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Was fast jeder Dividendenzahler falsch macht

Bernd Schmid
Was fast jeder Dividendenzahler falsch macht

Im Jahr 2008 verbuchte der Versicherer AIG einen Verlust von fast 100 Mrd. US-Dollar ‒ das ist mehr als man in den 18 Jahren vorher insgesamt verdiente. Mindestens genauso verblüffend: In demselben Jahr zahlte AIG seinen Aktionären insgesamt Dividenden in Höhe von 1,6 Mrd. US-Dollar aus. Die Dividende strich das Unternehmen erst, als es vom US-Finanzministerium übernommen wurde.

Das Management entschied sich für die Dividendenzahlung auch, weil es zuversichtlich bezüglich der zukünftigen Geschäftsentwicklung war. Mal abgesehen davon, dass das Management damit komplett danebenlag und es sich um einen extremen Fall einer Dividende handelt, die im Nachhinein niemals hätte ausbezahlt werden sollen, erstaunt es mich immer wieder, wie fast alle dividendenzahlenden Unternehmen eine rückwärtsgerichtete Dividendenpolitik verfolgen.

Was mich dabei am meisten stört, ist, dass dies gar nicht so wahrgenommen wird. Im Gegenteil, es wird grundsätzlich als etwas Gutes verkauft, wenn ein Unternehmen seine Dividende kontinuierlich anhebt. Nicht, dass ich grundsätzlich etwas gegen Dividendenerhöhungen oder Dividendenzahlungen hätte. Sie werden nur in den meisten Fällen unkritisch hingenommen ‒ unabhängig davon, ob sie überhaupt sinnvoll sind.

Eine falsche Dividendenpolitik, die man viel zu häufig antrifft

Eine sehr weit verbreitete Dividendenpolitik ist, dass man die Ausschüttungen an die Aktionäre direkt an den Gewinn bindet ‒ zum Beispiel indem man sagt, dass man immer zwischen 30 und 50 % des Gewinns als Dividende auszahlen möchte. So etwas wird dann in der Regel auch als „aktionärsfreundlich“ verkauft.

Oberflächlich betrachtet ist das auch so. Immerhin steht einem Aktionär ein Teil des Gewinns zu.

Allerdings ist eine solche Politik weniger aktionärsfreundlich, als es scheint. Denn woran einem Aktionär noch mehr gelegen sein sollte, als an einer möglichst kontinuierlichen Ausschüttung der Dividende, ist die Gesundheit des Unternehmens, das diese Dividende auszahlt. Was hilft es einem Aktionär, wenn ein Unternehmen in diesem Jahr eine schöne Dividende bezahlt, dafür jedoch auf höhere Investitionen verzichtet?

Noch schlimmer ist es, wenn ein Unternehmen seine „aktionärsfreundliche“ Dividendenpolitik trotz temporärer Gegenwinde fortsetzt. Zum Beispiel wenn man an der Höhe der Dividende festhält, während die Wettbewerbskräfte dafür sorgen, dass der Gewinn zurückgeht. Oder wenn man an seiner Dividende festhält, obwohl hohe Investitionen in Zukunftstechnologien anstehen. Über die Zeit kann eine solche Dividendenpolitik zu einem erheblichen Substanzverlust und dem Verlust der Wettbewerbsfähigkeit führen.

Eine richtige Dividendenpolitik, die man viel zu selten antrifft

Eine viel weniger verbreitete Dividendenpolitik ist die, dass ein Unternehmen immer nur denjenigen Teil seines jährlichen Gewinns bzw. Cashflows als Dividende ausschüttet, der nicht sinnvoll reinvestiert werden kann. Wenn ein Unternehmen zum Beispiel in einem Jahr 100 Euro verdient, davon jedoch 50 Euro direkt in die Hand nehmen kann, um seine Produktionslinien effizienter zu machen oder Kapazitäten zu erweitern, dann sollte das Unternehmen genau dies tun. Sieht man für die anderen 50 Euro keine sinnvolle Verwendung, dann können diese bedenkenlos an die Aktionäre ausgeschüttet werden.

Macht man im nächsten Jahr aufgrund hervorragender Investitionen 120 Euro Gewinn, sieht jedoch Investitionsmöglichkeiten für 100 Euro, dann sollte man es nicht anders als im Vorjahr tun. Das heißt, man nimmt die 100 Euro in die Hand, investiert sie und schüttet die verbleibenden 20 Euro als Dividende an die Aktionäre aus.

Eine solche Dividendenpolitik bedeutet für Aktionäre eine sehr volatile Ausschüttung. Denn natürlich ist der Investitionsbedarf nicht von Jahr zu Jahr konstant bzw. finden sich Investitionsgelegenheiten nicht jedes Jahr in gleichem Ausmaß. Aber nur so stellt ein Unternehmen sicher, dass es seine Wettbewerbsvorteile maximal aufrechterhalten bzw. sogar stärken kann.

Anders betrachtet bedeutet das, dass man so nicht nur eine möglichst hohe Dividende in diesem Jahr sicherstellt, sondern eine möglichst maximale Dividende über viele Jahre hinweg. Das wäre die deutlich aktionärsfreundlichere Dividendenpolitik.

