Kutzers Zwischenruf: Die Chancen der Aktienanlage kommen mit den Risiken – nutzen Sie das aus!

Hermann Kutzer

Die Welt wird von Corona (und seinen Mutanten) umspannt. Hierzulande zittern viele Menschen zusätzlich wegen der ungewohnten Kälte. Auch an den Börsen glauben die Akteure zwar vielfältige Kursrisiken zu erkennen, doch wecken die keine pandemischen Ängste. Wie immer man das analytisch begründen mag - auf die Anleger wirkt auch (zumindest im Unterbewusstsein) die Dualität unseres Seins, die materielle Welt. Man braucht kein Philosoph oder Mathematiker zu sein, um das im Alltag nachzuvollziehen: Vereinfacht gesagt, bezeichnet Dualität die Zweiheit der materiellen Welt mit ihren ganzen Polaritäten von hell und dunkel, männlich und weiblich, schön und hässlich usw. Heiß kann es nur geben, wenn auch kalt existiert. Auf einer höheren Ebene ist im Leben allerdings alles eins, die Welt ist weder gut noch böse. Der Geist lässt Gut und Böse durch Bewertung (!) entstehen.

Solche Gedanken können einem kommen, wenn man folgenden Ausblick liest: „Die Pandemie gibt der Welt eine Chance zu einem grüneren, gerechteren und nachhaltigeren Umbau“, sagt My-Linh Ngo, Head of ESG Investment bei BlueBay Asset Management. Sie ist überzeugt, dass für ESG-Investments in diesem Jahr insbesondere acht Themen und Trends von Bedeutung sein werden. Für Ihre Strategie würde ich allerdings einen weiteren Fokus empfehlen, denn Nachhaltigkeit ist ein typisch langfristiges Thema: Was jetzt diskutiert und praktisch eingeleitet wird, kann sich vielleicht erst im nächsten Jahr (oder noch später) in der Geschäftsentwicklung der Aktiengesellschaft niederschlagen. Auch wenn Börsianer gerne Zukünftiges vorwegnehmen („eskomptieren“) wollen - es gibt keine feste Gesetzmäßigkeit, wann eine Entwicklung kursrelevant wird.

Ein beispielloses Jahr liegt hinter uns, doch manche Aspekte des Unnormalen dürften uns auch zukünftig erhalten bleiben. Die weltweite Coronavirus-Pandemie hat Gesellschaft und Wirtschaft grundlegend verändert, und zwar sowohl in Krisenzeiten als auch auf dem Weg zurück zu einem Leben, das nicht von dem Virus beherrscht wird. In puncto ESG-Investments hat die Pandemie viele bereits bestehende Trends beschleunigt und dabei das Bewusstsein für Geldanlagen nach ESG-Kriterien und die Mittelzuflüsse in solche Anlagen in bisher nicht gekanntem Ausmaß erhöht.

Mit Blick auf 2021 bleibt Corona und seine Folgen der beherrschende Faktor, der die Nachrichten, die Märkte und unsere Lebensweisen beeinflusst. Das gilt auch beim Thema ESG-Geldanlage. Aber darüber hinaus gibt es noch viele weitere relevante Einflüsse, die abseits der Schlagzeilen wirken. Hier sind ein paar Themen und Trends von denen die BlueBay-Strategen denken, dass Anleger sie im neuen Jahr im Auge behalten sollten: Die Politik bindet ESG-Kriterien in Regulierung ein, das Finanzsystem „wird grüner“. Das „G“ in ESG, das für „Governance“ (Unternehmensführung) steht, war schon immer bedeutsam. Wir gehen aber davon aus, dass dabei „Stewardship“-Faktoren stärker betont werden (Stewardship:

