Kutzers Zwischenruf: Keine Angst vor hohen Kursen

Hermann Kutzer

Wie stabil ist der neue Bullenmarkt? Volatilität lässt wieder zweifeln. Diese Fragestellung ist natürlich berechtigt. Doch haben die Antworten der Experten und „Experten“ traditionell eine große Bandbreite - von wachsweichen Darstellungen und Vorhersagen bis zu mutmaßlich sicherem Wissen, was in der Zukunft kommen wird. Das fängt schon damit an, dass Marktteilnehmer und -beobachter börsentäglich so tun, als wüssten Sie genau, warum sich Indizes wie der Dax (und einzelne Aktien) so oder so entwickelt haben. Es ist also keineswegs trivial, wenn Anlagemanager wie Grüner Fisher Investments jetzt daran erinnern, dass Marktschwankungen ein natürlicher Bestandteil der Aktienmarktentwicklung sind. Und: Manchmal ist die Volatilität einem konkreten Ereignis zuzuschreiben, manchmal tritt sie ohne offensichtlichen Grund auf. Und wichtig für Sie, geschätzte Anleger: Die Marktgeschichte zeigt, dass das impulsive Reagieren auf Volatilität tendenziell eine Fehlerquelle darstellt. Das gilt auch für die jüngste Volatilität, die vielerorts Zweifel an der Stabilität der Aufwärtsbewegung der letzten Monate aufkommen lässt.

Das gilt in erster Linie für die „Techs“, also die (meist amerikanischen) Giganten des Technologiesektors. Nach einer kräftigen Rally korrigierte der US-Index Nasdaq 100 in wenigen Handelstagen um rund 10 Prozent. Von einer traditionellen Begründung wie „Gewinnmitnahmen“ bis hin zu komplexeren Ursachen wie „Eigendynamik durch institutionelle Wetten auf steigende Kurse“ war in den Medien alles zu lesen. Wie gesagt, kurzfristige Korrekturen sind leider nicht immer vollumfänglich erklärbar, auch wenn es vielen Anlegern ein besseres Gefühl vermitteln würde. Bezogen auf den Technologiesektor lässt sich nicht abstreiten, dass dieser über Monate hinweg ein heißes Thema war und bei einigen Anlegern die Rationalität der Investmentstrategie verloren ging.

Doch ist der oft gezogene Vergleich mit der Tech-Bubble vor gut 20 Jahren nach vorherrschender Expertenmeinung immer noch unangebracht. Die Älteren unter Ihnen, liebe Leser, mögen sich erinnern: Damals war der Markt voll von hochspekulativen Unternehmen ohne solide Business-Pläne und echte Chancen auf Gewinne, einzig getragen von der flächendeckenden Euphorie der Anleger. Heute haben die US-Tech-Unternehmen die gesündesten Bilanzen im S&P 500, verfügen über starke Gewinne und haben zudem in der Pandemie eine hohe Widerstandsfähigkeit gezeigt. Anleger sollten sich nicht in der Ursachenforschung für kurzfristige Volatilität verlieren, sondern es den Märkten gleichtun und in die Zukunft blicken. Der Technologiesektor ist glänzend aufgestellt, um in diesem Bullenmarkt weiterhin positive Akzente zu setzen.

Ergänzend schreibt mir heute MainFirst Asset Management: Der Kursanstieg des Technologiesektors ist fundamental durchaus gerechtfertigt. Eine Gier in der Breite, wie um die Jahrtausendwende, ist nicht zu erkennen. Vielmehr konzentriert sich die Entwicklung auf wenige (marktdominierende) Unternehmen, die angesichts ihrer nachhaltigen Geschäftsmodelle (Treiber struktureller Trends) nach wie vor moderate Bewertungen aufweisen. Insofern hat die gegenwärtige Situation mit der zur Jahrtausendwende relativ wenig gemein.

Ich will nicht warnen, sondern unsicheren Anlegern zwei alte grundsätzliche Empfehlungen - die ich für sehr wichtig und nützlich halte! - nahebringen: Folgen Sie nicht den ganz kurzfristigen Stimmungen und Kursbewegungen, sondern besser den längerfristigen Trends. Und hören Sie bei Ihren Anlageentscheidungen stets auf Kopf + Bauchgefühl! Beide „Ratgeber“ sollten zustimmen - sonst lassen Sie es sein.

Hinweis: Die Inhalte der Kolumnen dienen ausschließlich der Information und stellen weder eine Anlageberatung oder sonstige Empfehlung im Sinne des Wertpapierhandelsgesetzes dar noch sind sie als Zusicherung etwaiger Kursentwicklungen zu verstehen. Die geäußerten Ansichten geben allein die Meinung des jeweiligen Autors wieder. Für den Inhalt der Kolumne ist allein der jeweilige Autor verantwortlich.
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Expertenprofil
Hermann Kutzer Hermann Kutzer Freier Wirtschaftsjournalist, Finanzmarkt-Kommentator

Hermann Kutzer ist der dienstälteste journalistische Finanzmarktbeobachter in Deutschland: Seit mittlerweile 50 Jahren beobachtet er die nationalen Börsen und internationalen Wertpapier- und Rohstoffmärkte. Davon war er gut drei Jahrzehnte lang für die Verlagsgruppe Handelsblatt tätig, zuletzt als Chefredakteur des Monatsmagazins „DMEuro“.

Seit 2007 bietet der Routinier seine Erfahrung freiberuflich an: Analysen und Kolumnen, TV-Kommentare, Vorträge, Moderationen und Kommunikationsberatung. Nach seinem Hörbuch „Verstehen Sie Börse!“ (Finanzbuch Verlag, 2008) erschien im Frühjahr 2012 als Kutzers Manifest im Börsenbuchverlag „Vom Raubtierkapitalismus zur Planwirtschaft?“ Zu seinem umfangreichen Web-Auftritt gehört seit einiger Zeit „Kutzers Marktplatz“ mit Beiträgen über die unterschiedlichsten Anlagemöglichkeiten. Außerdem ist im Frühjahr 2013 der neue Internet-Kanal KUTZER-TV auf Sendung gegangen.

Der Journalist und Publizist engagiert sich seit Jahrzehnten für die privaten Anleger und in diesem Zusammenhang für die Weiterentwicklung der Aktienkultur. Er betrachtet es als seine vorrangige Aufgabe, die Vermittlung von Wissen über die Zusammenhänge des Sparens und Anlegens zu unterstützen. Dabei ist der „Marktmensch“ ein bekennender Marktwirtschaftler, der mit großer Skepsis die zunehmende Regulierung der Märkte durch die Politik auf nationaler und europäischer Ebene betrachtet.

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