Sell in May and go away?

Robert Halver

Börsenweisheiten sind so alt wie die Börse selbst. Für viele haben sie Regel-, wenn nicht sogar Gesetzescharakter. Schon bald ist Zeit für die nächste Börsenweisheit. Denn bald kommt er wieder zum Vorschein, dieser berühmt-berüchtigte Börsenmonat Mai , für den als Klischee gilt: Sell in May and go away .

Auf den ersten Blick macht diese Börsenregel sogar Sinn. Wenn das Kapitalmarktjahr schon ein gutes Stück gelaufen ist, sitzen viele Anleger auf dicken Buchgewinnen und die Hand mach auf und steck ein -Saison , also die Dividendensaison, geht zur Neige. Und dann kommt ohnehin noch die Saure Gurken-Zeit eines traditionell langweiligen Börsensommers, in der noch nicht einmal ein Sack Mais umfällt. Erst nach dem Sommer, im September, wenn es bei Aldi, Lidl & Co. schon Spekulatius und Lebkuchen gibt, jeder wieder nach dem Urlaub an Bord ist und sich alle für das Jahresendgeschäft rüsten, geht es an der Börse wieder los und mit Aktien aufwärts. Konkret muss die Börsenweisheit also lauten: Sell in May and go away but remember to come back in September .

Auf die Großwetterlage kommt es an

Bestätigt sich diese Börsenweisheit auch in diesem Jahr? Nicht wenige Marktteilnehmer meinen, dass der fulminante Jahresstart, der ja sogar den Hype des neuen Marktes in den Schatten stellt, eine gute Gelegenheit dafür ist. Diese völlig übertriebene Aktien-Rallye ist doch eh alles fauler Zauber, nur heiße Luft von wild gewordenen Notenbankern, sie sich dem Gutmenschentum verschrieben haben, um die Finanzwelt vor Krisen zu bewahren. Mit Bodenständigkeit hat diese geldpolitische Schaumschlägerei nun wirklich nichts mehr zu tun, oder?

Auf den zweiten Blick allerdings - historisch betrachtet - gibt es dafür keine klaren Beweise. Seit 2000 hat sich diese Börsenregel sechs Mal bestätigt, aber neun Mal eben nicht, wobei die Bestätigung vor allem in den letzten Jahren ausgeblieben ist. Unentschieden fällt die Beweisführung für den September-Effekt aus. Seit 2012 gilt: Wer zum Sommer ausgestiegen war, hat warme Liquiditätshaussen verpasst. Denn seit Sommer 2012 läuft die geldpolitische Rettungsmission der EZB als Dauerschleife.

DAX alias Dax Jones

Überhaupt kann man im Mai nur dann Aktien verkaufen, wenn man welche zu verkaufen hat. Im Vergleich zur Neuen Markt-Zeit oder in der Ära der Immobilienblase sind Aktien aktuell bei deutschen Privatanlegern, aber auch bei deutschen Versicherungen und Pensionskassen offensichtlich so beliebt wie ein gemeinsamer Urlaub mit der Schwiegermama: Man hat sie kaum, obwohl wir weltweit die Industrie-Kronjuwelen schlechthin haben.

Immerhin, die die wenigen Deutschen, die Aktien haben, werden wohl kaum mit Zinsvermögen fremdgehen. Denn im Gegensatz zu 2000 und 2008 kommt dort keine Freude auf. Damals, als jeweils im Wonnemonat Mai der DAX so richtig einbrach, lag die Durchschnittsrendite deutscher Staatspapiere - also die Umlaufrendite - noch bei ca. fünf Prozent. Damit konnte man in den folgenden kalten Aktien-Sommern gut überwintern. Heutzutage liegt sie bei fast null, Tendenz weiter fallend, selbst unter null. Wer hier noch investiert, muss nicht nur Humor haben, nein hier muss man Komödiant sein.

Von uns deutschen Anlegern droht insgesamt also kein Mai-Effekt für Aktien.

Wenn nicht wir, wer hat dann unsere Aktien? 60 Prozent der deutschen Aktien sind im Besitz insbesondere angelsächsischer Anleger. Eigentlich könnte man den DAX in Dax Jones umbenennen. Werden sie ab Mai verkaufen? Nein, denn sie wissen den Sexappeal unserer Industrieperlen zu schätzen, nicht zuletzt weil sie an die Weltkonjunktur glauben. 

