Für einen optimalen Ausdruck erlauben Sie bitte den Druck von Hintergrundfarben und -bildern

US-Wirtschaft - Stark wie Popeye?

Robert Halver

Wie Kaugummi am Schuh hält sich der Glaube, dass die US-Wirtschaft unkaputtbar ist. Als Beweis dienen vermeintlich positive Arbeitsmarktdaten. Der Stellenzuwachs im Juli von 209 Tsd. wurde sogar gefeiert wie die Mondlandung. Die Wachstumsformel der USA lautet: Starker Arbeitsmarkt gleich starke Binnenkonjunktur. Aber hält diese Kraftmeierei einer nüchternen Überprüfung stand?

Seit der Immobilienkrise 2008/2009 haben sich Stellenausschreibungen und -aufbau tatsächlich deutlich stabilisiert. Doch hat das scheinbar freundliche Arbeitsmarktbild bei näherer Betrachtung durchaus hässliche Flecken. So lässt der Stellenzuwachs seit Anfang 2015 durchschnittlich nach.

Donna Summers Hit She works hard for the money entspricht der Realität

Sicherlich ist der Dienstleistungssektor eine Jobmaschine. Typischerweise verbergen sich dahinter allerdings nicht Tätigkeiten z.B. im Marketing oder in Strategieabteilungen. Es handelt sich vor allem um Jobs in der Gastronomie. Natürlich, lieber ein Job bei McKFCBurgerSubway als gar keiner. Doch sind das eben nicht die Beschäftigungsverhältnisse, die mit hoher Kaufkraft wie in der US-Industrie gesegnet sind.

Und diese US-Industrie ist leider vom robusten Vorkrisenzustand weit entfernt. Ein wirtschaftlich ladegehemmter Trump kann im amerikanischen Rostgürtel offensichtlich nicht als Rostlöser glänzen.

Insgesamt wird bei der politischen Beurteilung des US-Arbeitsmarkts viel zu viel über Quantität und viel zu wenig über Qualität gesprochen. Hauptsache, die Zahlen stimmen.

Doch selbst die Dienstleistungsblüte droht zu verdorren wie eine Primel, die während der Urlaubsabwesenheit nicht gegossen wird. So ist im Servicebereich neben dem Neugeschäft auch die Beschäftigung dramatisch gefallen. Dass dieser Einbruch ausgerechnet auch im Juli, also einem Sommermonat stattfindet, ist bemerkenswert. Normalerweise müssten doch in der Urlaubszeit Saisonjobs im Tourismus sprießen wie Unkraut.

Die geringe US-Arbeitslosenquote unterstellt eine power economy

Mehr quantitativer Schein als qualitatives Sein zeigt auch die offizielle Arbeitslosenquote. Mit 4,3 Prozent ist sie auf den niedrigsten Stand seit 2001 gefallen. Demnach müsste die US-Wirtschaft eigentlich brummen, brummen, brummen und die konjunkturelle Inflation sowie Zinsen steigen, steigen, steigen. Wie aber passt eine quasi vollbeschäftigte Wirtschaft zu immerhin noch 42 Millionen Amerikanern, also 13 Prozent der Bevölkerung, die Empfänger von Lebensmittelmarken sind. Kann es sein, dass viele Arbeitslose bereits resigniert haben und sich wegen Perspektivlosigkeit gar nicht mehr registrieren lassen?

Überhaupt fehlt es im Vergleich zu früher an Kaufkraft. Die US-Stundenlöhne haben zuletzt sogar wieder nachgelassen, so dass kein lohnseitiger Inflationsauftrieb zu beobachten ist.

Verbesserte Einkommensverhältnisse sind auch zukünftig kaum zu erwarten. Wenn z.B. Bauroboter im New Yorker Immobiliensektor zehnmal schneller Ziegel legen als Bauarbeiter, jedoch nur einen Bruchteil kosten, wird sich die Substitution Maschine gegen Mensch weiter beschleunigen.

US-Arbeitsmarktdaten haben viel mit Märchen, leider wenig mit Happy End zu tun.

Was der Spinat für Popeye sind Schulden für die US-Wirtschaft

Aber wo kommt dann das Wirtschaftswachstum her? Wo wenig Einkommen, da viel Kredit. Es lebe die Verschuldung zum Wohle des amerikanischen Vaterlands. Nicht nur die staatliche, sondern auch die private Kreditaufnahme hat neue Rekordmarken erreicht. Man labte und labt sich an günstigen (Bau-)Kreditzinsen. Ohne Kredite wäre Amerika im Rezessionstal der Krise von 2008/2009 hängen geblieben.

