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Trotz sintflutartigem Zentralbankgeld und inflationären Krisen glänzt Gold noch weniger als eine blasse Weihnachtsbaumkugel

Robert Halver

Man sagt der Hund sei der beste Freund des Menschen und Krise der beste Freund von Gold. Während die erste Aussage von mir sofort unterschrieben wird, muss man bei der zweiten mehr als skeptisch sein. Und dass, obwohl es doch an Krisen nicht mangelt. Der Konflikt des Westens mit Russland ist immer noch vorhanden. Und die Anti-IS-Allianz kommt - obwohl dringend benötigt - immer noch nicht in die Gänge. Vor allen Dingen aber zeigt Europa sich völlig unfähig, das zugegebenermaßen große Flüchtlingsproblem gemeinsam zu bewältigen. EU-Politiker sind sich so uneinig, dass sie fremde Hilfe durch die Türkei in Anspruch nehmen müssen. Was für ein erbärmliches Armutszeugnis!

Erbärmlich ist auch die Stabilitätsehre in der Eurozone, die für alle Zeit verlorengegangen ist. Schon jetzt ist klar, dass Griechenland die ihm auferlegten Reformbedingungen nicht erfüllen wird. Und genauso klar ist es, dass Hellas trotzdem weiteres Hilfsgeld bekommen wird. Die Stabilitätspolitiker zeigen sich verbalerotisch zwar immer wieder als brüllende Löwen. Am Ende jedoch landen sie regelmäßig als wohlige Bettvorleger im Schlafzimmer von Alexis Tsipras.

Überhaupt bleibt sich die Staatsverschuldung treu: Sie steigt weiter. Kein Wunder, denn wenn die Privatwirtschaft wegen der ausgeprägten wirtschaftspolitischen Reformunfähigkeit kastriert wird, muss eben die schuldenfinanzierte Staatswirtschaft den Casanova spielen. Leider übersieht man, dass die Leistungsfähigkeit eines staatlichen Liebhabers weniger ausdauernd ist, als die eines privatwirtschaftlichen.

Und was macht der Goldpreis? Er steigt dennoch nicht!

Und wenn sie nicht gestorben sind, dann retten sie auch noch morgen die Welt mit Geld

Die drei größten Zentralbanken der Welt - Fed, EZB, Bank of Japan - betreiben mit Wollust die wundersame Geldvermehrung, um über künstlich gedrückte Staatsanleiherenditen Schuldenkrisen zu bekämpfen und Währungen zum Wohle der heimischen Exportwirtschaft abzuwerten. Aber auch andere Notenbanken wie die in China retten ihre Volkswirtschaften und Finanzmärkte mit billigem und viel Geld vor dem Super-Gau. Gegen den Pazifik Geld ist Gold nur ein Goldfischglas. Und aus dem Glas wird vermutlich der Fingerhut. Denn die EZB, die japanische Notenbank und auch die Zentralbanken aus den Schwellenländern machen sich auch zukünftig das Motto der Feuerwehr zu Eigen: Wasser marsch! Gold ist im Vergleich zu Geld ein immer knapperes, nicht beliebig vermehrbares Gut.

Und was macht der Goldpreis? Er steigt dennoch nicht!

Wann gibts mal wieder richtig Zinsen? Nie mehr!

Die Anlegersuche nach attraktiven Zinsanlagen ähnelt der verzweifelten Suche von Eisbären nach den letzten Eisschollen. Früher war alles besser . Seit 1977 gab es in Deutschland im Durchschnitt 5,3 Prozent Rendite für Staatspapiere. Heute ist Zins-Diät angesagt: Nur noch magere 0,31 Prozent.

Zinsbesserung wird es nicht geben. Unsere geldpolitischen Rettungsengel kämen sofort in die geschlossene Anstalt, wenn sie eine teuflische Renditewende zuließen. Damit zerstörten sie ihr eigenes Rettungswerk. Steigende Renditen machten die Finanzierung der auf Neuverschuldung angewiesenen Staaten unbezahlbar.

