Kutzers Zwischenruf: Kurzfristige Anleger haben’s zunehmend schwer

Hermann Kutzer

Erst der globale Pandemie-Schock verbunden mit einem Aktiencrash. Dann eine spektakuläre Erholung von Wirtschaft und Börsen. Inzwischen ist das Bild eher verschwommen und unsicher. Kein klarer Trend mehr - nach Ländern, Branchen und Einzelwerten zunehmend uneinheitliche Kurse. Das erschwert Ihnen, geschätzte Anleger, die taktischen (= kurz- bis mittelfristigen) Entscheidungen. Gut möglich, dass dies auf absehbare Zeit so bleibt. Wer hinter dem schnellen Euro her ist, hat es also viel schwerer als der langfristig denkende Investor. Denn er muss sich täglich fragen, was die neuen Analysen, Zahlen und Prognosen für die Märkte bedeuten (können) und was nicht.

Wiederholt habe ich appelliert, sich nicht allein auf kurzfristige Konjunkturdaten zu verlassen. Denn sie nehmen erfahrungsgemäß schwer berechenbaren Einfluss auf das Anlegerverhalten, zumal sie unterschiedlich interpretiert werden. Nicht ohne Grund, werden sie doch bei ihrer Aktualisierung immer wieder korrigiert. Momentan gilt dies in hohem Maß für die Corona-Entwicklung (und ihre Folgen) sowie den Konjunkturverlauf. Da ist die für die Börsenstimmung so wichtige Geldpolitik der großen Notenbanken noch vergleichsweise leicht vorhersehbar - sieht man  einmal von der weiteren  Inflationsentwicklung ab.

Heute liefert die OECD ein typisches, wenn auch undramatisches Beispiel. In ihrem Interim Economic Outlook fasst sie zusammen: Die Weltwirtschaft wächst deutlich stärker als vor einem Jahr erwartet. Jedoch verläuft die Erholung weiterhin uneinheitlich. Das birgt Risiken - sowohl für fortgeschrittene als auch für aufstrebende Volkswirtschaften. Angesichts der Impffortschritte und der allmählichen Konjunkturbelebung rechnet die Organisation mit einem kräftigen Weltwirtschaftswachstum von 5,7 Prozent in diesem Jahr und 4,5 Prozent in 2022. Für Deutschland wird aber ein Wachstum von nur noch 2,9 Prozent im laufenden Jahr und von 4,6 Prozent in 2022 gerechnet.

Die einzelnen Länder stehen nach der Krise vor unterschiedlichen Herausforderungen, was unter anderem mit den schon vor der Pandemie bestehenden Stärken und Schwächen sowie mit den unterschiedlichen politischen Ansätzen während der Pandemie zu tun hat.  Selbst Länder, deren Wirtschaftsleistung oder Beschäftigung schon wieder auf Vorkrisenniveau liegt, haben sich noch nicht vollständig erholt, da das Niveau von Beschäftigung und Einkommen noch unter dem liegt, was vor der Pandemie erwartet wurde. Die sehr unterschiedlich hohen Impfquoten tragen ebenfalls dazu bei, dass die Erholung „unausgewogen“ verläuft, heißt es im Zwischenbericht. In einigen Ländern haben erneute Infektionsausbrüche wieder Eindämmungsmaßnahmen erforderlich gemacht. Das führt zu Engpässen und verschärft die angespannte Versorgungslage. Und die Inflationsaussichten klaffen weit auseinander. In den Vereinigten Staaten und einigen aufstrebenden Volkswirtschaften sind sie deutlich gestiegen, während sie in vielen anderen fortgeschrittenen Volkswirtschaften, insbesondere im Euroraum, nach wie vor relativ niedrig sind.

Allein diese Zusammenhänge lassen erahnen, dass es auch in den kommenden Monaten zu weiteren Aktualisierungen der Konjunkturanalysen kommen wird. Das wird sich unterschiedlich in den Geschäftsaussichten der einzelnen Aktiengesellschaften niederschlagen. Das tägliche Rauf und Runter der Kurse schreckt viele Privatanleger ab, ist andererseits Anreiz für Stockpicker und Trader. Der Vermögensverwalter Jupiter Asset Management gehört zu den Häusern, die momentan mutig genug für eine eindeutige Aussage sind: Das größte Risiko besteht darin, dass die Inflation hartnäckiger bleibt, als es den Zentralbanken lieb ist. Dies könnte die Fed dazu veranlassen, eine restriktivere Haltung einzunehmen. Wir glauben jedoch nicht, dass dies der Fall sein wird. Wir gehen davon aus, dass das Tapering der Fed im November oder Dezember angekündigt wird, aber wir erwarten bis weit in das Jahr 2022 sehr günstige Bedingungen. Wir glauben daher, dass die Rallye an den Märkten noch einige Zeit anhalten kann. Schön wär’s.

Hinweis: Die Inhalte der Kolumnen dienen ausschließlich der Information und stellen weder eine Anlageberatung oder sonstige Empfehlung im Sinne des Wertpapierhandelsgesetzes dar noch sind sie als Zusicherung etwaiger Kursentwicklungen zu verstehen. Die geäußerten Ansichten geben allein die Meinung des jeweiligen Autors wieder. Für den Inhalt der Kolumne ist allein der jeweilige Autor verantwortlich.
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Expertenprofil
Hermann Kutzer Hermann Kutzer Freier Wirtschaftsjournalist, Finanzmarkt-Kommentator

Hermann Kutzer ist der dienstälteste journalistische Finanzmarktbeobachter in Deutschland: Seit mittlerweile 50 Jahren beobachtet er die nationalen Börsen und internationalen Wertpapier- und Rohstoffmärkte. Davon war er gut drei Jahrzehnte lang für die Verlagsgruppe Handelsblatt tätig, zuletzt als Chefredakteur des Monatsmagazins „DMEuro“.

Seit 2007 bietet der Routinier seine Erfahrung freiberuflich an: Analysen und Kolumnen, TV-Kommentare, Vorträge, Moderationen und Kommunikationsberatung. Nach seinem Hörbuch „Verstehen Sie Börse!“ (Finanzbuch Verlag, 2008) erschien im Frühjahr 2012 als Kutzers Manifest im Börsenbuchverlag „Vom Raubtierkapitalismus zur Planwirtschaft?“ Zu seinem umfangreichen Web-Auftritt gehört seit einiger Zeit „Kutzers Marktplatz“ mit Beiträgen über die unterschiedlichsten Anlagemöglichkeiten. Außerdem ist im Frühjahr 2013 der neue Internet-Kanal KUTZER-TV auf Sendung gegangen.

Der Journalist und Publizist engagiert sich seit Jahrzehnten für die privaten Anleger und in diesem Zusammenhang für die Weiterentwicklung der Aktienkultur. Er betrachtet es als seine vorrangige Aufgabe, die Vermittlung von Wissen über die Zusammenhänge des Sparens und Anlegens zu unterstützen. Dabei ist der „Marktmensch“ ein bekennender Marktwirtschaftler, der mit großer Skepsis die zunehmende Regulierung der Märkte durch die Politik auf nationaler und europäischer Ebene betrachtet.

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