Kutzers Zwischenruf: Finanzexperten machen sich und ihren Kunden Mut

Hermann Kutzer

Na also. Die Optimisten werden jubeln und sich zurufen „Hatten wir doch längst erkannt!“ Die Aktienkurse wollen weiter nach oben, ihr „V“-förmiger Verlauf ist intakt, denn das Schlimmste haben wir erreicht oder wird noch im Sommer überwunden. Jedenfalls bestätigt dies der vorhin veröffentlichte Indikator im Rahmen des monatlichen ZEW-Finanzmarkttests. Daran haben sich 191 Analysten und institutionelle Anleger beteiligt. Sie wurden von den Forschern des ZEW-Instituts nach ihren mittelfristigen Erwartungen bezüglich der Konjunktur- und Kapitalmarktentwicklung befragt.

Die Ergebnisse sind tatsächlich bemerkenswert und ermuntern den sich wieder erholenden Dax. Automatisch werden sich die zahlreichen Skeptiker (zu denen auch ich noch gehöre) fragen, ob man sich jetzt eilig drehen und ins Bullenlager wechseln sollte. Das muss jeder für sich entscheiden, geschätzte Anleger. Ich bleibe bis auf weiteres dabei, dass die Risiken von der Börse, die durch die enorme Liquidität seit Wochen angeheizt wird, unterschätzt werden. Nie zuvor erlebte, unfassbar hohe Summen durch diverse Notenbankaktionen kombiniert mit fiskalischen Hilfspaketen machen Mut und überdecken andere (globale) Sorgen.

Was ist das Besondere an diesem ZEW-Indikator? Die Konjunkturerwartungen für Deutschland, also der Blick nach vorn, steigen im Juni zum dritten Mal in Folge an. Vielleicht noch wichtiger: Die Einschätzung der konjunkturellen Lage hat sich zum ersten Mal seit Januar wieder verbessert: Der Lageindikator beträgt in der aktuellen Umfrage minus 83,1 Punkte und liegt damit um 10,4 Punkte höher als im Vormonat. Die Zuversicht nimmt zu, dass die konjunkturelle Talsohle im Sommer 2020 durchschritten sein wird, kommentieren die Mannheimer Wissenschaftler. Dies lege der erneute Anstieg der ZEW-Konjunkturerwartungen zusammen mit der Verbesserung der Lageeinschätzung nahe. Die Ertragserwartungen für die Branchen in Deutschland sind nach wie vor sehr unterschiedlich. Für exportorientierte Sektoren wie Fahrzeug- und Maschinenbau sowie die Finanzbranche sind die Ertragserwartungen deutlich negativ.

Ales in allem erwarten die Finanzmarktexperten für das dritte und vierte Quartal nur eine relativ langsame Zunahme der wirtschaftlichen Leistung - gibt sich der Dax damit zufrieden? Auch ohne große Sprünge wäre eine schrittweise Konjunkturerholung erfreulich. Doch traue ich dem Virus noch nicht und sehe außerdem einen Berg von anderen Problemen, die börsenrelevant werden können - eine zweite Pandemie-Welle, innenpolitische Unruhen in Trump-land, zunehmende Spannungen zwischen den USA und Brexit-Europa, Nord-/Südkorea-Konflikt etc. Wenn Ihnen der ZEW-Bericht zusammen mit der jüngsten Dax-Aufwärtsbewegung Mut machen sollte, liebe Leser,

empfehle ich dennoch vorsichtiges Vorgehen nach der „Bisschen-Taktik“ - nicht alles gleich investieren und andererseits Gewinnmitnahmen nicht vergessen!

Werden Sie also nicht leichtsinnig, geschätzte Leser, und bleiben Sie gesund

Hinweis: Die Inhalte der Kolumnen dienen ausschließlich der Information und stellen weder eine Anlageberatung oder sonstige Empfehlung im Sinne des Wertpapierhandelsgesetzes dar noch sind sie als Zusicherung etwaiger Kursentwicklungen zu verstehen. Die geäußerten Ansichten geben allein die Meinung des jeweiligen Autors wieder. Für den Inhalt der Kolumne ist allein der jeweilige Autor verantwortlich.
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Expertenprofil
Hermann Kutzer Hermann Kutzer Freier Wirtschaftsjournalist, Finanzmarkt-Kommentator

Hermann Kutzer ist der dienstälteste journalistische Finanzmarktbeobachter in Deutschland: Seit mittlerweile 50 Jahren beobachtet er die nationalen Börsen und internationalen Wertpapier- und Rohstoffmärkte. Davon war er gut drei Jahrzehnte lang für die Verlagsgruppe Handelsblatt tätig, zuletzt als Chefredakteur des Monatsmagazins „DMEuro“.

Seit 2007 bietet der Routinier seine Erfahrung freiberuflich an: Analysen und Kolumnen, TV-Kommentare, Vorträge, Moderationen und Kommunikationsberatung. Nach seinem Hörbuch „Verstehen Sie Börse!“ (Finanzbuch Verlag, 2008) erschien im Frühjahr 2012 als Kutzers Manifest im Börsenbuchverlag „Vom Raubtierkapitalismus zur Planwirtschaft?“ Zu seinem umfangreichen Web-Auftritt gehört seit einiger Zeit „Kutzers Marktplatz“ mit Beiträgen über die unterschiedlichsten Anlagemöglichkeiten. Außerdem ist im Frühjahr 2013 der neue Internet-Kanal KUTZER-TV auf Sendung gegangen.

Der Journalist und Publizist engagiert sich seit Jahrzehnten für die privaten Anleger und in diesem Zusammenhang für die Weiterentwicklung der Aktienkultur. Er betrachtet es als seine vorrangige Aufgabe, die Vermittlung von Wissen über die Zusammenhänge des Sparens und Anlegens zu unterstützen. Dabei ist der „Marktmensch“ ein bekennender Marktwirtschaftler, der mit großer Skepsis die zunehmende Regulierung der Märkte durch die Politik auf nationaler und europäischer Ebene betrachtet.

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