Lassen Sie uns über die Jahresendrallye sprechen!

Stefan Riße

Das letzte Quartal des Jahres 2021 hat begonnen. Der statistisch schlechteste Börsenmonat September liegt hinter uns. Nun ist zwar der Oktober in der Regel zwar noch ein etwas unsicheres Terrain, fielen doch große Crashs wie der vom 29. Oktober 1929 und der vom 19. Oktober 1987 in diesen Monat. Dennoch darf zu diesem Zeitpunkt bereits die Frage gestellt werden, ob wir auch dieses Jahr wieder eine Jahresendrallye bekommen oder nicht. Statistisch gesehen stehen die Chancen gut. Mit jeweils 9,9 Prozent fand das Erreichen neuer historischer Höchstkurse am häufigsten im November und Dezember statt. Hatte gemessen am S&P 500 der Aktienmarkt in einem Jahr mindestens 15 Prozent zugelegt wie auch in diesem Jahr, hat er seit 1954 nur in den Jahren 1986 und 1987 die dann bis zum Jahresende folgende Zeit mit Verlust abgeschlossen. Im Schnitt stieg er um weitere fünf Prozent.

Wahrscheinlichkeit liefert keine Sicherheit

Nun ist die Wahrscheinlichkeit gemessen an Jahreszyklen eine ziemlich heikle Sache. Selbst wenn man gemessen am Dow Jones weit mehr als 100 Jahre zurück geht, ist die Anzahl der Jahre nicht ausreichend, um statistische Relevanz zu erzeugen. Und so oder so kann es natürlich auch anders kommen. Deshalb ist es wichtig, die Wahrscheinlichkeit einer Jahresendrallye auch von anderen Seiten her abzuklopfen. Da sind zum einen die zu erwartenden Ergebnisse für das dritte Quartal. Hier ist zu befürchten, dass es im Gegensatz zum zweiten Quartal auch zu negativen Überraschungen kommt. Die Materialknappheit und die damit einhergehenden steigenden Preise könnten die Kosten erheblich haben ansteigen lassen, ohne dass dies direkt an die Kunden weitergegeben werden konnte. Diese Unsicherheit ist derzeit in den korrigierenden Kursen genauso ablesbar wie die generellen Konjunktursorgen aufgrund der drohenden Schwäche des Immobilienmarktes in China, der die Wirtschaft und damit ihren Importhunger sinken lassen könnte. Sind die Ergebnisse vermeldet, tritt dies aber dann in den Hintergrund.

Zinsangst ist unbegründet

Die sich nicht so schnell wieder abschwächende Inflation wie von den Notenbanken prognostiziert hat nun erneut die Angst vor schnelleren Zinserhöhungen aufflammen lassen. Diese Angst ist aber unbegründet. Die Lieferengpässe und steigende Preise insbesondere für Energie werden die Konjunktur ohnehin schwächer wachsen lassen als erwartet. Es macht aus Sicht von Geldpolitikern keinen Sinn, hier mit Zinserhöhungen noch zusätzlich zu bremsen. Erst bei Zweitrundeneffekten würden die Notenbanken im Normalfall einschreiten, doch selbst dies dürfte wegen der hohen Verschuldung in der Welt fraglich sein. Mit Nullzins und den über das Jahresende hinaus laufenden Anleihekäufen seitens der Zentralbanken ist die Liquiditätsunterstützung für die Aktienmärkte auf jeden Fall sehr komfortabel. Von dieser Seite daher klar Daumen hoch für eine Jahresendrallye.

Fehlender Optimismus ist ein gutes Zeichen

Die jüngsten Rekordkurse liegen noch nicht lange zurück und dennoch ist von Euphorie nichts zu spüren. Da war zum einen die Angst vor der saisonal schlechten Zeit ab September und jetzt sind es die oben genannten Faktoren. Schaut man sich beispielsweise die Stimmung der kurzfristig agierenden US-Börsenbriefe für die Technologieaktien an, so empfehlen diese mit minus 22 Prozent per Saldo sogar Short-Positionen. Dabei dürften - wenn man auf die großen Technologiewerte schaut – sie es sein, die aufgrund ihrer Preissetzungsmacht die gestiegenen Kosten am besten an Ihre Kunden weitergeben können. Microsoft hat es jüngst vorgemacht. Auch der Fear&Gread Index liegt mehr im Bereich Angst und die seit Monaten höher liegende implizite Volatilität als die tatsächliche spiegelt ebenfalls die hohe Nervosität wider. Der Schluss hieraus ist simpel. Die Anleger dürften abgesichert sein oder auf höheren Barreserven sitzen. Letzteres ist unter Aktienfondsmanagern weltweit betrachtet der Fall, das zeigte zuletzt auch der Fund Manager Survey der Bank of America. Damit ist genügend Kaufkraft vorhanden. Auch das Sentiment spricht also für steigende Kurse bis zum Jahresende. Die derzeitige Schwäche bietet sich insofern für Käufe an.

Hinweis: Die Inhalte der Kolumnen dienen ausschließlich der Information und stellen weder eine Anlageberatung oder sonstige Empfehlung im Sinne des Wertpapierhandelsgesetzes dar noch sind sie als Zusicherung etwaiger Kursentwicklungen zu verstehen. Die geäußerten Ansichten geben allein die Meinung des jeweiligen Autors wieder. Für den Inhalt der Kolumne ist allein der jeweilige Autor verantwortlich.
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Expertenprofil
Stefan Riße Stefan Riße Kapitalmartktstratege Acatis Investment

Stefan Riße Jahrgang 1968, aus Bremen ist Börsianer mit Leib und Seele. Seit seinem 16. Lebensjahr beschäftigt er sich intensiv mit den internationalen Finanzmärkten.

Nach dem Abitur und Praktika bei Banken und Vermögensverwaltern arbeitete er zwei Jahre lang als Broker, bevor er in den Journalismus wechselte. Er schrieb für Zeitschriften wie Forbes und Focus und ist seit über fünf Jahren ständiger Kolumnist für Focus Money.

Bekannt wurde Stefan Riße aber vor allem aufgrund seiner Tätigkeit als Börsenkorrespondent für "n-tv", wo von 2001 bis 2005 seine Berichte live vom Frankfurter Börsenparkett gesendet wurden. Von 2006 bis 2011 war er Chief Market Strategist der Deutschlandniederlassung von CMC Markets – dem ersten CFD- Market-Maker in Deutschland.

Seit Mai 2018 ist er Kapitalmarktstratege bei Acatis Investment und als dieser nach wie vor gefragter Interviewgast u. a. auch bei "n-tv" wo er regelmäßig auftritt.

Bereits im Alter von 17 Jahren lernte er den im September 1999 verstorbenen Börsenaltmeister André Kostolany kennen, mit dem ihn bis zu dessen Tod eine enge Freundschaft verband.

Sein bisher letztes Buch „Die Inflation kommt!“ war eines der erfolgreichsten Wirtschaftsbücher im Jahr 2010 und erreichte Platz 1 der Handelsblatt-Bestsellerliste.

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