Im Extremfall kollabiert sogar die Finanzwelt über das Platzen der historisch größten Anlageblase aller Zeiten, die Anleiheblase. Grundsätzlich stellen die Schulden der Staaten, Kommunen oder Unternehmen Vermögen von Kapitalanleger dar. Aufgrund des Renditeverfalls sitzen sie auf dicken und dicksten Buchgewinnen wie die Henne auf ihren Güteklasse A-Eiern. Käme es jetzt zu einer Renditewende im großen Stil - die nach über 30 Jahren Dauerhausse theoretisch mehr als überfällig wäre - schmölzen die Buchgewinne wie Eis im aktuell viel zu milden Dezember. Und dann verlassen zur Gewinnrealisierung alle Ratten das sinkende Anleiheschiff. Und schließlich explodieren die Renditen nach oben wie ein Höhenfeuerwerk. Dass, was das Platzen der Dotcom- und Immobilienblase nicht geschafft haben, wäre dann definitiv der Fall: Der Zusammenbruch unseres Finanzsystems. Von daher werden die Notenbanken im vorauseilenden Gehorsam die Renditedrückung über ihre Liquiditätsorgien konsequent fortsetzen. Selbst wenn es irgendwann wieder zu Preissteigerungen kommt, braucht niemand zu erwarten, dass die EZB diesen wie früher die Deutsche Bundesbank zu Leibe rückt. Nein, man wird sehr dankbar sein, dass eine Inflation oberhalb von Anleiherenditen Staatsschulden auffrisst. Spätestens dann wird Zinssparen zum Masochismus für Zinsanleger. Des einen Freud (Finanzminister) ist des anderen Leid (Anleger). Grundsätzlich haben Zinspapiere ihren früheren Vorteil gegenüber Gold - dass keine Zinsen zahlt - verloren.

Und was macht der Goldpreis? Er steigt dennoch nicht!

Niemand braucht Angst vor der Leitzinspolitik von Frau Yellen zu haben!

Das Bild mickriger Zinsen ändert selbst eine US-Leitzinswende im Dezember nicht. Kein Anleger muss eine Zinserhöhungspolitik der Fed mit Schaum vor dem Mund wie zwischen 2004 und 2006 befürchten. Mit einem Anstieg von einem auf 5,25 Prozent hatte man damals nicht nur die ungeliebte Immobilienblase wie eine Schmeißfliege auf der Vase zerschlagen, sondern die Vase gleich mit: Die US- und Weltkonjunktur durchlebten einen Polterabend.

Diesen erneuten Leitzinsschock darf und wird Fed-Chefin Yellen nicht begehen. Ansonsten kommt sie ins Heim. Warum auch, den bereits ladegehemmten Schwellenländern will sie nicht auch noch eine Kapitalflucht in das zinsattraktive Amerika bei zusätzlicher Währungsaufwertungsperspektive zumuten. China & Co. würde nicht nur Investitionsgeld fehlen. Sie müssten auch noch mehr für den Zins- und Tilgungsdienst ihrer mehrheitlich auf US-Dollar-Basis aufgenommenen Staats- und Unternehmensschulden aufwenden. Überhaupt steht ein starker US-Dollar historisch für schwache Rohstoffpreise. Allein in diesem Jahr dürften den Rohstoffländern Kaufkraft in Höhe von ca. zwei Billionen US-Dollar durch die Lappen gehen. Das tut auch der Welt- und US-Wirtschaft weh und würde noch weher tun, wenn der Dollar noch weiter aufwertet.

Insgesamt hat Frau Yellen keinen Grund für eine zinspolitische Wurzelbehandlung. Vor der US-Zinspolitik müssen Goldanleger ebenso wenig Angst haben wie vor einer sanftmütigen Zahnreinigung.

Und was macht der Goldpreis? Er steigt dennoch nicht!

Goldhändler lügen nicht

Die o.g. Argumente finden offenbar bei Käufern physischen Goldes Gehör. In den Schwellenländern bleibt Gold ein Demonstrationsinstrument von Wohlstand wie bei uns der Mercedes, der Audi, der BMW oder der Porsche vor der Haustür. Ebenso berichtet der Goldhändler meines Vertrauens weiterhin von physischen Netto-Käufen bei Gold. Ohnehin ist mein Eindruck, dass so mancher offizielle Goldhasser klammheimlich das schöne deutsche Volkslied Gold und Silber lieb ich sehr als Evergreen auf den Lippen hat.