Mittlerweile beträgt das Volumen amerikanischer Autokredite ca. 1,2 Billionen US-Dollar. Das sind fast 50 Prozent mehr als vor der Immobilienkrise. Und wer die amerikanische Kredit-Mentalität der Marke Nach mir die Sintflut kennt, wundert sich nicht, dass ebenso Studentendarlehen und Kreditkartenschulden ihre Vorkrisenniveaus längst übertreffen. Ein wachsender Anteil dieser wie Hefekuchen aufgehenden Kredite kann nicht mehr ordentlich bedient werden. Sicherlich sind sich verschlechternde Kreditqualitäten kein Backpulver für freundliche Konjunkturperspektiven.

Ohnehin deuten im Trend gesunkene Renditen für US-Staatspapiere nicht unbedingt auf blühende Konjunkturlandschaften hin. Und das liegt jetzt nicht mehr an einer US-Notenbank, die Renditen planwirtschaftlich drückt. Ihre Anleihekaufwut hat sie weitgehend eingestellt. Doch auch von wieder mehr Marktwirtschaft zeigen sich die Renditen nicht beeindruckt. Denn die Frühindikatoren für das Verarbeitende und Dienstleistungsgewerbe sind verhalten, nicht kraftstrotzend.

Und jetzt soll die Fed allen Ernstes eine klar restriktive Geldpolitik betreiben? Angesichts des auf Pump finanzierten Wirtschaftswunders mit der Gefahr inflationärer Kreditausfallraten würde dies zu konjunktureller Muskelerschlaffung führen.

Eins ist klar: Die US-Geldpolitik wird Popeye sein Kraftfutter, seinen Spinat weiter zu günstigen Konditionen zur Verfügung stellen.

Rechtliche Hinweise / Disclaimer und Grundsätze zum Umgang mit Interessenkonflikten der Baader Bank AG: http://www.bondboard.de/main/pages/index/p/128

Hinweis: Die Inhalte der Kolumnen dienen ausschließlich der Information und stellen weder eine Anlageberatung oder sonstige Empfehlung im Sinne des Wertpapierhandelsgesetzes dar noch sind sie als Zusicherung etwaiger Kursentwicklungen zu verstehen. Die geäußerten Ansichten geben allein die Meinung des jeweiligen Autors wieder. Für den Inhalt der Kolumne ist allein der jeweilige Autor verantwortlich.
Das könnte Sie auch interessieren
Expertenprofil
Robert Halver Robert Halver Leiter Kapitalmarkt­analyse, Baader Bank

Nach Abschluss seines betriebswirtschaftlichen Studiums an der Universität Trier 1990 arbeitete Robert Halver zunächst als Wertpapieranalyst bei der Sparkasse Essen.Ab 1994 war Herr Halver bei der Privatbank Delbrück & Co für die Analyse von Aktiengesellschaften der Branchen Automobile, Telekommunikation, Medien und Versorger verantwortlich. Später formulierte er als Chefstratege die Anlagepolitik für die hausinternen Aktien- und Renten-Investments.

2001 wechselte Robert Halver als Direktor zur Schweizer Privatbank Vontobel. Neben der Erstellung der Anlagestrategie umfasste sein Verantwortungsbereich die Kundenbetreuung sowie die Öffentlichkeitsarbeit der Vontobel-Gruppe in Deutschland.

Seit 2008 ist Herr Halver bei der Baader Bank AG in Frankfurt am Main tätig. Als Leiter der Kapitalmarktanalyse ist er für die fundamentale Einschätzung der internationalen Aktien- und Rentenmärkte, von Währungen, Rohstoffen und Edelmetallen zuständig. In dieser Funktion ist er ebenso für die Außendarstellung der Baader Bank tätig.

Robert Halver verfügt über langjährige Erfahrung als Kapitalmarkt- und Börsenkommentator und ist durch regelmäßige Medienauftritte bei Fernsehsendern und Radiostationen, auf Fachveranstaltungen und Anlegermessen sowie durch Fachpublikationen und als Kolumnist präsent.

Baader Bondboard

Kurs zu BAADER BANK AG Aktie

  • 1,87 EUR
  • -1,77%
19.10.2017, 17:36, Xetra

Weitere Werte aus dem Artikel

Dow Jones 23.163,04 Pkt.+0,02%

onvista Analyzer zu BAADER BANK AG

BAADER BANK AG auf übergewichten gestuft
kaufen
31
halten
13
verkaufen
2
alle Analysen

Derivate-Wissen

Sie glauben, der Kurs von "BAADER BANK AG" fällt?

Mit Put Knock-Out-Zertifikaten können Sie von fallenden Aktienkursen profitieren.

Erfahren Sie mehr zu Knock-Out-Zertifikaten