Merkel fordert Tempo bei Luftfahrt-Innovationen - "so schnell wie möglich"

Reuters

- von Klaus Lauer und Ilona Wissenbach

Berlin/Frankfurt (Reuters) - Luftfahrt und Politik wollen "grünes" Fliegen in Deutschland mit staatlicher Förderung vorantreiben.

Nach der Pandemie müssten alle wirtschaftspolitischen Maßnahmen an den Klimazielen ausgerichtet werden, sagte Bundeskanzlerin Angela Merkel am Freitag auf der Nationalen Luftfahrtkonferenz in Berlin. "Wie für andere Branchen ist Klimaneutralität ein sehr ehrgeiziges Ziel für die Luftfahrt", sagte Merkel. Dafür müsse es Innovationen etwa bei Antrieb und Infrastruktur geben - "und das nicht irgendwann, sondern so schnell wie möglich". Denn die Produktzyklen in der Luftfahrt seien sehr lang.

Neben dem Neustart der von der Corona-Krise arg gebeutelten Branche war vor allem der Weg der Luftfahrt zu emissionsfreiem Fliegen Schwerpunkt des Branchengipfels am Hauptstadtflughafen BER. Die Airlines setzen auf die Entwicklung nachhaltiger Kraftstoffe sowie neue sparsamere Flugzeuge bis hin zu Elektroflugzeugen. Vertreter der Branchenverbände BDL, BDLI sowie von den Branchengrößen Airbus und Lufthansa wiederholten, dies sei eine gemeinsame Aufgabe von Wirtschaft und Politik - und deshalb seien öffentliche Gelder zum Anschub von Innovationen nötig.

Die Bundesregierung steckt bereits Milliarden an Fördergeldern in die Entwicklung emissionsfreien Kerosins und saubere Flugzeugtechnik. "Derzeit lassen Preise und Menge noch zu wünschen übrig", sagte Merkel mit Blick auf emissionsärmere Kraftstoffe. Hier müsse man zu wettbewerbsfähigen Konditionen kommen. Mit einer umfassenden Förderung könne auch der Markthochlauf alternativer Kraftstoffe auf Strombasis (PtL) gelingen. Lufthansa-Chef Carsten Spohr sagte, synthetische Alternativen zum Kerosin seien heute etwa fünf Mal teurer als fossiler Treibstoff, das PtL-Kerosin koste sogar das Zehnfache. "Das kann sich keine Airline leisten."

KEINE DOPPELBELASTUNG

Wichtig bei den im Juli von der EU erwarteten neuen Klimavorschriften für die europäische Luftfahrt ist der Bundesregierung wie der Lufthansa, dass durch strengere Klimaschutzregeln kein Wettbewerbsnachteil gegenüber Airlines im Ausland mit geringeren Standards entsteht. Merkel warnte, hier dürfe es keine Verzerrungen im Konkurrenzkampf geben und auch keine Doppelbelastungen. Spohr bekräftigte, es dürfe keine Auflagen für europäische Airlines geben und für internationale Konkurrenten wie die Golf-Carrier nicht, dann wäre für den Klimaschutz nichts gewonnen. Die Luftfahrt in Europa nimmt schon seit 2012 am CO2-Emissionshandel (ETS) teil, auf globaler Ebene soll das CO2-Kompensationssystem Corsia eingeführt werden. "ETS plus Corsia geht nicht", sagte Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer (CSU). Corsia sei das richtige Instrument. Das hält die EU-Kommission aber für das schwächere System.

Auch in der Debatte über Kurzstreckenflüge, die bei Umweltpolitikern in der Kritik stehen, waren sich Scheuer und Spohr einig. Der Lufthansa-Chef wies darauf hin, dass mit Dutzenden Kurzstreckenflügen Langstreckenflieger in München und Frankfurt gefüllt werden müssten. "Wir wollen auch, dass die Kurzstrecken bis zu 1500 Kilometer erhalten bleiben - weil ohne Kurzstrecke keine Langstrecke", sagte der Verkehrsminister. Man werde Bahnstrecken attraktiver machen und den Fernverkehr besser an Flughäfen anbinden.

Nach der Durststrecke in der Corona-Krise setzt die Luftfahrt auf eine Erholung im Sommergeschäft. Neue Virus-Mutationen könnten nach Ansicht des Luftfahrtbeauftragten der Bundesregierung den lang erhofften Neustart aber bremsen. "Zurzeit ist großer Optimismus da, und die Buchungen gehen durch die Decke", sagte Thomas Jarzombek der Nachrichtenagentur Reuters. Aber alles hänge von der Infektionslage ab. "Als ungewisse Komponente gibt es natürlich jetzt die Delta-Variante." Man sehe in Großbritannien, dass dies Öffnungen nach dem Lockdown verzögert habe.

Von Normalität ist die Branche noch weit entfernt. Die Passagierzahlen an deutschen Flughäfen liegen noch immer 80 Prozent unter dem Vorkrisenniveau von 2019, wie der Chef des Airportverbands ADV, Stefan Schulte, sagte.

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