Und was macht der Goldpreis? Er steigt dennoch nicht!

Wer drückt den Goldpreis?

Grundsätzlich verfügt keine andere Anlageklasse theoretisch über mehr Argumente für steigende Preise als Gold. Gold schreit geradezu nach deutlich höheren Preisen. Doch die Praxis sieht völlig anders aus. Gold krebst bei 1.050 US-Dollar pro Unze herum und ist damit auf den niedrigsten Stand seit Anfang 2010 gefallen. Von seinem Hochstand im Jahr 2011 von 1.900 US-Dollar je Unze ist Gold unerreichbar entfernt. Und warum? Sind die Anlegerinnen und Anleger etwa auf ihren Edelmetall-Ohren taub?

Nein, da steht jemand mit beiden Füßen auf der Bremse. Nennen wir sie Notenbanken. Sie sind nicht nur perfekte Zinsdrücker, sie sind auch perfekt in der Disziplin Goldpreisdrückung . Das machen sie allerdings nicht selbst. Das überlassen sie befreundeten Geschäftsbanken, die allerdings mit viel Zentralbankgeld den Goldpreis über die Terminmärkte im Trend seit Ende 2011 in Moll-Stimmung versetzen. Unter normalen Bedingungen wäre dies ein Fall für die Handelsüberprüfung!

Aus Sicht der Notenbanken macht die Einflussnahme sicherlich Sinn. Denn die Rettung des Weltfinanzsystems wird mit Geld betrieben. Da kann man eine Konkurrenzwährung Gold nicht gebrauchen, die die Wirkung der geldpolitischen Rettungsmission ähnlich einschränken würde wie Schlaftabletten die Stimmung auf der Weihnachtsfeier. Du Anleger sollst keine fremden Götter (Gold) neben mir (Geld) haben. Das Fremdgehen mit Gold könnte das Finanzsystem Kopf und Kragen kosten.

Daher wird Gold auch 2016 keine massive Kursbefestigung wie zwischen 2008 bis 2012 erleben können, obwohl sie fundamental zu 100.000 Prozent berechtigt wäre. Das bisherige Kurshoch von 1.900 US-Dollar je Unze im Jahr 2011 müsste eigentlich dramatisch übertroffen werden. Doch die geldpolitische Allmacht will das nicht.

Auch 2016 keine nennenswerte Goldpreissteigerung! Na und!

Mich stört die mangelnde Dynamik des Goldpreises nicht. Physisches Gold war, ist und bleibt eine grundsätzlich solide Vermögensversicherung gegen finanz- und geopolitische Risiken. Denn für das süße Gift der reformverweigernden Schuldenfrönerei mit geldpolitischem Segen und das politische Hauen und Stechen in Europa werden wir irgendwann die Rechnung zahlen müssen.

Überhaupt, noch nie wurden die großen Staatsschulden der Vergangenheit zurückgezahlt. Staatspapiere waren am Ende immer wieder tatsächlich nur Papier. Diese Regel wird auch in unserer heutigen Finanzwelt nicht gebrochen. Gold dagegen hat alle Krisen überlebt und seinen Wert erhalten: Im alten Rom bekam man für eine Goldunze eine ordentliche Toga und heute einen guten Maßanzug. Gold ist unschätzbar in puncto Werterhaltungsfunktion.

Bei Gold zählt vor allem der langfristige Besitz, nicht die kurzfristige Rendite

Wenn wir in der Eurozone so weiter machen, werden wir noch dankbar sein, neben Aktien und Immobilien auch das Sachkapital Gold zu besitzen. Gold ist eine harte Währung, eine Versicherung, die nicht ausfällt, schon gar nicht im systemischen Schadensfall. Das halbe Schwein beim Metzger, den Sack Äpfel oder Birnen beim Obstbauern oder 100 Eier beim Hühnerhof wird man gegen Gold dann immer noch bekommen. Mit klassischem Geld werden Sie dann nach Hause geschickt. Immerhin hat Geld dann aber immer noch einen Wert: Brennwert.

