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So bereitet man sich auf einen Börsencrash vor

Bernd Schmid
So bereitet man sich auf einen Börsencrash vor

In der letzten Woche haben die Herzen der meisten Anleger mal wieder höher geschlagen. Nicht nur die internationalen Börsenbarometer, die sich zu Teilen bereits in Bärenmärkten befinden, sondern auch die alles dominierenden US-Indizes - allen voran der NASDAQ - sind innerhalb kurzer Zeit um einige Prozent abgetaucht.

Dass der Puls der Anleger in solchen Zeiten hochgeht, das erkennt man auch an der Berichterstattung, wo darüber gerätselt wird, ob das nun der Anfang des großen Crashs wird. Dabei sollte doch jedem klar sein, dass man einen Crash nicht punktgenau, auch nicht auf den Monat oder das Quartal genau, vorhersagen kann. Und man kann auch nicht vorhersagen, wie schnell und wie stark es bergab gehen und wie lange das Ganze dauern wird.

Was man jedoch praktisch mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit sagen kann, ist, dass der nächste Crash nicht ausbleiben und sehr wahrscheinlich noch zu den Lebzeiten der meisten Anleger erfolgen wird (auch wenn es eine Ex-FED-Chefin nicht glauben mag). Es macht also durchaus Sinn, sich auf dieses Szenario vorzubereiten, auch wenn man die Details nicht einmal annähernd voraussehen kann. Hier sind einige Tipps für langfristig orientierte Anleger.

Auch höhere Volatilität erwarten

Vor allem junge Anleger, die noch keinen Crash mitgemacht haben, unterschätzen sehr wahrscheinlich die psychologischen Auswirkungen eines starken Kursrückgangs an den Börsen. Aber diese gehören zum Anlegerleben dazu, auch wenn es in den letzten zehn Jahren anders aussah. Das Wichtigste ist daher, dass man sich mental darauf vorbereitet.

Sagen wir, man hat aktuell ein Aktienportfolio im Wert von 100.000 Euro. Wie würde es sich anfühlen, wenn diese Zahl von heute auf morgen auf 50.000 Euro sinkt? Wie viele Jahre muss man dafür arbeiten, um dieses Kapital (nach Ausgaben) wieder anzusparen? Ist das etwas, das man wirklich so leicht wegstecken kann, wie man glaubt?

Man kann ja mal in seiner Exceltabelle, in der man seine Ersparnisse und Investitionen festhält, den aktuellen „Kontostand“ mit der Hälfte des Wertes überschreiben. Dann schaut man darauf und stellt sich vor, dass das der wirkliche Wert des Portfolios ist. Das fühlt sich bestimmt nicht großartig an.

Und was macht man dann? Nimmt man dann seine Cashposition und investiert sie voll in den Markt? Was, wenn der Markt danach um weitere 30 % sinkt und aus einem ehemaligen 100.000-Euro-Portfolio ein 35.000-Euro-Portfolio geworden ist, ohne nennenswerte Cashpositionen, die man jetzt anlegen kann?

Das sind grausame Gedanken. Aber das ist etwas, das sehr im Bereich des Wahrscheinlichen liegt. Und es ist wichtig, dass man sein Portfolio entsprechend auslegt. Wenn der Gedanke eines um 50 % kleineren Portfolios Unbehagen auslöst, dann wäre man wahrscheinlich gut beraten, den Anteil von Aktien im eigenen Portfolio nicht zu maximieren beziehungsweise sogar zu verringern.

Man muss sich dann jedoch bewusst machen, dass der Crash nicht unbedingt in den nächsten ein bis zwei Jahren kommen muss. Das könnte noch genügend Zeit für die besten Unternehmen sein, weiter alle Erwartungen zu übertreffen und so die eigenen Aktien um weitere 50 % oder mehr ansteigen zu sehen.

Am Ende ist es die Balance, auf die es ankommt. Darauf, dass man bei einem Crash keine Angstgefühle oder Existenzängste entwickelt. Darauf, dass man mit jedem Szenario gut leben und entsprechend reagieren kann.

Volatilität ausnutzen - aber bewusst

Man hört immer wieder, dass man Rücksetzer zum Einstieg nutzen soll. Davon bin ich keineswegs ein Gegner. Im Gegenteil, ich liebe es selbst, wenn ich eine Aktie zu einem starken Nachlass des gestrigen Preises erwerben kann. Schließlich kaufe ich mir die Packung Haribo auch immer nur, wenn ich sie für 66 Cent bekomme anstatt für 95 Cent. Bei Aktien ist das nichts anderes.

Trotzdem halte ich das blinde Nachkaufen für nicht zielführend. Nehmen wir Amazon als Beispiel. Die Aktie war vor einer Woche zu einem Kurs von knapp über 1.700 US-Dollar zu haben. Das waren 15 % weniger als etwas mehr als eine Woche vorher. Das klingt nach einem tollen Schnäppchen. Aber 1.700 US-Dollar ist auch der Kurs, den die Aktie vor vier Monaten das erste Mal gesehen hat. Vorher war sie immer günstiger. In der Tat war sie Anfang diesen Jahres 30 % günstiger als selbst dieser Schnäppchenkurs.

Nur, weil man etwas heute günstiger kaufen kann als gestern, muss das noch lange nicht bedeuten, dass man ein Schnäppchen gemacht hat. Vielleicht hat man das bei Amazon. Vielleicht auch nicht. Worauf es mir ankommt, ist jedoch, dass man sich Gedanken darüber macht, warum dieser neue Kurs ein Schnäppchen ist.

