SAP IM FOKUS: Chef Klein setzt erste eigene Akzente

dpa-AFX

WALLDORF (dpa-AFX) - Europas größter Softwarehersteller hat bereits früh in der Corona-Pandemie wieder aufs Gleis gefunden. Nachdem das erste Quartal für SAP schwächer lief und auch beim Spitzenpersonal wieder Änderungen ins Haus standen, konnten die Walldorfer bereits im zweiten Vierteljahr wieder besser aussehen. Zudem vollzog Vorstandschef Christian Klein mit einem Paukenschlag seinen ersten Strategieschwenk. Wie es bei SAP vor den Zahlen zum dritten Quartal am kommenden Montag (26. Oktober) aussieht, was die Analysten sagen und wie sich der Aktienkurs schlägt.

DAS IST LOS IN WALLDORF:

Klein hatte von SAP-Mitgründer und Aufsichtsratschef Hasso Plattner auf den Weg bekommen, die milliardenschweren US-Cloudzukäufe von Ex-Chef Bill McDermott stärker auf Linie zu bringen. Beim 8-Milliarden-Dollar-Deal des Marktforschers Qualtrics will der 41-jährige nun aber einen Umweg gehen und dem Unternehmen über einen US-Teilbörsengang eher noch mehr Freiheit geben. Das soll es Qualtrics auch ermöglichen, selber zuzukaufen, um die eigene Marktposition zu stärken. Doch auch bei SAP soll Geld landen.

Details über den abzugebenden Anteil sowie den Zeitpunkt eines Börsengangs gibt es noch nicht, diese könnten aber jederzeit kommen. Im vierten Quartal will SAP auch wieder einen Kapitalmarkttag für Investoren und Analysten veranstalten, auf dem das Unternehmen über den Stand der mittelfristigen Ambitionen für 2023 informieren will.

Denn das ist die große Aufgabe noch aus der Zeit von McDermott: Das Unternehmen nach den Zukäufen zwar stark wachsender, aber noch nicht so gewinnträchtiger Cloud-Unternehmen wieder profitabler zu machen. Bisher hat Klein Kurs gehalten und nicht wieder die Profitabilität dem schieren Wachstum untergeordnet, wie es McDermott lange Zeit tat.

Um die mittelfristigen Margenziele zu erreichen, müssen die Cloudgeschäfte noch deutlich mehr Gewinn abwerfen. SAP hat dazu schon einige Schritte getan, so laufen nun auch diejenigen Angebote mit der eigenen Datenbank Hana unter der Haube, die zuvor noch mit dem technischen Unterbau der Konkurrenz bestückt waren. In den kommenden Jahren müssen dann auch die Größenvorteile zünden, unter anderem, indem die eigenen Produkte auch vermehrt in den Rechenfarmen von Amazon , Microsoft , Google und Alibaba laufen, wenn die Kunden das für sich so wünschen.

Zudem hat sich Klein die Integration des Software-Bauchladens der Walldorfer auf die Fahnen geschrieben. SAP hat durch viele Zukäufe für fast jeden Betrieb etwas passendes im Angebot, aber so richtig verzahnt waren die Daten der verschiedenen Programme oft nicht. Das soll sich nach deutlich hörbarer Kundenkritik nun endlich ändern - und laut Klein ist der Konzern bei der Aufarbeitung schon weit gekommen. Ziel ist es letztlich, das große Produktportfolio bei den Kunden auch maßgeschneidert verkaufen zu können.

Vorerst gilt es aber, die Corona-Krise zu meistern. Vor allem die Programme leiden, die SAP noch für hohe Einmalbeiträge verkauft, weil die IT-Kunden rund um die Welt eher das Geld zusammenhalten wollen. Das SAP-Management bleibt dagegen optimistisch und setzt darauf, dass die Pandemie den Betrieben rund um die Welt verdeutlicht, welche Chancen in der Digitalisierung stecken.

