Kutzers Zwischenruf: Wenn die Krise in die Verlängerung geht

Hermann Kutzer

Zusammengenommen ergibt sich für Anleger (noch) kein düsteres Bild. Wer dennoch eine nachhaltige Reaktion auf die kommenden politischen Ereignisse befürchtet, der sollte auf Nummer sicher gehen und vorsichtshalber bis zum 3. November nichts unternehmen. Meine größere Sorge gilt aufgrund der neuen Infektionszahlen der Pandemie und ihren Folgen! Mit diesen Sätzen endete mein letzter Zwischenruf. Er ist inzwischen noch aktueller geworden.

Die Entwicklung der Infektionszahlen von Indien über Russland bis Brasilien kann einem Angst machen. Und bei unseren europäischen Nachbarn sieht es seit ein paar Tagen ebenfalls Besorgnis erregend aus. Beispiel Großbritannien, wo nicht nur über den Brexit-Poker von Boris Johnson diskutiert wird: Kommt es zu einem zweiten Lockdown? Gesundheitsminister Matt Hancock hält diesen jedenfalls als Reaktion auf die stark steigenden Corona-Infektionszahlen für möglich („Ich schließe es nicht aus“, sagte er der BBC). Auch hierzulande wird das Wort Lockdown wieder in den Mund genommen - Politiker und Virologen wollen aber das Runterfahren von Wirtschaft und Gesellschaft ausdrücklich nicht. Hoffentlich bleibt es dabei!

Auf jeden Fall sollten Sie, geschätzte Anleger, die Warnungen ernst nehmen. Denn die Euro-Zone wird aus Sicht von EZB-Direktorin Isabel Schnabel noch lange mit den negativen konjunkturellen Auswirkungen der Corona-Krise zu kämpfen haben. Den jüngsten Prognosen der Europäischen Zentralbank (EZB) zufolge werde das Bruttoinlandsprodukt im Euro-Raum Ende 2022 immer noch deutlich unterhalb des Wachstumspfads liegen, der noch im März prognostiziert wurde. Es dürfte also Jahre dauern, bis die wirtschaftlichen Folgen der Krise vollständig überwunden sind.

Börsenstrategen wie das Research der Helaba sehen ungeachtet dessen aufgrund der zurückliegenden Börsenentwicklung die Wahrscheinlichkeit (zumindest die Möglichkeit) einer Korrekturphase. Seit den Tiefstständen im März dieses Jahres haben die international führenden Indizes eine beeindruckende Rally hingelegt. Doch während es dem Dax bislang nicht gelungen ist, gegenüber dem Jahresultimo 2019 wieder nachhaltig in die Gewinnzone vorzudringen, markierten andere Börsenbarometer sogar neue historische Höchststände. Auf den ersten Blick könnte der Eindruck entstehen, es hätte die Pandemie mit all ihren ökonomischen Verwerfungen nie gegeben. Doch auch wenn sich die Aktienindizes insgesamt sehr positiv entwickelt haben, gilt das längst nicht für alle Sektoren oder gar Einzeltitel. So stehen den Gewinnern aus dem Dax derzeit gleich viele Verlierer gegenüber.

Unter der Indexoberfläche findet nicht nur hierzulande eine enorme Spreizung statt. Nicht nur die Börsenlieblinge der vergangenen Monate haben die Bewertung nach oben getrieben. Insgesamt erreichte das Kurs-Gewinn-Verhältnis für den S&P 500 auf Basis der Schätzungen für die kommenden 12 Monate mit zeitweilig rund 23 annähernd die Spitzenwerte aus dem Jahr 2000. Angesichts der anhaltenden Niedrigzinsphase und der vielzitierten Alternativlosigkeit ist dies für manche Marktteilnehmer zwar kein Grund zur Besorgnis. Dagegen die Helaba: Die jüngste Korrektur zeigt aber, dass dieser Umstand Aktien anfällig macht. Schließlich ist bei den vermeintlichen Krisengewinnern eine gehörige Portion Wachstumsfantasie eingepreist.

Ich schließe mich auf kurze Sicht einer betont vorsichtigen Haltung gegenüber deutschen Aktien an. Dabei ist eine weiterhin stark uneinheitliche Kursentwicklung zu erwarten. Deshalb sollten Anleger unbedingt auch die Nachrichten über Entlassungen und Werksschließen beobachten. Vorsichtige Aktienfans werden sich also auf eine mögliche Verlängerung der Corona-Krise vorbereiten, indem sie ihre Positionen gegen größere Verluste absichern und neue Engagements vorläufig nur mit Teilbeträgen ihres verfügbaren Anlagekapitals eingehen.

Hinweis: Die Inhalte der Kolumnen dienen ausschließlich der Information und stellen weder eine Anlageberatung oder sonstige Empfehlung im Sinne des Wertpapierhandelsgesetzes dar noch sind sie als Zusicherung etwaiger Kursentwicklungen zu verstehen. Die geäußerten Ansichten geben allein die Meinung des jeweiligen Autors wieder. Für den Inhalt der Kolumne ist allein der jeweilige Autor verantwortlich.
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Expertenprofil
Hermann Kutzer Hermann Kutzer Freier Wirtschaftsjournalist, Finanzmarkt-Kommentator

Hermann Kutzer ist der dienstälteste journalistische Finanzmarktbeobachter in Deutschland: Seit mittlerweile 50 Jahren beobachtet er die nationalen Börsen und internationalen Wertpapier- und Rohstoffmärkte. Davon war er gut drei Jahrzehnte lang für die Verlagsgruppe Handelsblatt tätig, zuletzt als Chefredakteur des Monatsmagazins „DMEuro“.

Seit 2007 bietet der Routinier seine Erfahrung freiberuflich an: Analysen und Kolumnen, TV-Kommentare, Vorträge, Moderationen und Kommunikationsberatung. Nach seinem Hörbuch „Verstehen Sie Börse!“ (Finanzbuch Verlag, 2008) erschien im Frühjahr 2012 als Kutzers Manifest im Börsenbuchverlag „Vom Raubtierkapitalismus zur Planwirtschaft?“ Zu seinem umfangreichen Web-Auftritt gehört seit einiger Zeit „Kutzers Marktplatz“ mit Beiträgen über die unterschiedlichsten Anlagemöglichkeiten. Außerdem ist im Frühjahr 2013 der neue Internet-Kanal KUTZER-TV auf Sendung gegangen.

Der Journalist und Publizist engagiert sich seit Jahrzehnten für die privaten Anleger und in diesem Zusammenhang für die Weiterentwicklung der Aktienkultur. Er betrachtet es als seine vorrangige Aufgabe, die Vermittlung von Wissen über die Zusammenhänge des Sparens und Anlegens zu unterstützen. Dabei ist der „Marktmensch“ ein bekennender Marktwirtschaftler, der mit großer Skepsis die zunehmende Regulierung der Märkte durch die Politik auf nationaler und europäischer Ebene betrachtet.

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