Kutzers Zwischenruf: Konjunktur- und Kursaufschwung – trotz und wegen Corona

Hermann Kutzer

Der Weltwirtschaft geht es im Großen und Ganzen nicht schlecht - jedenfalls besser als es die Corona-Schlagzeilen befürchten lassen. Und auch hoffnungsvoll trotz der für jedermann erkennbar schlimmen Folgen der Pandemie. Bullische Anlagestrategen lassen sich deshalb nicht von ihrem Kurs abbringen. Wie das? Zum einen steht das kleine Wörtchen „wegen“ mit großer Bedeutung dahinter, zum anderen sind es pro-ökonomische politische Kräfte der Weltmächte USA und China. Dennoch bleibt der Hausse-Jubel auch im Kreis der Optimisten verhalten, es wird sogar vor Übertreibungen nach oben gewarnt. Das mag das eigene Lager enttäuschen (ich sehe ohnedies noch mehr Steigerungspotenzial für Aktien als die Mehrheit der Strategen), kann aber vom anderen Lager (den Börsen-Bären) mit Erleichterung aufgenommen werden. Denn die Aktien stehen zwar hoch im Kurs, bilden aber keine Blase, die zu platzen droht.

Mich hat heute besonders beeindruckt, was die Deutsche Bank argumentativ zusammengetragen hat: Die Unternehmensinvestitionen haben sich in der Coronavirus-Krise schnell erholt. Vor allem seit sich Anfang November 2020 die Zulassung von Coronavirus-Impfstoffen abzeichnete, legten die Ausgaben für Maschinen und Ausrüstungen noch einmal kräftig zu. Ende 2020 könnten die globalen Investitionen daher schon wieder 2,7 Prozent über dem Vorjahr gelegen haben. Ein Ende des Aufschwungs ist nicht in Sicht. Gestützt durch eine gute Auftragslage und günstige Finanzierungsbedingungen könnten die Unternehmensinvestitionen in diesem Jahr weltweit um 5 bis 10 Prozent zulegen. Der globale Einkaufsmanagerindex für die Kapitalgüterindustrie lag im Februar nicht nur nahe an einem Zehnjahreshoch, sondern auch höher als in anderen Sektoren. Dies bestärkt die Strategen in ihrer Erwartung, dass die Gewinne der Investitionsgüterhersteller in Europa und in den USA in diesem Jahr überdurchschnittlich stark steigen könnten. Meinen die Banker: Wegen der bereits relativ hohen Bewertungen dürfte das weitere Kurspotenzial dennoch begrenzt sein.

Für die inzwischen fast abgeschlossene Berichtssaison in den USA lässt sich ein positives Fazit ziehen. Danach haben 16,5 Prozent der im S&P 500 notierten Unternehmen die Umsatzerwartungen der Analysten für das vierte Quartal 2020 übertroffen. Das ist deutlich besser als im langfristigen Durchschnitt, der nur bei 3,6 Prozent liegt. Bereits in den beiden vorangegangenen Quartalen fiel der Anteil mit 23 beziehungsweise 17 Prozent sehr hoch aus. Optimistisch stimmt vor allem auch die Verbesserung der Gewinnmargen im vierten Quartal: Das erste Mal seit zwei Jahren sind die Gewinne je Aktie schneller gestiegen als die entsprechenden Umsatzerlöse. Offensichtlich ist es vielen Firmen gelungen, ihre Effizienz in der Krise zu steigern. Der im Konsens erwartete Zuwachs der Unternehmensgewinne von gut 24 Prozent im S&P 500 kann demnach in diesem Jahr erreicht werden. Trotzdem sieht Chef-Anlagestratege Ulrich Stephan für den Index nur begrenztes Potenzial, da der Anteil der Technologieaktien relativ groß ist und diese kaum mehr zu den Outperformern zählen dürften.

Noch sind es die Ausnahmen unter den Volkswirten und Analysten, ich halte sie jedoch für starke Stimmen - es sind Experten, die „wegen Corona“ als Faktor einer überraschend guten Weltwirtschaftsentwicklung herausstellen. Dabei spielt das Thema Nachhaltigkeit eine herausragende Rolle. So schreiben die Axa Investment Managers: Aus unserer Sicht verstärkt die Covid-19-Krise bereits bestehende Trends und dürfte die Entwicklung zu nachhaltigerem Wirtschaften weiter beschleunigen. Ein Beispiel hierfür ist US-Präsident Joe Bidens kürzlich unterzeichnete Buy-American-Verordnung. Denn Teil dieser ist es, die Fahrzeugflotte des Staates durch in Amerika produzierte Elektroautos und Elektro-Lkw zu ersetzen. Elektronische Fahrzeuge lassen die Nachfrage nach Halbleitern steigen, gleichzeitig ist deren Herstellungskapazität begrenzt. Auch das Interesse am Kauf von Elektrobatterien übertrifft deren aktuelle Fertigungsmöglichkeiten. Ebenso steigt der damit einhergehende Bedarf nach Kobalt, einem wichtigen Rohstoff für die Produktion von Batterien. Fazit der Axa IM: Somit sind sowohl die beschleunigte Energiewende als auch der Trend, nachhaltiger zu wirtschaften, wichtige Treiber für steigende Aktienkurse.

