und August - deutlich weniger zu Buche als im Jahr zuvor. Ohne diese Sondereffekte dürfte die Gesamtrate im dritten Quartal nahezu 3 % betragen haben und die Rate ohne Energie und Nahrungsmittel rund 2 %.

Im Oktober legten die Preise erneut kräftig zu. Die Vorjahresrate stieg insgesamt von 4,1% im September auf 4,6 %. Es folgt eine Zahl im Bundesbank-Monatsbericht, die viele Akteure erschreckt hat: Im laufenden Monat könnte sie sogar knapp 6 % betragen, wovon gut 1½ Prozentpunkte auf die Sondereffekte zurückzuführen wären. In den nachfolgenden Monaten dürfte die Gesamtrate aus heutiger Sicht zwar nach und nach weiter abnehmen. Sie könnte aber noch für längere Zeit deutlich über 3 % bleiben. Das schmeckt selbst den Aktienfans nicht.

Das Research der Helaba hat seine umfangreiche Jahresprognose vorgelegt und beschreibt sein Hauptszenario durchaus optimistisch: Volatilität wird 2022 das Thema an den Kapitalmärkten sein, wovon Aktien nicht verschont bleiben. Stabilisierend wirken steigende Unternehmensergebnisse, das an Dynamik gewinnende Wirtschaftswachstum sowie die mangelnden Anlagealternativen. Dagegen belasten weltweite Zinssteigerungstendenzen. Auch die hohen Bewertungen sind ein Malus. Im Hauptszenario (es werden wie alljährlich zwei weitere Szenarien formuliert) bewegt sich der Dax im Jahr 2022 in einer Handelsspanne von 15.000 bis 16.500 Punkten. Innerhalb dieser Range lassen sich dennoch, sofern ein gutes Timing gelingt, attraktive Kursgewinne in einer Größenordnung der historisch durchschnittlichen jährlichen Dax-Performance von rund 8 % generieren. Die Helaba abschließend: „Für das Jahresende erwarten wir den deutschen Leitindex bei 16.000 Zählern.“ Das wäre doch nicht übel, geschätzte Anleger.

Hinweis: Die Inhalte der Kolumnen dienen ausschließlich der Information und stellen weder eine Anlageberatung oder sonstige Empfehlung im Sinne des Wertpapierhandelsgesetzes dar noch sind sie als Zusicherung etwaiger Kursentwicklungen zu verstehen. Die geäußerten Ansichten geben allein die Meinung des jeweiligen Autors wieder. Für den Inhalt der Kolumne ist allein der jeweilige Autor verantwortlich.
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Expertenprofil
Hermann Kutzer Hermann Kutzer Freier Wirtschaftsjournalist, Finanzmarkt-Kommentator

Hermann Kutzer ist der dienstälteste journalistische Finanzmarktbeobachter in Deutschland: Seit mittlerweile 50 Jahren beobachtet er die nationalen Börsen und internationalen Wertpapier- und Rohstoffmärkte. Davon war er gut drei Jahrzehnte lang für die Verlagsgruppe Handelsblatt tätig, zuletzt als Chefredakteur des Monatsmagazins „DMEuro“.

Seit 2007 bietet der Routinier seine Erfahrung freiberuflich an: Analysen und Kolumnen, TV-Kommentare, Vorträge, Moderationen und Kommunikationsberatung. Nach seinem Hörbuch „Verstehen Sie Börse!“ (Finanzbuch Verlag, 2008) erschien im Frühjahr 2012 als Kutzers Manifest im Börsenbuchverlag „Vom Raubtierkapitalismus zur Planwirtschaft?“ Zu seinem umfangreichen Web-Auftritt gehört seit einiger Zeit „Kutzers Marktplatz“ mit Beiträgen über die unterschiedlichsten Anlagemöglichkeiten. Außerdem ist im Frühjahr 2013 der neue Internet-Kanal KUTZER-TV auf Sendung gegangen.

Der Journalist und Publizist engagiert sich seit Jahrzehnten für die privaten Anleger und in diesem Zusammenhang für die Weiterentwicklung der Aktienkultur. Er betrachtet es als seine vorrangige Aufgabe, die Vermittlung von Wissen über die Zusammenhänge des Sparens und Anlegens zu unterstützen. Dabei ist der „Marktmensch“ ein bekennender Marktwirtschaftler, der mit großer Skepsis die zunehmende Regulierung der Märkte durch die Politik auf nationaler und europäischer Ebene betrachtet.

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