Kutzers Zwischenruf: Wetten, dass …?

Hermann Kutzer

Der Erfolg einer Kapitalanlage ist multikausal - er kann also viele Väter haben. Natürlich braucht man ausreichend Wissen, wie die Märkte und ihre Instrumente funktionieren. Meist reicht das aber nicht aus. Auch guter Rat und Erfahrung können dann äußerst wertvoll sein. Außerdem wirken Instinkt, ein gutes Näschen und natürlich auch eine Portion Glück mit. Trotz allem haben Engagements an der Börse meist auch spekulative Züge. Das ist nicht verwerflich (man sollte sich nur einmal Herkunft und Bedeutung des Worts Spekulation anschauen) und hat gewiss nichts mit Spielkasino zu tun. Wer in diesen Tagen taktische oder gar strategische Geldentscheidungen treffen muss, kennt diese Herausforderung. Denn im aktuellen Börsenumfeld stehen so viele Fragezeichen, dass sich der Anleger entscheiden muss, was er erwartet, auf was zu setzen er bereit ist. Wetten, dass …? findet an den Finanzmärkten alltäglich statt.

In den kommenden Monaten müssen Anleger mit kurz- bis mittelfristigem Zeithorizont besonders entscheidungsbereit sein, denn die Märkte brauchen Antworten, von denen die weitere Entwicklung maßgeblich abhängt. Analysten sind der Meinung, dass die Börsen schon einiges vorweggenommen („eingepreist“) haben. Aber: Waren die Aktienanleger nach dem Crash vielleicht zu bullisch, so dass im Herbst/Winter Kurskorrekturen Richtung Süden drohen?

Es sind im Wesentlichen drei Wetten, die der Kapitalanleger eingehen muss (wenn er jetzt oder in Kürze aktiv werden will):  Pandemie, Konjunktur, US-Präsidentschaftswahl. Alle drei hängen zusammen - das erschwert die Entscheidung. Was ein gefährliches Virus auf allen Ebenen des menschlichen Lebens ausrichten kann, zeigt uns Corona in historischer Dimension. Offen ist, wie sich die Infektion international weiterentwickelt (kommt eine zweite Welle?). Das davon große Unsicherheit für den Verlauf der Weltwirtschaft ausgeht, macht der jüngste Kommentar der DZ-Bank-Analysten deutlich: „Die Euphorie ist verflogen. Die wirtschaftliche Erholung hat in Deutschland im August an Kraft verloren. Die Unternehmen schauen mit Zuversicht, aber ohne Euphorie auf die kommenden Monate. Gemäß der aktuellen Markit-Umfrage unter den Einkaufsmanagern befinden sich sowohl der Dienstleistungssektor als auch die Industrie in einer Erholungsphase mit positiven Wachstumsraten. Besonders bei den Dienstleistern hat sich die Stimmung im Vergleich zum Vormonat jedoch abgekühlt. Die Befürchtungen rund um eine mögliche zweite Welle der Corona-Pandemie dürften vor allem in der Gastronomie für Ernüchterung sorgen. In der Industrie sorgen unterdessen anziehende Auftragseingänge für mehr Optimismus. Der Ausblick für die Exportmärkte bleibt jedoch bis auf Weiteres eher durchwachsen.“ Helfen Ihnen derart differenzierende Einschätzungen weiter, geschätzte Anleger?

Was die US-Wahl am 3. November betrifft, so hagelt es inzwischen schon Meinungen und Prognosen. Doch sind diese noch sehr wacklig, was mit dem Auftreten von Donald Trump zusammenhängt. Typisch sind Wall-Street-Ansichten wie die folgende: Die Handelsgespräche zwischen den USA und China wurden zwar ausgesetzt, dennoch sehen wir nur geringe Risiken für den Phase 1-Deal. Der US-Wahlkampf wirft hier seine Schatten voraus. Die Ereignisse in Washington dürften das Denken der Anleger in den kommenden Monaten dominieren. Vorerst haben die Demokraten einen soliden Vorsprung vor den Republikanern, aber in den vergangenen Tagen schien dieser Vorsprung kleiner zu werden - insbesondere im Rennen um den Senat.

Auch solche Beschreibungen zeugen von großer Unsicherheit, sind keine stabile Marktmeinung. Alle drei wesentlichen Einflussfaktoren für die Börsen sind also völlig offen und lassen Anleger eher zögern als sie zu ermutigen. Sie können davon ausgehen, liebe Leser, dass in den kommenden Wochen und Monaten die Meinungs- und Prognosevielfalt zum Thema Wirtschaft und Börse noch zunehmen wird. Das bedeutet Stimmungsschwankungen und Kursvolatilität. Wetten, dass …?

Hinweis: Die Inhalte der Kolumnen dienen ausschließlich der Information und stellen weder eine Anlageberatung oder sonstige Empfehlung im Sinne des Wertpapierhandelsgesetzes dar noch sind sie als Zusicherung etwaiger Kursentwicklungen zu verstehen. Die geäußerten Ansichten geben allein die Meinung des jeweiligen Autors wieder. Für den Inhalt der Kolumne ist allein der jeweilige Autor verantwortlich.
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Expertenprofil
Hermann Kutzer Hermann Kutzer Freier Wirtschaftsjournalist, Finanzmarkt-Kommentator

Hermann Kutzer ist der dienstälteste journalistische Finanzmarktbeobachter in Deutschland: Seit mittlerweile 50 Jahren beobachtet er die nationalen Börsen und internationalen Wertpapier- und Rohstoffmärkte. Davon war er gut drei Jahrzehnte lang für die Verlagsgruppe Handelsblatt tätig, zuletzt als Chefredakteur des Monatsmagazins „DMEuro“.

Seit 2007 bietet der Routinier seine Erfahrung freiberuflich an: Analysen und Kolumnen, TV-Kommentare, Vorträge, Moderationen und Kommunikationsberatung. Nach seinem Hörbuch „Verstehen Sie Börse!“ (Finanzbuch Verlag, 2008) erschien im Frühjahr 2012 als Kutzers Manifest im Börsenbuchverlag „Vom Raubtierkapitalismus zur Planwirtschaft?“ Zu seinem umfangreichen Web-Auftritt gehört seit einiger Zeit „Kutzers Marktplatz“ mit Beiträgen über die unterschiedlichsten Anlagemöglichkeiten. Außerdem ist im Frühjahr 2013 der neue Internet-Kanal KUTZER-TV auf Sendung gegangen.

Der Journalist und Publizist engagiert sich seit Jahrzehnten für die privaten Anleger und in diesem Zusammenhang für die Weiterentwicklung der Aktienkultur. Er betrachtet es als seine vorrangige Aufgabe, die Vermittlung von Wissen über die Zusammenhänge des Sparens und Anlegens zu unterstützen. Dabei ist der „Marktmensch“ ein bekennender Marktwirtschaftler, der mit großer Skepsis die zunehmende Regulierung der Märkte durch die Politik auf nationaler und europäischer Ebene betrachtet.

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