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Marktausblick Woche 35: Der Irrsinn eskaliert

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Das Update zur Woche von Dr. Martin Lück






Ist etwas im Anmarsch?

Investoren scheinen dieser Tage mit wenig zufrieden zu sein. So konnten sich deutsche und Schweizer Aktien über den Verlauf der Vorwoche um einen runden halben Prozentpunkt erholen, nur weil es - zumindest bis Freitagmittag - keine neuen schlechten Nachrichten von seiten der Weltwirtschaft gab. Italienische Risikoaufschläge sanken um 10 Basispunkte, einzig und allein aufgrund der Tatsache, dass der scheidende Ministerpräsident Giuseppe Conte seinem rechtsnationalen Innenminister eine flammende Standpauke hielt und damit die Chance auf ein Bündnis aus Sozialdemokraten und Fünfsternepartei, das heißt eine konstruktivere Regierung, eröffnete. Der Ölpreis legte trotz der unüberhörbaren Warnungen vor globaler Rezession weiter zu und steht nunmehr seit Jahresbeginn um 11% im Plus. Und kaum ließ US-Präsident Trump verlauten, die Chinesen wollten verhandeln, drehen am Montagmorgen die Märkte ins Plus. Allesfalls der Goldpreis, letzte Woche um weitere 1,8% und seit Jahresbeginn um fast 20% gestiegen, erinnert an die rumorende Unsicherheit. War da was? Die Makrozahlen sind, jedenfalls sofern man von der deutschen Industrie absieht, alle noch ganz brauchbar. Gefühlt zittert dennoch der Boden, als sei irgendetwas richtig Ungutes im Anmarsch. Wie ein finsteres Menetekel brennt am Amazonas die grüne Lunge des Planeten, angefacht durch die verheerende Politik des neuen brasilianischen Präsidenten Bolsonaro. Auch dies passt ins Bild, denn der Irrsinn eskaliert weltweit.

Auge um Auge

An die eine oder andere Merkwürdigkeit aus dem Weißen Haus in Washington haben wir uns derweil gewöhnt. Auch dass Präsident Trump auf die neuen chinesischen Zölle (zusätzlich 5% auf rund 75 Mrd. US-Dollar Importe aus den USA), die ihrerseits eine Vergeltungsaktion gegen die voher erhöhten US-Zölle waren, mit einer neuen Runde Zusatzzölle reagiert, kann nicht überrraschen. Dabei ist jede weitere Schwächung des Welthandels Gift für die ohnehin angeschlagene globale Konjunktur. Kein Land, nicht einmal die USA, können sich dauerhaft von der Weltwirtschaft abkoppeln, protektionistische Maßnahmen werden unweigerlich auch zu Hause spürbar. Im Fall der vereinigten Staaten werden etwa die stark erhöhten Zölle auf chinesische Importe zu deutlich höheren Einfuhrpreisen führen. Diese werden dann entweder auf die Einzelhandelspreise überwälzt und betreffen somit direkt die Kaufkraft der Wähler. Oder die Handelsunternehmen fangen sie in ihren Margen ab, mit negativen Folgen für ihr Betriebsergebnis und damit den Aktienkurs. Mal sehen, wie Trump damit im Wahlkampf umgeht. Aber es dreht sich nicht nur um die USA. Wegen der vielfach verflochtenen, Grenzen bzw. ganze Erdteile überschreitenden Wertschöpfungsketten werden auch Volkswirtschaften in den US-chinesischen Handelskrieg hineingezogen, die gar nicht direkt betroffen sind. Abgesehen davon also, dass Trump mit seiner kindischen Polterei gegenüber China auf Sicht auch seinem eigenen Land schweren Schaden zufügt, zerstört er Schritt für Schritt das, was in den letzten Jahrzehnten in weiten Teilen der Welt Wohlstand - wenn auch sehr ungleich verteilten - geschaffen hat.

Johnson's Erpressungsversuch

Dabei schauen ihm die Vertreter der G7-Länder ratlos zu, scheinbar mit einer Mischung aus Faszination und Entsetzen. Trumps Fremdschäm-Auftritt in Biarritz gerät zur Normalität, auf die Formulierung eines Abschlusskommuniqués hat man vorsichtshalber gleich verzichtet. Aufmerksamkeit erregt bestenfalls noch ein unverhohlener Erpressungsversuch des neuen britischen Premierministers Johnson, der androht, beim anstehenden Brexit die EU auf den rund 39 Mrd. Pfund sitzen zu lassen, die Großbritannien der EU noch schuldet, es sei denn, man schnüre den Austrittsvertrag wieder auf und streiche die Regelung zum sogenannten Irland-Backstop. Was in normaleren Zeiten als bespielloser, geradezu historischer Affront gelten würde, gerät in einer Welt, die sich an Trump, Bolsonaro & co. gewöhnen mußte, scheinbar zur Nebensache.

Was bedeutet das für Anleger?

Den Gegenpol zum Wahnsinn des Weltgeschehens bilden die Zentralbanker. Auf ihrem Symposium in Jackson Hole war am Wochenende aber auch Ratlosigkeit spürbar. Konjunkturabschwünge kann man mit Geldpolitik bekämpfen, aber was macht man mit der Unberechenbarkeit der Politik? Fed-Chef Powell fand eine angemessene Einschätzung, in dem er die Bereitschaft seines Instituts erklärte, im Falle fortschreitender wirtschaftlicher Eintrübung die Zinsen weiter zu senken. Die Zentralbanken bleiben also die Hoffnung der Anleger an Aktien- und Anleihemärkten, auch wenn sich zunehmend die Erkenntnis zu verfestigen scheint, dass all dies nicht dauerhaft tragfähig sein kann. Für Anleiheinvestoren bedeutet dennoch der verstärkte ‚Easing Bias‘ - zumindest auf Sicht - ein Weiterlaufen der Rally. Für Aktienanleger scheint ein Übergewicht in Anteilsscheinen alternativlos, zumindest solange die Rezession nur in den Frühindikatoren stattfindet.

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