Kutzers Zwischenruf: Wenn die Börsen-Bären kapitulieren

Hermann Kutzer

Noch ist es ein Verdacht, den Frankfurter Sentiment-Analysten hegen. Sollte er sich bestätigen, könnte sich daraus eine Belastung für den Dax entwickeln. Denn zu viel Optimismus ist für den Aktienmarkt erfahrungsgemäß gefährlich. Aber auch abgesehen vom technischen Bild und der Stimmungslage im Handel gibt es einen zentralen Problempunkt, der gerade in den letzten Tagen von den Investoren vernachlässigt wurde: die Bedrohung der Weltwirtschaft durch ein Wiederaufleben der Pandemie. In einer Reihe von nahen und fernen Ländern sind die täglichen Corona-Zahlen wieder beängstigend gestiegen. So auch bei uns. Das könnte sich im Winterhalbjahr beschleunigt fortsetzen.

Positive Konjunkturindikatoren und Unternehmensberichte sollten also nicht isoliert betrachtet werden, sondern auch im Zusammenhang mit den besonderen Risiken. Die Frankfurter Verhaltensforscher von Goldberg & Goldberg haben in ihrer jüngsten Befragung festgestellt, dass jetzt die große Stimmungskluft zwischen institutionellen und privaten Investoren aus den Vorwochen geschlossen wurde - die Ergebnisse beider Panels lagen nunmehr fast gleichauf. Der starke Stimmungsumschwung, vor allen Dingen bei den institutionellen Investoren, kann nahezu als „Kapitulation der Bären“ gelten. Die Stärke des neu aufgekommenen Optimismus wird vor allen Dingen in der relativen Betrachtungsweise auf sechs Monate deutlich. Denn der so berechnete Wert für dieses Zeitfenster ist so hoch wie noch nie seit Beginn der Aufzeichnungen im Jahr 2002!

Ein derart hoher Optimismus für den Dax ist normalerweise mit enormen Belastungen verbunden, bis hin zu einem deutlichen Kursrückgang. Zumindest dürften Gewinnmitnahmen aus den aktuellen Engagements nicht lange auf sich warten lassen, wenn der Dax das derzeitige, vermutlich überwiegend hausgemachte Momentum nicht beibehält. Auf der anderen Seite ist die Nachfrage aus heimischen Quellen durch die jüngste Entwicklung so ausgedünnt, dass man sich normalerweise Sorgen um unseren Leitindex machen müsste. Dagegen stellt die ansehnliche Kassenquote von 4,7 Prozent der internationalen Investoren, die sich aus der jüngsten BofA-Umfrage (per 14.10.) ergibt - vergleichsweise viel Futter für mögliche Zukäufe aus dem Ausland dar.

Vergessen wir nicht, wie stark die Märkte seit Ausbruch der Pandemie durch die konsequente Liquiditätspolitik der Notenbanken plus staatlicher Hilfsprogramme gestützt werden. Wohin mit dem vielen Geld, wenn es keine sinnvollen Alternativen zur Aktie gibt? fragen sich die Performance orientierten Anleger bis heute. Das Gros der Protagonisten tickt gleich oder zumindest ähnlich - der Herdentrieb bestimmt die Tagestendenz. Mit hoher Sicherheit lässt sich heute lediglich vorhersagen, dass sich die Kurse weiter stark uneinheitlich entwickeln werden - nach Ländern, Themen, Branchen und Einzelwerten. Wer heutzutage seine Aktienposition weiter aufstocken will, wird dies genau gezielt tun - also sehr selektiv.

Hinweis: Die Inhalte der Kolumnen dienen ausschließlich der Information und stellen weder eine Anlageberatung oder sonstige Empfehlung im Sinne des Wertpapierhandelsgesetzes dar noch sind sie als Zusicherung etwaiger Kursentwicklungen zu verstehen. Die geäußerten Ansichten geben allein die Meinung des jeweiligen Autors wieder. Für den Inhalt der Kolumne ist allein der jeweilige Autor verantwortlich.
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Expertenprofil
Hermann Kutzer Hermann Kutzer Freier Wirtschaftsjournalist, Finanzmarkt-Kommentator

Hermann Kutzer ist der dienstälteste journalistische Finanzmarktbeobachter in Deutschland: Seit mittlerweile 50 Jahren beobachtet er die nationalen Börsen und internationalen Wertpapier- und Rohstoffmärkte. Davon war er gut drei Jahrzehnte lang für die Verlagsgruppe Handelsblatt tätig, zuletzt als Chefredakteur des Monatsmagazins „DMEuro“.

Seit 2007 bietet der Routinier seine Erfahrung freiberuflich an: Analysen und Kolumnen, TV-Kommentare, Vorträge, Moderationen und Kommunikationsberatung. Nach seinem Hörbuch „Verstehen Sie Börse!“ (Finanzbuch Verlag, 2008) erschien im Frühjahr 2012 als Kutzers Manifest im Börsenbuchverlag „Vom Raubtierkapitalismus zur Planwirtschaft?“ Zu seinem umfangreichen Web-Auftritt gehört seit einiger Zeit „Kutzers Marktplatz“ mit Beiträgen über die unterschiedlichsten Anlagemöglichkeiten. Außerdem ist im Frühjahr 2013 der neue Internet-Kanal KUTZER-TV auf Sendung gegangen.

Der Journalist und Publizist engagiert sich seit Jahrzehnten für die privaten Anleger und in diesem Zusammenhang für die Weiterentwicklung der Aktienkultur. Er betrachtet es als seine vorrangige Aufgabe, die Vermittlung von Wissen über die Zusammenhänge des Sparens und Anlegens zu unterstützen. Dabei ist der „Marktmensch“ ein bekennender Marktwirtschaftler, der mit großer Skepsis die zunehmende Regulierung der Märkte durch die Politik auf nationaler und europäischer Ebene betrachtet.

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