Und am besten tut man dies, bevor der Kursrückgang passiert. Anders gesagt: Wer Amazon bei 2.000 US-Dollar nicht kaufen möchte, weil er die Aktie für zu hoch bewertet hält, der sollte sich Gedanken darum machen, welcher Kurs in Anbetracht der Geschäftsaussichten angemessen ist. Diesen Kurs würde ich dann irgendwo aufschreiben. Möglicherweise würde ich sogar bereits eine Limit-Order erstellen.

So hat man die Chance, bei einem Crash Aktien zu seinem Wunschkurs zu kaufen - zumindest wenn dieser rechtzeitig kommt.

Eine Beobachtungsliste anlegen - mit Zielkursen

Ein Börsencrash erwischt in der Regel praktisch alle Aktien. Ganz unabhängig davon, wie großartig die dahinter stehenden Unternehmen und ihre Zukunftsaussichten sind. Und was gibt es Schöneres, als praktisch das gesamte Sortiment zu Sommerschlussverkaufspreisen erlangen zu können?

Diese Willkür des Marktes macht man sich jedoch am besten zunutze, wenn man nicht das gesamte Sortiment kauft. So viel Kapital haben wahrscheinlich die wenigsten von uns. Und warum sollte man auch?

Es ist daher vorteilhaft, sich schon vor dem Ausverkauf eine Einkaufsliste anzulegen, auf der man genau festhält, welche Unternehmen man kaufen möchte. So kann man sich selektiv die Perlen heraussuchen, die einem von allen anderen Marktteilnehmern hinterhergeschmissen werden.

Noch schöner ist es, wenn man auf der Beobachtungsliste auch die Einstiegskurse festhält, zu denen man ein bestimmtes Unternehmen kaufen würde. Mein Tipp dafür ist, dass man die Einstiegskurse für die besten Unternehmen nicht zu konservativ wählt, dafür etwas pessimistischer für Unternehmen, bei denen noch etwas für die volle Überzeugung fehlt.

Eine solche Beobachtungsliste hat zwei Vorteile:

1. Sie kann einem helfen, auch wirklich den Mut aufzubringen, den Kaufknopf zu drücken, wenn der Rest des Marktes in Panik verfällt.

2. Sie kann einem helfen, dies Schritt für Schritt zu tun, anstatt alles Pulver auf einmal zu verschießen und dadurch zu riskieren, noch größere Schnäppchen zu einem späteren Zeitpunkt zu verpassen.


Fazit

Ein Börsencrash ist nichts Schönes. Er kann sehr schmerzhaft sein. Aber er gehört so sicher zu den hohen Renditen an den Aktienmärkten wie das Amen in der Kirche. Man sollte sich daher darauf vorbereiten. Insbesondere indem man versucht, das eigene Gefühl, das man während des nächsten Crashs erleben wird, schon im Vorfeld möglichst ehrlich zu verstehen und sein Portfolio entsprechend so aufzustellen, dass einen diese Gefühle nicht zu emotionalen Entscheidungen verleiten.

Wer das schafft, der hat den wichtigsten Schritt getan. Denn wer emotionale Entscheidungen an der Börse vermeidet, der wird langfristig die besseren Renditen einfahren. Darüber hinaus kann man daran arbeiten, den nächsten Crash sogar zu einer positiven Erfahrung zu machen, indem man mit einer Beobachtungsliste und Kurszielen einen Schlachtplan für diesen erarbeitet.

Bei all dem sollte man jedoch nicht vergessen, dass nur der liebe Gott weiß, wann der nächste Crash kommt, wie stark dieser ausfallen und wie lange er dauern wird. Bis dahin sollte man daher nicht zu ängstlich agieren. Das heißt, wenn man heute ein Unternehmen auf seiner Beobachtungsliste hat, dessen Aktie attraktiv erscheint, dann ist es die bessere Entscheidung, heute zuzuschlagen, als auf den nächsten Rücksetzer zu warten. Denn dieser könnte zu spät kommen.

Offenlegung: Bernd Schmid besitzt Aktien von Amazon. The Motley Fool besitzt Aktien von Amazon.

Foto: Pepgooner / Shutterstock.com

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Expertenprofil
Bernd Schmid Bernd Schmid

Herr Schmid ist der Leitende Investor von The Motley Fool Deutschland und verantwortlich für die Performance aller Newsletter von The Motley Fool in Deutschland. Er leitet selbst den Newsletter Stock Advisor Deutschland, mit dem Ziel langfristig orientierten Anlegern zu helfen, mit den besten Unernehmen am Aktienmarkt überdurchschnittliche Renditen zu erwirtschaften und mehr über das Investieren zu lernen.

Im Jahr 2016 hat Herr Schmid das letzte der drei Chartered Financial Analyst (CFA) Examen bestanden und kann damit ab dem Jahr 2019 den in der Investment-Industrie hoch angesehenen CFA Charter zugesprochen bekommen.

Bevor er im Jahr 2014 beim Deutschlandstart Teil des Teams von The Motley Fool wurde, begann er damit, als selbständiger Berater mittelständische Unternehmen rund um das Thema Finanzen, mit dem Fokus auf die Bilanzanalyse und Bilanzplanung, zu beraten. Vorher war Herr Schmid anderthalb Jahre als Manager für den innovativen Zahlungsdienstleister SumUp und für zweieinhalb Jahre bei der Detecon als Technologie- und Strategieberater für Telekommunikationsunternehmen weltweit tätig.

Herr Schmid besitzt einen Master of Business Administration und einen Master of Science im Bereich Elektrotechnik von der Technischen Universität Hamburg-Harburg und ein Diplom (FH) von der Hochschule Ravensburg Weingarten. Während seiner akademischen Zeit forschte Herr Schmid in den Bereichen Robotik und Nanophotonik.

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