Börsen gehen auf Tauchstation – Hedgefonds unter Druck – Panik ist trotzdem nicht angebracht!

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Börsen gehen auf Tauchstation – Hedgefonds unter Druck – Panik ist trotzdem nicht angebracht!

Obwohl die Quartalsberichtssaison bislang mehr als zufriedenstellend läuft, stehen die weltweiten Börsenampeln auf Rot. Unter den Anlegern macht sich langsam wieder Panik breit, es könnte noch einmal einen Absturz geben, wie wir ihn im ersten Quartal 2020 gesehen haben. Der Dax geht über 2 Prozent in die Knie und an der Wall Steet sieht es auch nicht viel besser aus. Besonders die amerikanischen Technologiewerte stehen mal wieder im Feuer. Dabei war eigentlich eingeplant, dass Apple heute mit sehr guten Zahlen die Kohlen aus dem Feuer holt.

Das ganze Hickhack um die zur Verfügung stehen Impfstoffe scheint den Anlegern aber auf das Gemüt zu schlagen. Spätestens seit heute dürfte wohl feststehen, dass die Impfstoffe nicht so schnell unters Volk kommen, wie zunächst angedacht. Besonders der Streit zwischen Astrazeneca und der Europäischen Union verstärkt diese Annahme.

Wer zuerst kommt malt zuerst

Der Streit um knappen Corona-Impfstoff des Herstellers Astrazeneca für die Europäische Union eskaliert. Das Unternehmen wehrte sich am Mittwoch gegen Vorwürfe der EU wegen Lieferengpässen und wies Brüssel einen Teil der Verantwortung zu. Darauf regierte die EU-Kommission empört. Verwirrung entstand um ein EU-Krisentreffen mit Konzernvertretern, das nun aber doch wie geplant am Mittwochabend (18.30 Uhr) stattfinden soll.

Laut Astrazeneca könnte es zwei bis drei Monate dauern, bis Impfstoff im geplanten Umfang an die EU geliefert wird. Astrazeneca-Chef Pascal Soriot sagte der „Welt“: „Sobald wir in den nächsten Tagen die Zulassung erhalten, liefern wir drei Millionen Dosen. Dann jede Woche mehr, bis wir bei 17 Millionen sind. Die werden nach Bevölkerungszahl verteilt, für Deutschland mithin ungefähr drei Millionen in einem Monat.“ Das sei „gar nicht so schlecht“

Die EU streitet mit dem britisch-schwedischen Hersteller, seit dieser eine Lieferkürzung nach der für diese Woche erwarteten Zulassung angekündigt hatte. Statt erwarteter 80 Millionen Impfdosen im ersten Quartal sollen nach EU-Angaben nur 31 Millionen ankommen. Den angegebenen Grund – Probleme in der Lieferkette – will die EU nicht gelten lassen.

Die Lieferschwierigkeiten könnten die Impfkampagnen in den 27 Ländern weiter in Verzug bringen, was unter anderem in Deutschland Kritik auslöst. Die EU-Staaten hatten bei einem Treffen mit Astrazeneca am Montag nach Angaben von Teilnehmern Frust und Unmut geäußert. Ein EU-Diplomat sagte der Deutschen Presse-Agentur: „Astrazeneca hat sich keinen Gefallen getan.“ Die Lieferprobleme so spät mitzuteilen, sei ein Kommunikationsfehler. Das habe alle beschädigt.

Für Mittwochabend wurde Astrazeneca erneut zum Krisentreffen geladen. EU-Kreise erklärten zunächst, das Unternehmen habe abgesagt. Doch dann teilte Astrazeneca mit, die Gespräche würden stattfinden. EU-Kreise bestätigten dies dann auch.

