Wirecard löst sich von den Tiefstkursen – Charttechnik hellt sich auf

Bernd Raschkowski

In den vergangenen Monaten ging es bei Wirecard hoch her. Der ehemalige Börsenliebling verzeichnete eine ausgedehnte Berg- und Talfahrt. Bis zum Herbst 2018 vollzog der DAX-Neuling eine rasante Rally bis auf fast 200 Euro. Jedoch stoppt anschließend die enorme Aufwärtsdynamik mit den Vorwürfen der Bilanzmanipulation seitens der Financial Times und dessen Redakteur Dan McCrum.

Auf die Einzelheiten zu den Vorwürfen möchte ich an dieser Stelle nicht eingehen, zumal sie sich ohnehin nicht überprüfen lassen. Nur so viel: Bislang wurden die Vorwürfe nicht bewiesen, Wirecard räumte lediglich kleine Unregelmäßigkeiten im Volumen von wenigen Millionen Euro ein. Das reichte jedoch aus, um das Vertrauen der Investoren zu verlieren. Zahlreiche Hedgefonds haben die Aktie leerverkauft und setzen damit auf weiter fallende Kurse. Für uns Trader stellt sich die Situation durchaus interessant dar.

Die Vorwürfe lasten natürlich weiterhin schwer auf dem Aktienkurs des Unternehmens. Kurzer Rückblick: Von knapp 200 Euro ging es zeitweise bis unter 100 Euro abwärts (Februar 2019). Rund ein Jahr später notiert Wirecard bei 138 Euro. Zwar kam die Aktie aus dem Keller etwas hoch, so richtig erholt hat sich die Notierung von den Vorwürfen und den dadurch bedingten Kurskapriolen jedoch nicht. Das Unternehmen aus Aschheim wehrte sich zwar stets gegen die Anschuldigungen, konnte das Vertrauen bislang aber nicht zurückgewinnen. Der Vorstandsvorsitzende des Unternehmens, Markus Braun, agiert mittlerweile offensiv und berichtet auf Twitter von der starken Entwicklung des Zahlungsabwicklers. Die Wirecard-Aktie reagiert jedoch zögerlich auf die hoffnungsvolle Nachrichtenlage. Viele Investoren warten zunächst den Ausgang der Sonderprüfung ab, welche noch im ersten Quartal 2020 erwartet wird. Zurzeit durchleuchten gerüchteweise 40 Mitarbeiter von KPMG die Wirecard-Bilanz.

Immerhin konnte Wirecard zuletzt kleinere Erfolge vermelden. Neben zahlreichen Kooperationen kauften sich einige Großbanken bei dem Wachstumswert ein. Vor allem die Fonds-Tochter der Deutschen Bank, DWS, setzt mit einem Paket von 5,9 Prozent der Wirecard-Aktien auf eine Ausräumung der FT-Vorwürfe. Der Gedanke dahinter ist klar: Sollten sich die Bilanzmanipulation nicht bewahrheiten, so ist die Aktie massiv unterbewertet.  Vergleichbare Unternehmen sind ungefähr dreimal so hoch bewertet wie Wirecard.

Sobald das Gutachten der Wirtschaftsprüfer veröffentlicht ist, wird es starke Kursbewegungen in der Aktie geben. Natürlich kann es kräftig nach Süden gehen, sollten sich weitere Unregelmäßigkeiten bewahrheiten. Jedoch halte ich dies vor dem Hintergrund der massiven Unschuldsbekundungen des Vorstandsvorsitzenden für eher unwahrscheinlich. Markus Braun würde sich wohl kaum soweit aus dem Fenster lehnen, wenn er sich seiner Sache nicht absolut sicher wäre.

Fällt das Urteil der Bilanzprüfung positiv aus, so besteht die Chance auf ordentliche Kurssprünge. Denn zahlreiche Marktteilnehmer haben auf fallende Kurse bei Wirecard gesetzt. Ein Großteil der Aktien sind leerverkauft bzw. verliehen (in der Hoffnung sie später günstiger zurück kaufen zu können). So ergibt sich eine spannende Konstellation: Sollten die Hedgefonds ihre verliehenen Aktien eindecken, dürfte es einen regelrechten Short-Squeeze bei Wirecard geben.

In der folgenden Abbildung ist die Entwicklung der Aktie seit September 2018 dargestellt (Candlestick-Chart, eine Kerze entspricht einem Tag):

Aus Sicht der Charttechnik hat sich die Lage bei dem DAX-Wert zuletzt aufgehellt. Mit dem Anstieg der letzten Wochen wurde der vorherige Abwärtstrend gebrochen. Auch der charttechnische Widerstand bei 135 Euro konnte überwunden werden. Aktuell begrenzt ein weiterer, kleiner Widerstand bei 140 Euro die Notierung des Technologie-Titels. Sollte diese Marke in den kommenden Wochen genommen werden, so ist mit Anschlusskäufen und steigender Aufwärtsdynamik zu rechnen. Risikobereite Anleger können das Szenario für das eigene Depot nutzen: Mit einer Stop-Buy-Order oberhalb von 140 Euro wird die Aktie gekauft, sobald die Marke überschritten wurde. Als Kursziel gilt dann der Bereich von 160 Euro.

Aus Gründen der Risikoreduzierung empfiehlt sich stets ein Stopp-Kurs für die Depot-Positionen. Im Fall von Wirecard kann diese Absicherungsmarke bei knapp 130 Euro gesetzt werden. Somit ergibt sich ein gutes Chance-Risiko-Verhältnis für einen Long-Trade. Auf nextmarkets.com verfolge ich die Lage der Aktie und kommentiere die Entwicklung regelmäßig.

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Expertenprofil
Bernd Raschkowski Bernd Raschkowski

Bernd Raschkowski analysiert seit mehr als 20 Jahren die Entwicklungen an den Kapitalmärkten und leitet daraus nachhaltige Börsenstrategien ab. Der studierte Dipl.-Kaufmann nutzt einen ganzheitlichen Ansatz aus volkswirtschaftlichen Daten, Unternehmensnachrichten, Charttechnik sowie der Verhaltensökonomie. In seiner Freizeit verbringt Bernd Raschkowski viel Zeit auf dem Mountainbike.

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