Mario Draghi macht den Euro-Goldpreis munter

Absurderweise ist der EZB-Chef ein unfreiwilliger Goldtreiber, ein Goldjunge für uns Euro-Goldanleger. Da der Goldpreis in US-Dollar notiert, kommt uns Marios Politik der Euro-Drückung durch noch mehr Anleihekäufe zugute. Vor allem seit Juli 2014 hält sich Euro-Gold deutlich stabiler als US-Gold . Vielen Dank, Mario.

Gold in welcher Form?

Neben physischem Gold zur Absicherung von längerfristigen Systemrisiken kann man auch auf den kurzfristigen Preis von Gold spekulieren. Hierzu bietet die Finanzindustrie viele sinnvolle Produkte an, die die Wertentwicklung des Goldes 1 zu 1 nachbilden oder hebeln oder absichern, ohne die für physische Produkte höheren Aufschläge auf den Kaufpreis bezahlen zu müssen. Vor diesem Hintergrund haben diese Produkte sogar einen Vorteil gegenüber Goldminenaktien. Denn bei diesen kommen die typischen Risiken einer Aktie hinzu. Arbeitet z.B. das Unternehmensmanagement vernünftig? Betreibt es eine vernünftige Förderpolitik? Zu welchen Goldpreisen hat es sich abgesichert? Gibt es standortpolitische Handicaps wie z.B. Streiks oder politische Unruhen?

Tatsächlich entwickelt sich der US-Goldminenindex schlechter als der Goldpreis auf US-Dollar-Basis.

Liebe Anlegerinnen und Anleger, bleiben sie Gold treu!

Wenn sich im Mainstream alle so sicher sind, dass Gold bald weniger als 1.000 US-Dollar je Unze kosten wird, haben wir es mit einem klassischen Kontraindikator zu tun. Und umgekehrt: War es 2011 nicht eine quasi todsichere Wette, dass der Goldpreis mühelos 2.000 US-Dollar überspringt und danach noch weiter steigt? Das Gegenteil ist jeweils passiert.

Übrigens, warum kaufen die Notenbanken zu den von ihnen selbst subventionierten Preisen eigentlich immer noch so viel Gold? Liegt es etwa daran, dass sie einen noch tieferen Einblick in die real existierenden Probleme unserer Finanzwelt haben?

Laben wir Otto-Normal-Anleger uns doch auch an den günstigen Goldpreisen. Denn die Zeit für uns Goldanleger wird kommen!

Rechtliche Hinweise / Disclaimer und Grundsätze zum Umgang mit Interessenkonflikten der Baader Bank AG: http://www.bondboard.de/main/pages/index/p/128 Hinzufügen

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Expertenprofil
Robert Halver Robert Halver Leiter Kapitalmarkt­analyse, Baader Bank

Nach Abschluss seines betriebswirtschaftlichen Studiums an der Universität Trier 1990 arbeitete Robert Halver zunächst als Wertpapieranalyst bei der Sparkasse Essen.Ab 1994 war Herr Halver bei der Privatbank Delbrück & Co für die Analyse von Aktiengesellschaften der Branchen Automobile, Telekommunikation, Medien und Versorger verantwortlich. Später formulierte er als Chefstratege die Anlagepolitik für die hausinternen Aktien- und Renten-Investments.

2001 wechselte Robert Halver als Direktor zur Schweizer Privatbank Vontobel. Neben der Erstellung der Anlagestrategie umfasste sein Verantwortungsbereich die Kundenbetreuung sowie die Öffentlichkeitsarbeit der Vontobel-Gruppe in Deutschland.

Seit 2008 ist Herr Halver bei der Baader Bank AG in Frankfurt am Main tätig. Als Leiter der Kapitalmarktanalyse ist er für die fundamentale Einschätzung der internationalen Aktien- und Rentenmärkte, von Währungen, Rohstoffen und Edelmetallen zuständig. In dieser Funktion ist er ebenso für die Außendarstellung der Baader Bank tätig.

Robert Halver verfügt über langjährige Erfahrung als Kapitalmarkt- und Börsenkommentator und ist durch regelmäßige Medienauftritte bei Fernsehsendern und Radiostationen, auf Fachveranstaltungen und Anlegermessen sowie durch Fachpublikationen und als Kolumnist präsent.

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28.06.2016, 22:59, Deutsche Bank Indikation

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