Kutzers Zwischenruf: Krise als Chance: Moderne Europäer auf Aufholkurs

Hermann Kutzer

Was eine Krise bedeutet und wohin sie führen kann, ist Gegenstand ungezählter Aphorismen und Sprüche. Der große Schweizer Schriftsteller Max Frisch hat mein Lieblingszitat formuliert: „Krise kann ein produktiver Zustand sein. Man muss ihr nur den Beigeschmack der Katastrophe nehmen.“ Wie wahr (wenn es möglich ist)! Können die Anleger den wirtschaftlichen Einbruch als Folge der Corona-Katastrophe jetzt abhaken, um nach vorn zu blicken? Europa rückt dabei wieder ins Blickfeld. Moderne Krisenbewältiger unter den Unternehmen werden von internationalen Strategen empfohlen - sie haben Nachholbedarf. Voraussetzung ist, dass es nicht zu einer zweiten Corona-Welle und Lockdowns kommt.

Warum man sich von den offiziellen Statistiken nicht mehr leiten lassen sollte, zeigt die aktuelle Nachrichtenlage, die sich vergangene Entwicklungen bezieht. In der Eurozone sind die Konjunktur und die Beschäftigung inmitten der Corona-Krise drastisch eingebrochen. Der Konjunktureinbruch fällt jedoch etwas schwächer aus als bisher bekannt. Die Wirtschaftsleistung (BIP) sei im zweiten Quartal gegenüber dem Vorquartal um 11,8 Prozent geschrumpft, teilte das Statistikamt Eurostat mit. Zwar ist das der stärkste Rückgang seit Beginn der Aufzeichnungen im Jahr 1995. In einer vorherigen Schätzung war jedoch ein noch etwas stärkerer Einbruch um 12,1 Prozent ermittelt worden. Interessant die regionale Betrachtung: Die heftigsten Einbrüche mussten die Südländer Spanien, Griechenland, Portugal, Frankreich und Italien hinnehmen. Deutschland liegt im Mittelfeld, während Finnland, Litauen, Estland und Irland die geringsten Einbrüche hinnehmen mussten. Das war gestern. Die Trendwende ist längst eingeleitet.

Mut macht - auch den Investoren - eine frische Untersuchung mit dem Ergebnis: Es gibt gute Voraussetzungen dafür, dass die deutsche Wirtschaft gestärkt aus der Corona-Krise hervorgeht. So haben viele Firmen in die Digitalisierung investiert, erklärte die Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände (BDA) unter Berufung auf eine repräsentative Umfrage. Die Umfrage zeigt nämlich, dass Unternehmen in der Corona-Pandemie eine hohe organisatorische Anpassungsfähigkeit bewiesen haben. Zwei Drittel der Befragten sagten, dass sie sich während der Pandemie neue Arbeitsweisen angewöhnt haben. Die Hälfte hat angegeben, dass ihre Firma insgesamt flexibler geworden sei. Knapp die Hälfte der Beschäftigten gibt an, dass ihr Unternehmen in Software investiert habe.

Dazu passt die Zuversicht internationaler Investmentmanager, dass gerade europäische Unternehmen von der weltweiten Phase wirtschaftlicher Erholung und Rückkehr zum

Wachstum profitieren sollten. Wenn weitere Lockdowns in den kommenden Wochen ausbleiben, können die Anleger mit einer nachhaltigen Erholung in weiten Teilen des europäischen Aktienmarkts rechnen. Dank umfangreicher Stimuli der Regierungen und Notenbanken hat sich die umlaufende Geldmenge massiv erhöht. Dazu kommt von Analysten das Argument der Modernisierung. Denn gleichzeitig werden strukturelle Trends wie die stärkere Digitalisierung der Arbeitswelt, Online-Shopping oder der stärkere Fokus auf umweltfreundlichere staatliche Ausgaben anhalten oder durch die Krise sogar beschleunigt.

Versuchen Sie also, geschätzte Anleger, sich von den fundamentalen Wirtschaftsdaten der Krisenmonate zu lösen, um die „modernen Europäer“ von morgen zu entdecken.

Hinweis: Die Inhalte der Kolumnen dienen ausschließlich der Information und stellen weder eine Anlageberatung oder sonstige Empfehlung im Sinne des Wertpapierhandelsgesetzes dar noch sind sie als Zusicherung etwaiger Kursentwicklungen zu verstehen. Die geäußerten Ansichten geben allein die Meinung des jeweiligen Autors wieder. Für den Inhalt der Kolumne ist allein der jeweilige Autor verantwortlich.
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Expertenprofil
Hermann Kutzer Hermann Kutzer Freier Wirtschaftsjournalist, Finanzmarkt-Kommentator

Hermann Kutzer ist der dienstälteste journalistische Finanzmarktbeobachter in Deutschland: Seit mittlerweile 50 Jahren beobachtet er die nationalen Börsen und internationalen Wertpapier- und Rohstoffmärkte. Davon war er gut drei Jahrzehnte lang für die Verlagsgruppe Handelsblatt tätig, zuletzt als Chefredakteur des Monatsmagazins „DMEuro“.

Seit 2007 bietet der Routinier seine Erfahrung freiberuflich an: Analysen und Kolumnen, TV-Kommentare, Vorträge, Moderationen und Kommunikationsberatung. Nach seinem Hörbuch „Verstehen Sie Börse!“ (Finanzbuch Verlag, 2008) erschien im Frühjahr 2012 als Kutzers Manifest im Börsenbuchverlag „Vom Raubtierkapitalismus zur Planwirtschaft?“ Zu seinem umfangreichen Web-Auftritt gehört seit einiger Zeit „Kutzers Marktplatz“ mit Beiträgen über die unterschiedlichsten Anlagemöglichkeiten. Außerdem ist im Frühjahr 2013 der neue Internet-Kanal KUTZER-TV auf Sendung gegangen.

Der Journalist und Publizist engagiert sich seit Jahrzehnten für die privaten Anleger und in diesem Zusammenhang für die Weiterentwicklung der Aktienkultur. Er betrachtet es als seine vorrangige Aufgabe, die Vermittlung von Wissen über die Zusammenhänge des Sparens und Anlegens zu unterstützen. Dabei ist der „Marktmensch“ ein bekennender Marktwirtschaftler, der mit großer Skepsis die zunehmende Regulierung der Märkte durch die Politik auf nationaler und europäischer Ebene betrachtet.

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