verantwortungsvoller Umgang mit Kapital), die Anleger dazu verpflichten, zu einer gerechteren und nachhaltigeren Zukunft beizutragen. Konkret erwarten wir die Entwicklung von „systematischer Stewardship“. Soziale Aspekte stehen weiterhin im Fokus - die Pandemie hat Fragen rund um Gleichheit, Gesundheit und Wohlbefinden in den Vordergrund gerückt. Für 2021 erwarten wir eine laufende Anpassung, wobei Arbeitgeber mit neuen, flexiblen Arbeitsmodellen experimentieren und größere Anstrengungen unternehmen werden, um ihre Mitarbeiter zu motivieren und zu unterstützen. ESG Fixed Income wird zum Mainstream: ESG-Anlagegrundsätze ziehen allmählich auch in Anlageklassen außerhalb von Aktien ein. Dabei dürfte 2021 das Jahr werden, in dem der Rentenmarkt zunehmend in den Mittelpunkt rückt. Über ESG hinaus: Impact Investing wird reale Ergebnisse liefern.

Resümee: Bei den wirtschaftlichen Argumenten für ESG-Geldanlagen steht die Steuerung von Verlustrisiken klar im Vordergrund. Da aber nachhaltige, themen- und impact-orientierte Geldanlagen immer breiteren Diskussionsraum einnehmen, damit Anleger ihren Beitrag zu realen Ergebnissen nachweisen können, sollten sich bedeutende Anlagechancen in zahlreichen Sektoren ergeben. Auch wenn die Unsicherheit über den weiteren Verlauf des Jahres 2021 anhält, deuten alle Faktoren darauf hin, dass ESG-Geldanlagen weiter an Bedeutung gewinnen werden.

Trotzdem möchte ich (wie eingangs schon erwähnt) meine Empfehlung ergänzen: Seien Sie geduldig! Und für das Gros der Privatanleger bieten sich ESG-Investmentfonds anstelle der eigenen Suche nach geeigneten Aktien an.

Hinweis: Die Inhalte der Kolumnen dienen ausschließlich der Information und stellen weder eine Anlageberatung oder sonstige Empfehlung im Sinne des Wertpapierhandelsgesetzes dar noch sind sie als Zusicherung etwaiger Kursentwicklungen zu verstehen. Die geäußerten Ansichten geben allein die Meinung des jeweiligen Autors wieder. Für den Inhalt der Kolumne ist allein der jeweilige Autor verantwortlich.
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Expertenprofil
Hermann Kutzer Hermann Kutzer Freier Wirtschaftsjournalist, Finanzmarkt-Kommentator

Hermann Kutzer ist der dienstälteste journalistische Finanzmarktbeobachter in Deutschland: Seit mittlerweile 50 Jahren beobachtet er die nationalen Börsen und internationalen Wertpapier- und Rohstoffmärkte. Davon war er gut drei Jahrzehnte lang für die Verlagsgruppe Handelsblatt tätig, zuletzt als Chefredakteur des Monatsmagazins „DMEuro“.

Seit 2007 bietet der Routinier seine Erfahrung freiberuflich an: Analysen und Kolumnen, TV-Kommentare, Vorträge, Moderationen und Kommunikationsberatung. Nach seinem Hörbuch „Verstehen Sie Börse!“ (Finanzbuch Verlag, 2008) erschien im Frühjahr 2012 als Kutzers Manifest im Börsenbuchverlag „Vom Raubtierkapitalismus zur Planwirtschaft?“ Zu seinem umfangreichen Web-Auftritt gehört seit einiger Zeit „Kutzers Marktplatz“ mit Beiträgen über die unterschiedlichsten Anlagemöglichkeiten. Außerdem ist im Frühjahr 2013 der neue Internet-Kanal KUTZER-TV auf Sendung gegangen.

Der Journalist und Publizist engagiert sich seit Jahrzehnten für die privaten Anleger und in diesem Zusammenhang für die Weiterentwicklung der Aktienkultur. Er betrachtet es als seine vorrangige Aufgabe, die Vermittlung von Wissen über die Zusammenhänge des Sparens und Anlegens zu unterstützen. Dabei ist der „Marktmensch“ ein bekennender Marktwirtschaftler, der mit großer Skepsis die zunehmende Regulierung der Märkte durch die Politik auf nationaler und europäischer Ebene betrachtet.

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