Kutzers Zwischenruf: Wandelanleihen für Bullen und Bären geeignet

Hermann Kutzer

Manche von Ihnen, auch wenn sie durchaus mutig sind, fragen nach dem Worst Case. Zumindest interessiert sie, was zu einer ausgeprägten Schwächephase am Aktienmarkt führen könnte. Diese Anleger verfolgen naturgemäß die Inflations- und Zinsentwicklung. Lassen wir einmal Krisen, Kriege und andere Katastrophen außen vor, dann gilt der Fokus weiterhin den Zentralbanken und ihrer Liquiditätssteuerung.

Wird die Fed in diesem Jahr zum Risikofaktor? Alarmiert von der auf ein 40-Jahreshoch gestiegenen Inflation in den USA sprechen sich Währungshüter für ein Stakkato an Zinserhöhungen im laufenden Jahr aus. „Ich denke jetzt, dass wir 2022 vielleicht vier Schritte machen sollten“, sagt der Chef des Zentralbankbezirks St. Louis, James Bullardem. Sein Kollege Patrick Harker aus Philadelphia plädiert für eine Abfolge von drei Anhebungen, mit der man bereits im März beginnen könne. Die Notenbank sei darauf fokussiert, die Inflation wieder auf 2 Prozent zu drücken, betont die designierte Fed-Vizechefin Lael Brainard. Zugleich will die Notenbank die Erholung erhalten, die jeden erreichen müsse. Das gilt als die die wichtigste Aufgabe der Fed.

Ich bin überzeugt, geschätzte Anleger, dass die führenden Notenbanken ihr Geschäft beherrschen. Das haben sie viele disinflationäre Jahre lang bewiesen und sollten jetzt verantwortungsbewusst auch eine reflationäre Phase managen. Deshalb sehe ich in der Viruspandemie und ihren Folgen die größte Gefahr für Wirtschaft und Finanzmärkte.

Die Investmentstrategen von Lazard Asset Management sehen sich kritisch die aktuelle Bewertung des US-Aktienmarkts an, die gemessen am Kurs/Gewinn-Verhältnis rund doppelt so hoch wie zu Beginn der Finanzkrise 2008 ist. Europäische und Emerging Markets Aktien gelten zwar ebenfalls als hoch bepreist, bewegen sich allerdings längst nicht auf so einem extremen Niveau wie der S&P 500. Empfehlen die Experten: Investoren sollten generell das (auch von mir) viel gehörte TINA-Argument für Aktien (“There is no Alternative”) kritisch betrachten. Denn Aktien und Anleihen kommen in der Asset Allocation unterschiedliche Rollen zu. Anleihen sind der Garant für Sicherheit (leider stimmt das nicht immer), während Aktien den Mehrertrag generieren sollen. Zwei Assetklassen mit so unterschiedlichen Funktionen kann man nicht einfach mit Ertragsargumenten miteinander vergleichen, sagen die Lazard-Experten.

Die anhaltende Inflation und TINA-Einstellung vieler Anleger rücken Wandelanleihen in den Fokus, hier gilt das Chancen-Risiko-Verhältnis als interessant. Setzt sich die Aktienrally weiter fort, profitieren Wandelanleihen stark von ihrem Aktien-Exposure. In größeren Korrekturen hingegen werden sie eher zu Unternehmensanleihen und bieten Schutz. Investoren könnten so über das neue Jahr gezielt von steigender Volatilität profitieren. Ja, die Convertible Bonds gehören auch für mich seit langem zu den Favoriten für eine Depotbeimischung oder als Satellit im Rahmen einer Core-Satellite-Strategie.

Hinweis: Die Inhalte der Kolumnen dienen ausschließlich der Information und stellen weder eine Anlageberatung oder sonstige Empfehlung im Sinne des Wertpapierhandelsgesetzes dar noch sind sie als Zusicherung etwaiger Kursentwicklungen zu verstehen. Die geäußerten Ansichten geben allein die Meinung des jeweiligen Autors wieder. Für den Inhalt der Kolumne ist allein der jeweilige Autor verantwortlich.
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Expertenprofil
Hermann Kutzer Hermann Kutzer Freier Wirtschaftsjournalist, Finanzmarkt-Kommentator

Hermann Kutzer ist der dienstälteste journalistische Finanzmarktbeobachter in Deutschland: Seit mittlerweile 50 Jahren beobachtet er die nationalen Börsen und internationalen Wertpapier- und Rohstoffmärkte. Davon war er gut drei Jahrzehnte lang für die Verlagsgruppe Handelsblatt tätig, zuletzt als Chefredakteur des Monatsmagazins „DMEuro“.

Seit 2007 bietet der Routinier seine Erfahrung freiberuflich an: Analysen und Kolumnen, TV-Kommentare, Vorträge, Moderationen und Kommunikationsberatung. Nach seinem Hörbuch „Verstehen Sie Börse!“ (Finanzbuch Verlag, 2008) erschien im Frühjahr 2012 als Kutzers Manifest im Börsenbuchverlag „Vom Raubtierkapitalismus zur Planwirtschaft?“ Zu seinem umfangreichen Web-Auftritt gehört seit einiger Zeit „Kutzers Marktplatz“ mit Beiträgen über die unterschiedlichsten Anlagemöglichkeiten. Außerdem ist im Frühjahr 2013 der neue Internet-Kanal KUTZER-TV auf Sendung gegangen.

Der Journalist und Publizist engagiert sich seit Jahrzehnten für die privaten Anleger und in diesem Zusammenhang für die Weiterentwicklung der Aktienkultur. Er betrachtet es als seine vorrangige Aufgabe, die Vermittlung von Wissen über die Zusammenhänge des Sparens und Anlegens zu unterstützen. Dabei ist der „Marktmensch“ ein bekennender Marktwirtschaftler, der mit großer Skepsis die zunehmende Regulierung der Märkte durch die Politik auf nationaler und europäischer Ebene betrachtet.

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