Astrazeneca-Chef Soriot sagte in dem „Welt“-Interview, in der EU werde der Impfstoff in Belgien und den Niederlanden produziert. Dort sei bei einer Anlage leider der Ertrag sehr niedrig. Sein Unternehmen sei vertraglich nicht zur Lieferung bestimmter Mengen verpflichtet. Vielmehr habe man nur einen „best effort“ zugesagt, sich also im besten Sinne zu bemühen. Neben den Streitigkeiten über die Impfstoffe verunsichert zusätzlich die Gefahr, dass ein Hedgefonds in Schieflage für weiteren Druck auf die Märkte sorgen könnte

Wenn aus David ein Goliath wird

Am Aktienmarkt sorgten auch erneut Kurskapriolen für Aufsehen – allen voran bei GameStop. Die Titel des Videospiele-Händlers stiegen im vorbörslichen US-Geschäft um etwa 70 Prozent, nachdem sie in den vergangenen Tagen zeitweise dreistellige prozentuale Kursgewinne verbucht hatten.

Offenbar gehe der Kampf zwischen Kleinanlegern und großen Hedgefonds in die nächste Runde, sagte Neil Wilson, Chef-Analyst des Online-Brokers Markets.com. Erstere versuchten mit konzertierten Käufen, Letztere zur Auflösung von Wetten auf den Verfall bestimmter Aktien zu zwingen und ihnen Verluste einzubrocken. Ein Hedgefonds musste deswegen bereits mit Milliardensummen gestützt werden. „Alle Hedgefonds werden sich entsprechende Positionen genau anschauen und entscheiden, ob sie es wirklich wert sind“, sagte Wilson weiter.

Neben GameStop machten Börsianer sogenannte Deckungskäufe auch für die Kurssprünge bei der deutschen Biotechfirma Evotec, dem britischen Fachverlag Pearson sowie den Kinoketten Cineworld und AMC verantwortlich. Die Papiere dieser Firmen stiegen um bis zu 150 Prozent.

Bringt die Fed Ruhe in die Märkte?

Der Machtkampf zwischen Kleinanlegern und Hedgefonds könnte sogar die US-Notenbank auf den Plan rufen, warnte ein Börsianer. Sie könnte verbal intervenieren, um die Gefahr von Hegdefonds-Pleiten, die gesamtmarktrelevant werden könnten, zu verringern.

Ohnehin stehe Fed-Chef Jerome Powell am Abend ein kommunikativer Drahtseilakt bevor, obwohl die Notenbank an ihrer Geldpolitik wohl nicht rütteln werde, prognostizierte Analyst Timo Emden von Emden Research. „Der Währungshüter dürfte es tunlichst vermeiden, Wasser auf die Mühlen derer zu kippen, die eine Drosselung der Anleihenkäufe erwarten.“ Daher werde er sicher auf die wirtschaftliche Risiken durch die Pandemie verweisen.

Augen zu und durch?

So schmerzlich der heutige Tag auch im Depot vieler Anleger sein dürfte, es ist kein Tag, um in Panik zu verfallen. Die Märkte haben schon stärker Rücksetzer innerhalb des vergangenen Jahres verkraften müssen. Die Quartalsberichtssaison verläuft überraschend gut und trotzdem gehen die Aktien teilweise in den Keller. Das jetzt einige Anleger bei vielen Papieren, die zuletzt sehr gut gelaufen sind, auch mal Kasse machen gehört zum Börsengeschehen dazu. Da allerdings auch viele Neulinge im Markt mitspielen, kennen sie bislang die Börse nur von ihrer besten Seite. Aber so Tage wie heute gehören auch dazu. Deswegen sollten sie mit ruhiger Hand begleitet werden und nicht mit panischen Verkäufen.

Anleger sollten jetzt in Ruhe die eigenen Positionen durchforsten und genau analysieren, wie die Zukunftsaussichten der einzelnen Papiere aussehen. Sind sie weiter gut bis sehr gut, dann könnten die Rücksetzer ausgenutzt werden, die Position zu verbilligen. Die Verzögerung mit den Impfstoffen ist sicherlich ärgerlich, aber sie ist trotzdem in den Griff zu bekommen.

Das bislang angenommene Szenario verschiebt sich dadurch vielleicht ein bis zwei Monate nach hinten. Es gibt aber keine Anzeichen, dass sich die Lage großartig verschlechtert hat. Von daher ist an solchen Tagen auch oftmals die Devise: „Augen zu und durch“ nicht der schlechteste Ratgeber.

Von Markus Weingran / dpa-AFX / Reuters

Foto: kurhan / Shutterstock.com

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