The winner takes it all

Stefan Riße

Alles konzentriert sich am amerikanischen Aktienmarkt derzeit auf immer weniger Aktien. Das beginnt schon bei den Micro Caps, den ganz kleinen Werten, die schlechter abschneiden als die Mid Caps, also die mittelgroßen Werte. Die wiederum schneiden schlechter ab als die Large Caps, sprich die großen Werte, die sich im S&P 500 Index in den USA befinden. Und innerhalb des Index konzentriert sich alles mit Apple, Amazon, Facebook, Alphabet und Microsoft auf fünf Aktien. Mit Alphabet hat gestern ein viertes Unternehmen die Marktkapitalisierung von einer Billion US-Dollar überschritten. Dies gelang zuvor schon Microsoft, Apple und Amazon, wobei letztere momentan wieder leicht darunter liegen. Diese fünf Werte haben 2019 allein zu einem Viertel der Performance des 500 Werte umfassenden S&P 500 Index beigetragen. Das liegt zum einen an ihrer guten Wertentwicklung, zum anderen aber auch an dem enormen Gewicht, das sie mittlerweile in diesem wie auch anderen Indizes haben.

Technisches Warnsignal?

Grundsätzlich deutet die Konzentration auf immer weniger Aktien und damit die fehlende Marktbreite in einem Aufschwung auf das Ende des selbigen hin. In der Vergangenheit jedenfalls war es so, dass solche Phänomene Ermüdungserscheinungen anzeigten. Also besser jetzt den Aktienmarkt verlassen und auf eine Korrektur warten? Die Antwort ist nicht so einfach. Viele Indikatoren, insbesondere solche, die den Optimismus messen, zeigen von diesem momentan zu viel und deuten wie die fehlende Marktbreite auf eine Korrektur hin. Doch die Konzentration auf wenige Aktien ist diesmal längst kein rein markttechnisches Phänomen.

Die Profite der Privatwirtschaft landen bei immer weniger Unternehmen

Die Plattform-Ökonomie im Zuge der Digitalisierung hat die Wirtschaft fundamental verändert. Immer weniger Unternehmen teilen den Profit, den die Privatwirtschaft erzielt, unter sich auf. Rund zehn Prozent der Unternehmen schöpfen mittlerweile 90 Prozent des Gewinns ab. Die Masse der Unternehmen erlebt zum Teil einen harten Wettbewerb mit nur geringen und schrumpfenden Gewinnmargen, während die vorgenannten Unternehmen aus den USA enorme Gewinnmargen einfahren. Weil der Nutzen für die Verbraucher umso größer ist, je mehr sich von ihnen auf einer Plattform tummeln, konzentriert es sich dann eben auch oft nur noch auf eine Plattform. Das schafft quasi Monopole, die eine große Preissetzungsmacht haben. Betrachten wir nur Microsoft. Windows ist der Standard in den Büros, von Werbeagenturen und Designer-Büros mal abgesehen. Und selbst wenn dort teilweise mit Apple gearbeitet wird, nutzen Sie doch mittlerweile auch auf diesen Rechnern die Office-Programme von Microsoft. Es scheint heute unvorstellbar, dass nochmal ein anderes Betriebssystem Fuß fassen könnte. Apple wiederum hat ein Eco-System geschaffen für seine mobilen Geräte iPhone und iPad, aus dem man - einmal drin - nicht wieder rauskommt. Alle Daten und Apps sind in der Cloud und zu Android zu wechseln ist ein großer Aufwand. Alphabet mit Google ist die Plattform für alle, die etwas suchen, Facebook mit Instagram und WhatsApp für alle, die in sozialen Medien unterwegs sind. Naja, und Amazon schwingt sich im Versandhandel zum universellen Marktplatz auf, um den keiner herumkommt, der etwas im Distanzhandel verkaufen möchte. Diese fundamentalen Entwicklungen kommen eben auch in den Aktienkursen zum Ausdruck, so dass die beschriebene Konzentration auf wenige Titel durchaus auch sachlich begründet ist. Allein die Kartellbehörden der verschiedenen Länder könnten noch zu einem Stolperstein für diese Unternehmen werden, umso mehr, je mehr sie ihre Marktmacht missbrauchen sollten.

Harte Zeiten für Fondsmanager

Für Aktienfondsmanager ist die beschriebene Entwicklung eine große Herausforderung. Wer nicht in ähnlichem Maß die genannten großen Aktien in seinem Portfolio gewichtet, kann seinen Vergleichsindex, wie beispielsweise den MSCI World, nur sehr schwer schlagen. Denn in diesem Index wie auch im S&P 500 sind die großen Technologie-Werte sehr hoch gewichtet. Das ETFs vermeintlich besser sind, als aktiv gemanagte Fonds, liegt nur zu einem Teil daran, dass die Fondsmanager ihr Handwerk nicht gut genug verstehen. Zuletzt lag es in höherem Maße an den beschriebenen Phänomenen. Insofern geht die Glorifizierung der ETFs ein Stück weit auch auf eine Blendung zurück. Doch jeder Trend endet irgendwann. Trifft es die großen Tech-Giganten beispielsweise aufgrund von härterer Regulierung, wird sich das Spiel umdrehen und die Indizes dürften dann schneller fallen als Portfolios, in denen diese Tech-Giganten nicht drin sind oder in denen sie zumindest nicht so hoch gewichtet sind. Das sollte jeder im Hinterkopf haben, wenn er vor der Entscheidung steht: ETF oder aktiv gemanagter Fonds.

Hinweis: Die Inhalte der Kolumnen dienen ausschließlich der Information und stellen weder eine Anlageberatung oder sonstige Empfehlung im Sinne des Wertpapierhandelsgesetzes dar noch sind sie als Zusicherung etwaiger Kursentwicklungen zu verstehen. Die geäußerten Ansichten geben allein die Meinung des jeweiligen Autors wieder. Für den Inhalt der Kolumne ist allein der jeweilige Autor verantwortlich.
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Expertenprofil
Stefan Riße Stefan Riße Kapitalmartktstratege Acatis Investment

Stefan Riße Jahrgang 1968, aus Bremen ist Börsianer mit Leib und Seele. Seit seinem 16. Lebensjahr beschäftigt er sich intensiv mit den internationalen Finanzmärkten.

Nach dem Abitur und Praktika bei Banken und Vermögensverwaltern arbeitete er zwei Jahre lang als Broker, bevor er in den Journalismus wechselte. Er schrieb für Zeitschriften wie Forbes und Focus und ist seit über fünf Jahren ständiger Kolumnist für Focus Money.

Bekannt wurde Stefan Riße aber vor allem aufgrund seiner Tätigkeit als Börsenkorrespondent für "n-tv", wo von 2001 bis 2005 seine Berichte live vom Frankfurter Börsenparkett gesendet wurden. Von 2006 bis 2011 war er Chief Market Strategist der Deutschlandniederlassung von CMC Markets – dem ersten CFD- Market-Maker in Deutschland.

Seit Mai 2018 ist er Kapitalmarktstratege bei Acatis Investment und als dieser nach wie vor gefragter Interviewgast u. a. auch bei "n-tv" wo er regelmäßig auftritt.

Bereits im Alter von 17 Jahren lernte er den im September 1999 verstorbenen Börsenaltmeister André Kostolany kennen, mit dem ihn bis zu dessen Tod eine enge Freundschaft verband.

Sein bisher letztes Buch „Die Inflation kommt!“ war eines der erfolgreichsten Wirtschaftsbücher im Jahr 2010 und erreichte Platz 1 der Handelsblatt-Bestsellerliste.

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