Rißes Wochenkehraus: Beginnt die Zeit fallender Aktien und steigender Verbraucherpreise?

Stefan Riße

Keine Frage, die Ergebnisse für das zweite Quartal haben positiv überrascht- zum einen gegenüber den Erwartungen, noch viel mehr aber gegenüber dem, was wir vor rund einem Jahr erwartet haben. Die Erholung der Wirtschaft trotz des pandemiebedingten Stillstandes und der teilweise immer noch geltenden Einschränkungen ist beeindruckend. Wohl niemand hat damit trotz der Rekordankurbelungsmaßnahmen seitens der Staaten und der Notenbanken gerechnet. Die zu erwartende Pleitewelle, sie scheint auszubleiben. Die Automobilindustrie leidet nicht an mangelnder Nachfrage seitens der Kunden, sondern an mangelnden Chips, um die Nachfrage zu befriedigen. Und die schon während der Pandemie gefeierten vermeintlichen Corona-Gewinner der digitalen Welt und hier allen voran die Big Techs aus den USA liefern einen Rekordgewinn nach dem anderen.

Saisonal schwierige Phase beginnt

Die Ergebnisse der großen Technologieunternehmen geben all denjenigen recht, die beim Hinweis auf die sicher nicht günstigen Bewertungen immer wieder argumentiert haben, dass diese Unternehmen eben auch große Wachstumsraten aufweisen bei gleichzeitig hohen, oft noch sich ausweitenden Gewinnmargen. Hier Aktionär zu sein mit direkten Investments oder eben auch mit Fonds, die hier ein deutliches Gewicht haben, scheint langfristig auch weiter ratsam. Denn das Wachstum dürfte anhalten. Dennoch beginnt saisonal betrachtet die jetzt schwierigste Börsenphase von August bis Oktober. Und es würde dieses Jahr auch ins Bild passen, weil das Jahr 2021 bisher ziemlich genau dem statistisch wahrscheinlichsten Saisonzyklus folgt. Ein starker Jahresbeginn, dann Schwäche Richtung Februar. Dem folgten dann wieder gute Kurse im März und April und etwas Schwäche im Mai, während der Wahrscheinlichkeit getreu, Juni und Juli - wenn auch mit einem Rückschlag – wieder gut gelaufen sind. Insofern würde es nicht verwundern, wenn es jetzt holpriger würde.

Drittes Quartal könnte negative Überraschungen beinhalten

Aus fast allen Bereichen wird von Materialknappheit und steigenden Preisen berichtet. Mittlerweile ist auch in Deutschland die Inflation mit zuletzt 3,8 Prozent Preissteigerung angekommen. In den USA sind wir schon bei 5,4 Prozent Anstieg der Verbraucherpreise. Bekannt ist aber auch, dass die Preissteigerung bei einzelnen Vorprodukten für die Produzenten noch viel stärker gestiegen sind, bedingt zum einen durch steigende Rohstoffpreise und zum anderen durch Lieferknappheit. Die Unternehmen werden daher mit steigenden Preisen zu kämpfen haben, die sie nicht direkt an ihre Abnehmer weiterreichen können, da es Lieferverträge gibt. Das könnte insofern auch einmal für negative Gewinnüberraschungen sorgen, wenngleich wieder einmal die großen Techs der USA wahrscheinlich die geringsten Schwierigkeiten in diesem Punkt haben werden.

Keine Aktien auf keinen Fall

Wie soll man als Anleger mit dieser Situation umgehen? Wer ganz langfristig agiert, sollte an sich gar nichts tun. Aktive Investoren könnten ein wenig mehr Cash halten, um bei tieferen Kursen wieder einzusteigen. Aber sie sollten keinesfalls ganz aussteigen. Denn ich kann es nur gebetsmühlenartig wiederholen, solange keine echte restriktive Geldpolitik der Notenbanken einsetzt und die dann auch schon etwas länger wirkt, dürften die Aktienkurse zwar Rückschläge erleben, sich danach aber immer noch kräftiger wieder erholen. Und da restriktive Geldpolitik zunächst einmal überhaupt nicht erkennbar ist, lautet die Botschaft auf jeden Fall stark in Aktien investiert zu bleiben. Denn natürlich kann die saisonale Schwäche einsetzen, sie kann in einer Zeit, in der allen klar ist, dass der Nullzins auf Jahre bleibt, aber auch ausbleiben, und die Aktien könnten eine weitere Aufwertung erfahren. Im Vergleich zum risikolosen Zins wäre es gerechtfertigt.

Hinweis: Die Inhalte der Kolumnen dienen ausschließlich der Information und stellen weder eine Anlageberatung oder sonstige Empfehlung im Sinne des Wertpapierhandelsgesetzes dar noch sind sie als Zusicherung etwaiger Kursentwicklungen zu verstehen. Die geäußerten Ansichten geben allein die Meinung des jeweiligen Autors wieder. Für den Inhalt der Kolumne ist allein der jeweilige Autor verantwortlich.
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Expertenprofil
Stefan Riße Stefan Riße Kapitalmartktstratege Acatis Investment

Stefan Riße Jahrgang 1968, aus Bremen ist Börsianer mit Leib und Seele. Seit seinem 16. Lebensjahr beschäftigt er sich intensiv mit den internationalen Finanzmärkten.

Nach dem Abitur und Praktika bei Banken und Vermögensverwaltern arbeitete er zwei Jahre lang als Broker, bevor er in den Journalismus wechselte. Er schrieb für Zeitschriften wie Forbes und Focus und ist seit über fünf Jahren ständiger Kolumnist für Focus Money.

Bekannt wurde Stefan Riße aber vor allem aufgrund seiner Tätigkeit als Börsenkorrespondent für "n-tv", wo von 2001 bis 2005 seine Berichte live vom Frankfurter Börsenparkett gesendet wurden. Von 2006 bis 2011 war er Chief Market Strategist der Deutschlandniederlassung von CMC Markets – dem ersten CFD- Market-Maker in Deutschland.

Seit Mai 2018 ist er Kapitalmarktstratege bei Acatis Investment und als dieser nach wie vor gefragter Interviewgast u. a. auch bei "n-tv" wo er regelmäßig auftritt.

Bereits im Alter von 17 Jahren lernte er den im September 1999 verstorbenen Börsenaltmeister André Kostolany kennen, mit dem ihn bis zu dessen Tod eine enge Freundschaft verband.

Sein bisher letztes Buch „Die Inflation kommt!“ war eines der erfolgreichsten Wirtschaftsbücher im Jahr 2010 und erreichte Platz 1 der Handelsblatt-Bestsellerliste.

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