US-Wahlkampf: Kamala Harris – Die erste Frau und schwarze Vize-Präsidentschaftskandidatin an Joe Bidens Seite

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US-Wahlkampf: Kamala Harris – Die erste Frau und schwarze Vize-Präsidentschaftskandidatin an Joe Bidens Seite

Der Tweet von Kamala Harris liest sich im Nachhinein wie ein versteckter Hinweis. „Lasst uns an die Arbeit gehen“ und ändern, dass schwarze Frauen in den USA in gewählten Ämtern lange unterrepräsentiert waren. Diese Worte setzt sie am Dienstag ab, wenige Stunden bevor Joe Biden sein gut gehütetes Geheimnis lüftet. Er erklärt die Senatorin aus Kalifornien zu seiner Vize-Kandidatin im US-Wahlkampf und trifft damit eine historische Entscheidung. Gewinnt das Duo am 3. November gegen Amtsinhaber Donald Trump, wäre Harris nicht nur die erste schwarze Stellvertreterin eines US-Präsidenten, sondern auch die erste Frau in diesem Amt.

Trump holt sofort zum verbalen Gegenschlag aus

Der Angriff der Gegenseite folgt prompt. Bidens Entscheidung ist erst wenige Minuten in der Welt, da verbreitet Trumps Wahlkampfteam ein Video. Harris fordere Billionen an neuen Steuern, heißt es darin. „Slow Joe“, der „langsame Joe“, sei nicht klug genug, um Harris zu durchschauen – und überlasse „Kamala“ die Regentschaft, während sie sich mit der „radikalen Linken“ verbünde. Trump selbst sagt im Weißen Haus: „Sie hat gelogen. Sie hat Dinge gesagt, die nicht wahr waren.“ Näher geht Trump nicht darauf ein. Harris wolle die Militärausgaben senken und sei gegen die Erdgas-Förderung per Fracking, behauptet er. Und schon ist ein neuer Spitzname für die Frau an der Seite von Biden da: „Phony Kamala“ – „verlogene Kamala“.

Es ist fraglich, wie erfolgreich diese Attacken sein werden. Im Vergleich bietet die 55-Jährige deutlich weniger Angriffsfläche als andere Frauen, die als Bidens „Running Mate“ infrage kamen. Sie vertritt keine linken Positionen wie die Senatorin Elizabeth Warren, steht dem moderaten Biden stattdessen politisch sehr nah. Sie ist kein Gesicht der Obama-Regierung wie die frühere Nationale Sicherheitsberaterin Susan Rice, gegen die sich die Republikaner zuletzt bereits mit alten Vorwürfen in Stellung gebracht hatten. Sie hat sich nicht sozial auf Kuba engagiert wie die Kongressabgeordnete Karen Bass, der Trumps Wahlkampfteam vorwarf, Castros Kommunismus nach Amerika zu bringen.

Biden hat sich viel Zeit für seine Entscheidung genommen und es sich offenbar nicht leicht gemacht. Harris und er strahlten sich nicht immer so an, wie jetzt auf Fotos des Wahlkampfteams zu sehen ist. Im Rennen um die demokratische Präsidentschaftskandidatur waren die beiden vergangenes Jahr Konkurrenten – und lieferten sich teils emotionale Auseinandersetzungen. Biden bekam am eigenen Leib zu spüren, wie schlagfertig und forsch die einstige Staatsanwältin und Justizministerin Kaliforniens sein kann.

Biden und Harris nicht immer beste Freunde

Harris kritisierte Biden letzten Sommer für seine Kritik am „Busing“ in den 1970er Jahren – eine Maßnahme, die dazu beitragen sollte, die Trennung von Schwarzen und Weißen aufzuheben. Kinder wurden dafür mit Bussen zu Schulen in anderen Bezirken gefahren. Harris – die erst die zweite schwarze Senatorin in der Geschichte der USA ist – verknüpfte dies mit ihrer eigenen Biografie und sagte einen Satz, der vielen in Erinnerung blieb: „Das kleine Mädchen war ich.“

Die Angriffe während des Präsidentschaftsrennens scheint Biden Harris nicht nachzutragen – obwohl nicht bekannt ist, dass Harris sich dafür entschuldigt hat. Am Ende entschied er sich mit ihr für die Kandidatin, die seit langem als die sichere Wahl gilt.

