Kutzers Zwischenruf: Die kurzfristigen Risiken sind nicht vom Tisch

Hermann Kutzer

Die wechselnden, zuletzt wieder schlechter klingenden Nachrichten von der Virus-Pandemie verstellen den Blick nach vorn. Dazu kommen die stark uneinheitlichen Lageberichte über einzelne Branchen und einzelne Konzerne. Wer als Anleger deshalb nach klaren Aussagen zu den Börsenaussichten für die kommenden Wochen und Monate sucht, wird momentan von den entsprechenden Analysen eher enttäuscht. Denn kaum ein professioneller Stratege wagt auch nur einigermaßen konkrete Vorhersagen. Man beschränkt sich meist auf die Beschreibung unterschiedlicher Szenarien. Beispiele: Aktiv investieren, international streuen, Aktien mit hohen Dividendenrenditen berücksichtigen etc.

Zwar stehen immer noch Dax-Prognosen von 15.000 bis 16.000 Punkten fürs laufende Jahr im Raum. Doch ist mit den inzwischen markierten Rekordhöhen das Ziel für betont vorsichtige Vermögensverwalter schon (fast) erreicht - nun gelten, auch für technische Analysten, kurzfristig noch 14.000 als Big Figure erreichbar. Das ist kaum anzuzweifeln. Dennoch bleiben die Risiken. Deshalb muss man einsehen, warum trotz der an sich sehr guten Verfassung der Aktienmärkte die Unsicherheit unter den professionellen Investoren groß bleibt: Das Virus überlagert zunächst alle anderen Einflüsse bzw. stellt diese zumindest in Frage. Das gilt insbesondere für das weltweite Wirtschaftswachstum und den Konjunkturverlauf. Dagegen steht das Nullzinsniveau nicht zur Diskussion - eher wird der geldpolitische Kurs der Notenbanken durch die Pandemie noch gestützt oder sogar verlängert.

Stellen Sie sich nur einmal vor, geschätzte Anleger, das Virus würde sich immer weiter global ausbreiten - das könnte dann wirtschaftlich eintreten: China erfährt einen erheblichen Rückschlag, das wirkt sich auf die Partnerländer und den Welthandel gravierend aus, die bisherigen Wachstumsprognosen für 2020 werden deutlich nach unten korrigiert und viele Unternehmen müssen ebenfalls ihre Umsatz- und Ertragszahlen Richtung Süden anpassen. Das könnte die enorm hohe Liquidität bei den bisher unterinvestierten institutionellen Investoren nicht ausgleichen. Auch der Mangel an attraktiven Alternativen wäre dann kein ausreichendes Gegengewicht. Es bleibt also das kurz- bis mittelfristige Risiko einer Schwächephase an den Aktienmärkten.

Was zu tun ist, hängt von Ihrer Ausgangslage und Ihrer Risikobereitschaft ab, liebe Leser. Sie können sich ausklinken und erst einmal zuschauen oder mutig bleiben und selektiv zukaufen (insbesondere an leichteren Tagen). Mein Vorschlag bleibt: Denken Sie über eine „Bisschen-Taktik“ nach, also weitermitmachen (auch Gewinnmitnahmen nicht vergessen!), aber vorsichtshalber nur mit einem Teil des verfügbaren Anlagekapitals.

Hinweis: Die Inhalte der Kolumnen dienen ausschließlich der Information und stellen weder eine Anlageberatung oder sonstige Empfehlung im Sinne des Wertpapierhandelsgesetzes dar noch sind sie als Zusicherung etwaiger Kursentwicklungen zu verstehen. Die geäußerten Ansichten geben allein die Meinung des jeweiligen Autors wieder. Für den Inhalt der Kolumne ist allein der jeweilige Autor verantwortlich.
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Expertenprofil
Hermann Kutzer Hermann Kutzer Freier Wirtschaftsjournalist, Finanzmarkt-Kommentator

Hermann Kutzer ist der dienstälteste journalistische Finanzmarktbeobachter in Deutschland: Seit mittlerweile 50 Jahren beobachtet er die nationalen Börsen und internationalen Wertpapier- und Rohstoffmärkte. Davon war er gut drei Jahrzehnte lang für die Verlagsgruppe Handelsblatt tätig, zuletzt als Chefredakteur des Monatsmagazins „DMEuro“.

Seit 2007 bietet der Routinier seine Erfahrung freiberuflich an: Analysen und Kolumnen, TV-Kommentare, Vorträge, Moderationen und Kommunikationsberatung. Nach seinem Hörbuch „Verstehen Sie Börse!“ (Finanzbuch Verlag, 2008) erschien im Frühjahr 2012 als Kutzers Manifest im Börsenbuchverlag „Vom Raubtierkapitalismus zur Planwirtschaft?“ Zu seinem umfangreichen Web-Auftritt gehört seit einiger Zeit „Kutzers Marktplatz“ mit Beiträgen über die unterschiedlichsten Anlagemöglichkeiten. Außerdem ist im Frühjahr 2013 der neue Internet-Kanal KUTZER-TV auf Sendung gegangen.

Der Journalist und Publizist engagiert sich seit Jahrzehnten für die privaten Anleger und in diesem Zusammenhang für die Weiterentwicklung der Aktienkultur. Er betrachtet es als seine vorrangige Aufgabe, die Vermittlung von Wissen über die Zusammenhänge des Sparens und Anlegens zu unterstützen. Dabei ist der „Marktmensch“ ein bekennender Marktwirtschaftler, der mit großer Skepsis die zunehmende Regulierung der Märkte durch die Politik auf nationaler und europäischer Ebene betrachtet.

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