Auch der S&P tut nicht weh

Natürlich sind die Risiken nicht zu ignorieren: Der GREXIT, die vermeintliche Zinswende in den USA oder der Schwelbrand der Ukraine-Krise stellen durchaus Handicaps dar. Und auch die absolute Bewertung der Aktienmärkte hat mit Schnäppchenpreisen wenig zu tun.

Aber reicht das aus, um der Mai-Regel 2015 zu einem Durchbruch zu verhelfen. Droht uns ein eisig kalter Aktiensommer? Ich meine nein: Niedrige Energiepreise und ein schwacher Euro - auf dem im Rahmen der angelaufenen deutschen Berichtsaison bereits positiv herumgeritten wird - und eine auf Welttournee gehende Liquiditätsschwemme der Notenbanken und eine Wiederbelebung von Unternehmensinvestitionen und als i-Tüpfelchen obendrauf  Aktienrückkaufprogramme und Übernahme- und Fusionsphantasien sprechen deutlich dagegen.

Apropos US-Leitzinswende: Das wird kein Anschlag auf US-Aktien z.B. im S&P 500, der auch den deutschen Aktienmarkt in Mitleidenschaft zieht. Aufgrund der homöopathischen Dosierung ist dieser Zinsangriff eher mit dem Werfen von Wattebällchen zu vergleichen. Und die Bewertung? Sind deutsche Aktien mit einem Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV) von 15 wirklich zu teuer, wenn die größte Alternativanlageklasse Zinsvermögen - gemessen an der Umlaufrendite - eines von 2000 hat?

Konsolidierungen ja, Crash nein!

Vor diesem Hintergrund sind ab Mai beginnende, sommerliche Crash-Szenarien unwahrscheinlich. Eher werden Kursschwächen von noch nicht im Markt vertretenen Anlegern zügig zum Kauf genutzt.

Volatiler, kursanfälliger wird es allerdings zugehen. Das ist aber die normale Aktien-Härte . Aber so wie in der Apotheke Medikamente gegen Krankheiten erhältlich sind, gibt es in der Finanzindustrie Anwendungen gegen Volatilität und das sogar rezeptfrei. Und je höher die Volatilität, umso höhere Risikoabsicherungen bzw. attraktivere Rendite-Risiko-Strukturen sind mit Discount- und Bonuszertifikaten bzw. mit Aktienanleihen möglich. Daneben kann man auch zu Put-Optionen greifen. Damit braucht man insgesamt seinen Aktienbestand nicht zu veräußern, ist nach oben mit dabei und nach unten - je nach Anlegergusto - kursabgesichert.

2015 wird sich die Börsenweisheit mit dem Mai eher als Börsenphrase zeigen. Wer sie verwendet, sollte Geld ins Phrasenschwein stecken. Noch besser wäre es, sich die Börsenphrase ganz zu sparen und das Geld lieber ab Mai in Aktien zu investieren. Dann ist man auch bei der Jahresend-Rallye ab September mit dabei.

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Expertenprofil
Robert Halver Robert Halver Leiter Kapitalmarkt­analyse, Baader Bank

Nach Abschluss seines betriebswirtschaftlichen Studiums an der Universität Trier 1990 arbeitete Robert Halver zunächst als Wertpapieranalyst bei der Sparkasse Essen.Ab 1994 war Herr Halver bei der Privatbank Delbrück & Co für die Analyse von Aktiengesellschaften der Branchen Automobile, Telekommunikation, Medien und Versorger verantwortlich. Später formulierte er als Chefstratege die Anlagepolitik für die hausinternen Aktien- und Renten-Investments.

2001 wechselte Robert Halver als Direktor zur Schweizer Privatbank Vontobel. Neben der Erstellung der Anlagestrategie umfasste sein Verantwortungsbereich die Kundenbetreuung sowie die Öffentlichkeitsarbeit der Vontobel-Gruppe in Deutschland.

Seit 2008 ist Herr Halver bei der Baader Bank AG in Frankfurt am Main tätig. Als Leiter der Kapitalmarktanalyse ist er für die fundamentale Einschätzung der internationalen Aktien- und Rentenmärkte, von Währungen, Rohstoffen und Edelmetallen zuständig. In dieser Funktion ist er ebenso für die Außendarstellung der Baader Bank tätig.

Robert Halver verfügt über langjährige Erfahrung als Kapitalmarkt- und Börsenkommentator und ist durch regelmäßige Medienauftritte bei Fernsehsendern und Radiostationen, auf Fachveranstaltungen und Anlegermessen sowie durch Fachpublikationen und als Kolumnist präsent.

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