Für das dritte Quartal rechnen Analysten mit einem leichten Umsatzanstieg, vor allem getrieben von den Erlösen mit Cloud-Abos. Das bereinigte operative Ergebnis dürfte etwa in gleichem Maße zulegen wie der Umsatz.

DAS SAGEN DIE ANALYSTEN:

Das Urteil der Branchenexperten über die Aktie könnte klarer kaum sein. Von 19 im dpa-AFX-Analyser erfassten Analysten, die sich seit dem Corona-Crash zum Papier geäußert haben, empfehlen gerade mal zwei nur das Halten - der Rest rät zum Kauf. Das durchschnittliche Kursziel liegt bei 144 Euro - also rund ein Sechstel über dem aktuellen Niveau.

Mohammed Moawalla von der US-Investmentbank Goldman Sachs empfiehlt bei einem Kursziel von 160 Euro den Kauf. Der Softwarekonzern dürfte auf dem anstehenden Kapitalmarkttag höhere Investitionen ankündigen, schrieb er jüngst. Deshalb werde das mittelfristige Margenziel der Walldorfer wohl erst anderthalb Jahre später erreicht. Er schraubte seine Gewinnprognosen (EPS) für die Jahre 2020 bis 2022 leicht nach unten.

Stacy Pollard von JPMorgan liegt bei ebenfalls 160 Euro und rät zum Erwerb der Papiere. Achten sollten Investoren bei den anstehenden Quartalszahlen auf das Wachstum im Cloud- und Lizenzgeschäft, schrieb sie jüngst. Michael Briest von UBS erwartet das dritte Quartal laut seiner Einschätzung trotz allen Gegenwinds für den Softwarekonzern "gut genug". Er steht ebenfalls auf Kaufen mit 142 Euro Kursziel. Der Teil-Börsengang der Tochter Qualtrics bringe Potenziale mit sich, schrieb Mark Moerdler von Bernstein, der bei 159 Euro Kursziel ebenfalls zum Kaufen rät.

SO LIEF DIE AKTIE ZULETZT:

Auch an den erfolgsverwöhnten SAP-Anlegern war im Februar und im März der Cororna-Crash nicht vorbeigegangen. Der Kurs des wertvollsten deutschen Börsenkonzerns stürzte im Corona-Tief bis auf 82 Euro ab, vor dem Crash war das Papier fast 130 Euro wert gewesen. Mittlerweile haben sich die Wogen an den Märkten aber spürbar geglättet - in den Sommermonaten übersprang der Kurs im Sog der Tech-Rally an den US-Börsen sogar erstmals die 140 Euro. Zuletzt ging es aber wieder runter.

Aktuell ist SAP bei einem Kurs von rund 124 Euro insgesamt an der Börse 152 Milliarden Euro wert. Das ist viel mehr als Linde plc mit 103 Milliarden Euro und fast soviel wie Siemens (92,5 Mrd) und Volkswagen (69 Mrd) auf Platz Drei und Vier zusammen.

Ex-Chef McDermott hatte einst angekündigt, die Marktkapitalisierung des Unternehmens bis 2023 auf rund 300 Milliarden Dollar (derzeit rund 253 Mrd Euro) steigern zu wollen - ohne weiter zuzukaufen. Das sei eine angemessene Bewertung. Der US-Rivale und Cloudmarktführer Salesforce wird aktuell mit 230 Milliarden Dollar (194 Mrd Euro) taxiert.

Größte Aktionäre von SAP sind noch immer die Mitgründer, Aufsichtsratschef Plattner und der als Biotech-Investor und Fußball-Mäzen bekannte Dietmar Hopp. Plattner hält knapp sechs Prozent der Anteile und Hopp rund fünf Prozent. Beide zählen wegen des Erfolgs des 1972 gegründeten Unternehmens zu den reichsten Deutschen./men/jsl/he

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