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Sind deutsche Automobilaktien billig?

Stefan Riße
Sind deutsche Automobilaktien billig?

Value ist unser Ansatz bei Acatis Investment. Es ist die schlichte Philosophie, Unternehmen unter ihrem inneren Wert zu kaufen, die Investorenlegende Warren Buffett weltberühmt gemacht hat. Zurück geht die Idee aber noch weiter, nämlich auf Benjamin Graham, der für Buffett der Lehrmeister war. Sieht man sich unter diesem Aspekt die drei großen deutschen Automobilbauer BMW, Daimler und Volkswagen an, dann müsste man eigentlich zuschlagen. Das Kurs/Gewinn-Verhältnis liegt zwischen 5,37 und 6,87, die Dividendenrendite zwischen 3,8 und 6,32 Prozent und das Kurs/Buchwert-Verhältnis zwischen 0,76 und 1,04.

Dieselskandal ist irgendwann Vergangenheit

Auf den ersten Blick sind das auf jeden Fall Schnäppchenpreise. Und es ist nicht der Dieselskandal, der den Value-Investor von einem Engagement abhalten würde. Er ist fraglos keine Bagatelle und kostet die Konzerne enorme Summen, aber irgendwann wird er der Vergangenheit angehören. Wenn Kurse von Unternehmen aufgrund solcher Ereignisse tief in die Knie gehen, dann ist es für Value-Investoren eigentlich die Chance, weit unter dem eigentlichen Wert einzusteigen. Für gewöhnlich übertreibt die Börse in solchen Situationen. Man erinnere sich an die leck geschlagene Ölplattform “Deepwater Horizon”. Auch das war mit hohen Kosten für die Beseitigung der Umweltschäden verbunden. Der Kurs von BP halbierte sich daraufhin auch, erholte sich dann aber schnell wieder.

Elektromobilität verschlafen

Der Dieselskandal der deutschen Automobilindustrie ist aber nicht nur die Geschichte einer Schummel-Software. Er legt auch offen, dass viel zu lange auf herkömmliche Antriebssysteme gesetzt und die Entwicklung zu alternativen Antrieben und hier insbesondere der Elektromobilität verschlafen worden ist. Ein großer Teil der deutschen Automobilbaukunst liegt im Verbrennungsmotor. Hier waren wir immer führend. Bei Elektroantrieben sind wir es nicht. Und ein Elektromotor ist deutlich weniger komplex. Bei einer Umstellung auf Elektromobilität dürften zwei Drittel der Arbeitsplätze im Motorenbau wegfallen. Knapp ausgedrückt kann sich aus dem Thema eine echte Strukturschwäche für den deutschen Automobilbau entwickeln. Und hier bieten sich als Gegenbeispiel zu BP die deutschen Stromversorger an. Sie waren aus Sicht vieler Value-Investoren nach dem Super-Gau des Atomkraftwerks in Fukushima und dem beschlossenen deutschen Ausstiegs aus der Atomenergie ebenfalls billig. Erholt haben sie sich aber von dem Schock bis heute nicht.

Daimler im Jahr 2021 auf Platz 1?

Die Frage, ob es ein kurzfristiger Schock ist oder es langfristige strukturelle Probleme sind, entscheidet darüber, ob ein Unternehmen tatsächlich billig ist oder nicht. Das muss jeder Investor am Ende allein beurteilen. So sind die Würfel auch in Bezug auf die deutsche Automobilindustrie noch nicht gefallen. Eine neue Studie macht Hoffnung. Laut den Urhebern “PA Consulting” könnten die drei großen deutschen Autobauer wie auch Toyota, Renault/Nissan/Mitsubishi und Volvo Tesla im Jahr 2021 von aktuell Platz 1 auf Platz 7 der Elektroautoproduzenten verdrängt haben, immerhin mit Daimler auf Platz 1. Aber es ist auch nur eine Studie. Derzeit ist es schwer, dies abzusehen.

Das Prinzip der Postkutsche wiederbeleben

Schaut man sich die Rolle des deutschen Staates in diesem Spiel an, dann kann man nur deprimiert sein. Anstatt das Geld zu horten, könnte massiv in Infrastruktur für E-Mobilität investiert werden. Naiv habe ich mir vor Jahren E-Mobilität so vorgestellt: Wegen der langen Ladezeiten wäre es doch am besten, man würde an Tankstellen einfach den Akku tauschen. Der entladene würde dort bleiben und aufladen, und man bekäme einen aufgeladenen mit entsprechender Vorrichtung „hineingehoben“, vorzugweise unten, wo der Schwerpunkt eines Autos sitzen sollte. Es bräuchte nur gesetzlich vorgeschriebene Standardgrößen, so wie es auch genormte verschiedene Treibstoffsorten gibt. Es wäre die Wiederbelebung des Prinzips der Postkutsche. Damals tauschte man die müden hungrigen Pferde gegen frische ausgeruhte.

Experten sagen mir, dass das technisch alles machbar wäre. Wir in Deutschland könnten voran gehen. Stattdessen verschläft man in Berlin die Zukunft  und die Chinesen machen das Rennen mit schon heute deutlich höheren Anteilen an E-Mobilität und modernen Verkehrsführungskonzepten. Ein Trauerspiel!

Foto: Anton_Ivanov / Shutterstock.com

Hinweis: Die Inhalte der Kolumnen dienen ausschließlich der Information und stellen weder eine Anlageberatung oder sonstige Empfehlung im Sinne des Wertpapierhandelsgesetzes dar noch sind sie als Zusicherung etwaiger Kursentwicklungen zu verstehen. Die geäußerten Ansichten geben allein die Meinung des jeweiligen Autors wieder. Für den Inhalt der Kolumne ist allein der jeweilige Autor verantwortlich.
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Expertenprofil
Stefan Riße Stefan Riße Kapitalmartktstratege Acatis Investment

Stefan Riße Jahrgang 1968, aus Bremen ist Börsianer mit Leib und Seele. Seit seinem 16. Lebensjahr beschäftigt er sich intensiv mit den internationalen Finanzmärkten.

Nach dem Abitur und Praktika bei Banken und Vermögensverwaltern arbeitete er zwei Jahre lang als Broker, bevor er in den Journalismus wechselte. Er schrieb für Zeitschriften wie Forbes und Focus und ist seit über fünf Jahren ständiger Kolumnist für Focus Money.

Bekannt wurde Stefan Riße aber vor allem aufgrund seiner Tätigkeit als Börsenkorrespondent für "n-tv", wo von 2001 bis 2005 seine Berichte live vom Frankfurter Börsenparkett gesendet wurden. Von 2006 bis 2011 war er Chief Market Strategist der Deutschlandniederlassung von CMC Markets – dem ersten CFD- Market-Maker in Deutschland.

Seit Mai 2018 ist er Kapitalmarktstratege bei Acatis Investment und als dieser nach wie vor gefragter Interviewgast u. a. auch bei "n-tv" wo er regelmäßig auftritt.

Bereits im Alter von 17 Jahren lernte er den im September 1999 verstorbenen Börsenaltmeister André Kostolany kennen, mit dem ihn bis zu dessen Tod eine enge Freundschaft verband.

Sein bisher letztes Buch „Die Inflation kommt!“ war eines der erfolgreichsten Wirtschaftsbücher im Jahr 2010 und erreichte Platz 1 der Handelsblatt-Bestsellerliste.

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