Als Tochter von Einwanderern aus Jamaika und Indien steht Harris für die Vielfalt der demokratischen Partei. Ihr wird zugetraut, afroamerikanische Wähler zu mobilisieren. Für Biden könnte das entscheidend sein. Er erfreut sich bei afroamerikanischen Wählern großer Beliebtheit – doch wenn diese nicht zur Wahl gehen, dürfte ein Sieg gegen Trump deutlich schwerer zu erreichen sein. Zuletzt stieg der Druck auf Biden, sich für eine nicht-weiße Frau zu entscheiden. Denn neben der Wahl und der Corona-Pandemie gibt es ein weiteres Thema, das die Gemüter der Amerikaner in diesem Jahr seit dem Tod des Afroamerikaners George Floyd bei einem brutalen Polizeieinsatz bewegt und die öffentliche Debatte prägt: der Kampf gegen Rassismus und Polizeigewalt.

Rassismus ist ein zentrales Thema bei der Wahl

„Rassengerechtigkeit steht 2020 zur Abstimmung“, sagte Harris schon, als sie im März ihre Unterstützung für Bidens Kandidatur bekanntgab. Eine Überwindung des strukturellen Rassismus hält Harris für möglich. Die Klarheit, die ihr als Präsidentschaftsanwärterin bisweilen fehlte, erlangte sie zuletzt zurück: In der Corona-Krise weist sie immer wieder darauf hin, dass Minderheiten wie Afroamerikaner stärker von der Corona-Krise betroffen sind. Zudem arbeitete sie entscheidend an der Polizeireform der Demokraten im Kongress mit und tat sich als starke Stimme gegen polizeiliches Fehlverhalten hervor.

Was ihr Gegner allerdings – wie bereits im Rennen um die Präsidentschaftskandidatur – weiterhin vorwerfen dürften: Dass ihre Versprechen nach Reformen eines „kaputten“ Strafjustizsystems nicht im Einklang mit ihrer Karriere in der Justiz stehen. Kritiker beschuldigen sie, in Kalifornien in mehreren Fällen dafür gesorgt zu haben, dass Fehlurteile trotz eindeutiger Beweise in Kraft blieben. Zudem setzte sie sich als Justizministerin für Exekutionen ein – trotz ihrer erklärten persönlichen Opposition gegen die Todesstrafe. Harris war die erste Schwarze, die in San Francisco als Bezirksstaatsanwältin gewählt wurde, und als erste Frau und Afroamerikanerin im Amt der Justizministerin in Kalifornien.

Harris dürfte mehr Macht als frühere Vizepräsidenten bekommen

Als Mitglied in vier Senatsausschüssen bewies Harris aber immer wieder, dass sie eine pragmatische Problemlöserin und eine hartnäckige, herausfordernde Fragestellerin sein kann. So etwa im Bestätigungsprozess von Trumps Kandidaten für das Oberste Gericht der USA, Brett Kavanaugh. Die Nominierung hatte eine Kontroverse ausgelöst, nachdem mehrere Frauen ihn sexueller Übergriffe beschuldigt hatten. Trump nennt Harris‘ damaliges Vorgehen am Dienstag „bösartig“.

„Ich denke, dass unser Land eine Führung will und braucht, die eine Vision des Landes vermittelt, in der sich jeder selbst sehen kann“, sagte Harris einmal mit Blick auf ihre eigenen Stärken, die sie ins Weiße Haus mitbringen würde. Nun hat sich Harris dem Kampf von Joe Biden verschrieben, der aus ihrer Sicht das Land einen kann. Gewinnen sie die Wahl, dürfte Harris deutlich mehr Gewicht als ihren Vorgängern zukommen. Biden wäre bei Amtsantritt 78 Jahre alt. Als Vizepräsidentin könnte Kamala Harris sein Erbe im höchsten Amt des Staates antreten – und wieder die Erste sein.

onvista/dpa-AFX

Titelfoto: Maverick Pictures / Shutterstock.com

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