Und wenn man als Aktionär ganz hohe Ansprüche hat (die man besser haben sollte, wenn man sich langfristig hohe Renditen erhofft), dann geht man bei der Beurteilung noch einen Schritt weiter.

Was man vor einer Dividendenausschüttung noch beurteilen sollte

Die Zahlung von Dividenden und das Investieren in Produktionskapazitäten sind nur zwei von fünf Möglichkeiten, wie ein Management das ihm zur Verfügung stehende Kapital einsetzen kann. Die drei anderen Möglichkeiten sind:

AktienrückkäufeÜbernahmenSchuldentilgung

Wie oben erwähnt ist es sinnvoller, wenn sich ein Management zunächst über Investitionen Gedanken macht, bevor es eine Dividende ausschüttet. Dasselbe gilt für Übernahmen. Hat man ein für die Geschäftsentwicklung sinnvolles Übernahmeziel vor Augen, das man zu einem guten Preis erwerben kann, dann sollte man dies der Ausschüttung einer Dividende vorziehen.

Was die Schuldentilgung betrifft, so sollte ein Unternehmen hier ganz klare Ziele kommuniziert haben ‒ und diese einhalten. Hat man zum Beispiel aufgrund höherer Investitionen eine Schuldenquote höher als angestrebt, dann sollte das Management die Schuldentilgung in Betracht ziehen, bevor man die Dividende festlegt.

Bei Aktienrückkäufen sieht die Situation anders aus. Dies würde ich eher als Alternative zu einer Dividende sehen ‒ abhängig vom Aktienkurs. Ist der eigene Aktienkurs niedrig, sollte man Aktienrückkäufe gegenüber Dividenden priorisieren. Bei einem hohen Aktienkurs macht es umgekehrt mehr Sinn.

Die hohe Kunst der Kapitalzuteilung

Was ich hier in wenigen Worten beschrieben habe, ist eigentlich die Kernaufgabe des Topmanagements eines Unternehmens. Es geht darum, das zur Verfügung stehende Kapital möglichst effizient einzusetzen. Das ist eine sehr komplexe Aufgabe, denn die Entscheidungen sind nicht immer so eindeutig, wie ich sie oben aufgeführt habe. Was jedoch feststeht, ist, dass eine Dividendenausschüttung nicht an erster Stelle auf der Prioritätenliste des Managements stehen sollte. Zumindest nicht, wenn man sein Unternehmen langfristig erfolgreich aufstellen möchte.

Leider ist das in der sehr kurzfristig orientierten Börsenwelt viel seltener der Fall, als man glaubt. Sehr oft wollen Manager die Aktionäre zufriedenstellen, indem sie eine konstante Dividende oder sogar eine kontinuierlich erhöhte Dividende ausschütten. Es gibt natürlich durchaus Unternehmen, die sich eine solche Dividendenpolitik leisten können, ohne Wettbewerbsvorteile einbüßen zu müssen.

Aber hoffentlich liefert dieser Artikel einen kleinen Beitrag dazu, solche Entscheidungen als Aktionär kritischer zu beleuchten ‒ oder sogar einmal zu applaudieren, während der Rest der Börsenwelt die Dividendenkürzung eines Unternehmens verurteilt. Es könnte sich um ein erstklassiges Management handeln, das einen wirklich aktionärsfreundlichen Kapitaleinsatz einer populären Entscheidung vorzieht.

Autor: Bernd Schmid

Foto: welcomia / Shutterstock.com

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Expertenprofil
Bernd Schmid Bernd Schmid

Herr Schmid ist der Leitende Investor von The Motley Fool Deutschland und verantwortlich für die Performance aller Newsletter von The Motley Fool in Deutschland. Er leitet selbst den Newsletter Stock Advisor Deutschland, mit dem Ziel langfristig orientierten Anlegern zu helfen, mit den besten Unernehmen am Aktienmarkt überdurchschnittliche Renditen zu erwirtschaften und mehr über das Investieren zu lernen.

Im Jahr 2016 hat Herr Schmid das letzte der drei Chartered Financial Analyst (CFA) Examen bestanden und kann damit ab dem Jahr 2019 den in der Investment-Industrie hoch angesehenen CFA Charter zugesprochen bekommen.

Bevor er im Jahr 2014 beim Deutschlandstart Teil des Teams von The Motley Fool wurde, begann er damit, als selbständiger Berater mittelständische Unternehmen rund um das Thema Finanzen, mit dem Fokus auf die Bilanzanalyse und Bilanzplanung, zu beraten. Vorher war Herr Schmid anderthalb Jahre als Manager für den innovativen Zahlungsdienstleister SumUp und für zweieinhalb Jahre bei der Detecon als Technologie- und Strategieberater für Telekommunikationsunternehmen weltweit tätig.

Herr Schmid besitzt einen Master of Business Administration und einen Master of Science im Bereich Elektrotechnik von der Technischen Universität Hamburg-Harburg und ein Diplom (FH) von der Hochschule Ravensburg Weingarten. Während seiner akademischen Zeit forschte Herr Schmid in den Bereichen Robotik und Nanophotonik.

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