Zu den Warnern gehört die Zürcher Fisch Asset Management, das wir folgt argumentiert: Wo Licht ist, da gibt es bekanntlich auch Schatten. Anleger tun gut daran, die Risiken für die Konjunkturentwicklung und die Finanzmärkte, die das positive Umfeld zunichtemachen könnten, nicht aus den Augen zu verlieren: Zum Beispiel sinkendes Konsumentenvertrauen aufgrund von Impfstoffproblemen, was eine Double-Dip-Rezession nach sich ziehen könnte. Auch eine konjunkturelle Überhitzung, ausgelöst von einer zu starken Stimulierung durch die staatlichen Hilfspakete, wäre für einen langfristig gesunden Aufschwung kontraproduktiv. Furcht vor einer Straffung der lockeren Geldpolitik wäre ebenfalls Gift für die Finanzmärkte. Damit einhergehend stellt generell die hohe Bewertung der Aktienmärkte und eine entsprechend große Sensitivität auf negative Meldungen eine Gefahr dar wie auch die zunehmende Staatsverschuldung, die zu einem stärker als erwartetem Zinsaufwärtsdruck führen könnte.

Nicht nur in meinen Augen bedeutet die Pandemie (so schwer ihr weiterer Verlauf auch vorauszusehen ist) eine gewaltige Herausforderung. Doch werden die richtungweisenden Industriestaaten die erforderlichen Anpassungs- und Innovationsprozesse so schnell wie möglich vorantreiben. Gut für die Börse!

Hinweis: Die Inhalte der Kolumnen dienen ausschließlich der Information und stellen weder eine Anlageberatung oder sonstige Empfehlung im Sinne des Wertpapierhandelsgesetzes dar noch sind sie als Zusicherung etwaiger Kursentwicklungen zu verstehen. Die geäußerten Ansichten geben allein die Meinung des jeweiligen Autors wieder. Für den Inhalt der Kolumne ist allein der jeweilige Autor verantwortlich.
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Expertenprofil
Hermann Kutzer Hermann Kutzer Freier Wirtschaftsjournalist, Finanzmarkt-Kommentator

Hermann Kutzer ist der dienstälteste journalistische Finanzmarktbeobachter in Deutschland: Seit mittlerweile 50 Jahren beobachtet er die nationalen Börsen und internationalen Wertpapier- und Rohstoffmärkte. Davon war er gut drei Jahrzehnte lang für die Verlagsgruppe Handelsblatt tätig, zuletzt als Chefredakteur des Monatsmagazins „DMEuro“.

Seit 2007 bietet der Routinier seine Erfahrung freiberuflich an: Analysen und Kolumnen, TV-Kommentare, Vorträge, Moderationen und Kommunikationsberatung. Nach seinem Hörbuch „Verstehen Sie Börse!“ (Finanzbuch Verlag, 2008) erschien im Frühjahr 2012 als Kutzers Manifest im Börsenbuchverlag „Vom Raubtierkapitalismus zur Planwirtschaft?“ Zu seinem umfangreichen Web-Auftritt gehört seit einiger Zeit „Kutzers Marktplatz“ mit Beiträgen über die unterschiedlichsten Anlagemöglichkeiten. Außerdem ist im Frühjahr 2013 der neue Internet-Kanal KUTZER-TV auf Sendung gegangen.

Der Journalist und Publizist engagiert sich seit Jahrzehnten für die privaten Anleger und in diesem Zusammenhang für die Weiterentwicklung der Aktienkultur. Er betrachtet es als seine vorrangige Aufgabe, die Vermittlung von Wissen über die Zusammenhänge des Sparens und Anlegens zu unterstützen. Dabei ist der „Marktmensch“ ein bekennender Marktwirtschaftler, der mit großer Skepsis die zunehmende Regulierung der Märkte durch die Politik auf nationaler und europäischer Ebene betrachtet.

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