Brexit: Ein Hickhack vom allerfeinsten – britische Buchmacher sehen schwarz für Theresa May

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Brexit: Ein Hickhack vom allerfeinsten – britische Buchmacher sehen schwarz für Theresa May

Fast im Minutentakt gibt es Neuigkeiten zum bevorstehenden Austritt Großbritanniens aus der EU. Das schlimme daran: Jede einzelne Nachricht scheint sich im Kern zu widersprechen. Die britische Premierministerin Theresa May wird seit Wochen nicht müde zu betonen, dass der Austritt aus der europäischen Union am 29. März dieses Jahres erfolge, da sonst die Menschen auf der Insel das Vertrauen in die Politik verlieren würden: „Es gibt einige in Westminster, die den Brexit verzögern oder sogar stoppen wollen, und die jedes ihnen zur Verfügung stehende Mittel nutzen werden, um dies zu tun.“ Die Abgeordneten seien eindringlich aufgerufen, „die Folgen ihres Handelns für den Glauben des britischen Volkes an unsere Demokratie zu berücksichtigen,“ sagte die May erst heute wieder.

Gefühlt steht Theresa May fast alleine da

Die britische Premierministerin scheint den Glauben noch nicht aufgeben zu haben, dass ihr mit der EU ausgehandelter Vertrag doch noch eine Zustimmung findet. Doch je näher die Abstimmung kommt, desto mehr Mitstreiter verliert Theresa May. Heute hat der nächste die Segle gestrichen. Gareth Johnson, der seit November als „whip“ (Einpeitscher) für Fraktionsdisziplin sorgen sollte, begründete den Schritt mit Zweifeln am sogenannten Backstop, der Garantie für eine offene Grenze zwischen dem britischen Nordirland und der Republik Irland.

Zustimmung wäre eine Überraschung

Trotz Mays Appellen in letzter Minute sieht auch ihre Regierung einen Tag vor der Abstimmung kaum eine Chance auf eine Mehrheit, wie Handelsminister Liam Fox am Montag in der BBC eingestand. Spekuliert wurde eigentlich nur noch darüber, wie schlimm die Niederlage für May ausfällt und wie es danach weitergeht. Das Unterhaus setzt am Montagnachmittag die Brexit-Debatte fort. Zu deren Beginn wird May nach Angaben aus Regierungskreisen eine Erklärung abgeben. Die Abstimmung ist für Dienstagabend angesetzt.

Spekulationen in alle Richtungen

Momentan scheint noch alles möglich zu sein. Vom „harten“ Brexit über eine Verschiebung des Austrittstermins bis hin zum Exit vom Brexit. Sollte das Unterhaus die Brexit-Vereinbarung ablehnen, würde es eher gar keinen Austritt geben als einen ungeordneten, sagte May am Montag in ihrer Rede. Die Zeitung „The Guardian“ berichtete unter Berufung auf mehrere EU-Vertreter, der 29. März werde in Brüssel angesichts der starken Vorbehalte des Parlaments mittlerweile als sehr unwahrscheinlicher Austrittstermin angesehen. Eine „technische“ Verlängerung des Austrittsprozesses bis Juli sei demnach ein wahrscheinlicher erster Schritt. Dieser würde May Zeit geben, das Abkommen zu überarbeiten und eine Mehrheit dafür zu sichern. Sollte May „uns mitteilen, dass sie mehr Zeit braucht, um das Parlament für einen Deal zu gewinnen, wird eine technische Verlängerung bis Juli angeboten“, zitiert die Zeitung einen EU-Vertreter.

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Aufruf an Großbritannien  

Die EU-Seite gibt die Hoffnung nicht auf, dass Großbritannien doch noch Mitglied bleibt. Mehr als 100 Europaabgeordnete richteten in einem offenen Brief einen emotionalen Appell an die Briten: „Wir bitten darum, im Interesse der nächsten Generation den Austritt zu überdenken.“ Bei einer Abkehr vom Brexit würde man zusammen daran arbeiten, „die Europäische Union zu reformieren und zu verbessern, so dass sie besser im Sinne aller Bürger funktioniert“, heißt es in dem Papier.

Selbst Abstimmung gilt noch nicht als sicher

Die Beschlussvorlage kann noch vor der eigentlichen Abstimmung abgeändert werden. Eine solche Änderungen könnte am Ende sogar die eigentliche Abstimmung stoppen. Sollte es wie geplant zur Abstimmung kommen, könnte es auch nach einer Niederlage der Regierung zu einem Misstrauensvotum kommen. Allerdings wird nicht damit gerechnet, dass die Regierung damit zu Fall gebracht werden kann. Aber auch hier ist noch längst nicht das letzte Wort gesprochen. Damit wird klar, selbst die eigentliche Abstimmung über den Deal mit der EU ist noch nicht sicher.

Ein Hichack vom allerfeinsten

Das eigentliche Ziel – ein geregelter Brexit – scheint aktuell das unwahrscheinlichste Szenario. Alle Seiten zeigen sich zwar stets bemüht, eine wirkliche Annäherung scheint es aber nicht zu geben. Am mittlerweile berühmt berüchtigten Backstop scheiden sich nach wie vor die Geister. Raum für Spekulationen in alle Richtungen ist vorhanden und wird auch reichlich genutzt. Was in der ganzen Diskussion rund um den Brexit nicht mehr klar wird. Was ist mittlerweile das eigentliche Horror-Szenario? Für Theresa May ist es der Exit vom Brexit. Für die Märkte, der ungeregelte Ausstieg Großbritanniens. Daher dürften nicht wenige Konzerne darauf hoffen, dass sich der Brexit am Ende vielleicht doch noch in Luft auflöst. Aber vielleicht sind wir ja morgen doch schon ein Stück weiter, wenn es tatsächlich zu einer Abstimmung im Unterhaus kommt. Es ist aber auch sehr gut möglich, dass die Abstimmung die Frage aufwirft: Wie soll es denn jetzt bitteschön weitergehen?

Der Brexit, ein Hickhack vom allerfeinsten eben. Ende offen – Fortsetzung folgt – garantiert!

Buchmacher haben sich festgelegt

Die Briten sind ja dafür bekannt, dass sie auf fast alles Wetten. Aus diesem Grund wurden die Quoten der britischen Buchmacher ernster genommen, als die Ergebnisse mancher renommierten Meinungsforschungsinstitute. Beim Brexit und bei der Wahl von Donald Trump lagen die Orakel der Insel allerdings daneben und haben eine ganz schöne Summe verzockt. Daraufhin haben die britischen Buchmacher ihre Methode geändert und schauen aus einem etwas anderen Winkel auf die Themen.

Quote 1 zu 7 gegen Theresa May

Die Buchmacher auf der Insel glauben nicht daran, dass Theresa May im Januar eine Zustimmung für den ausgehandelten EU-Vertrag bekommt. Die Wahrscheinlichkeit einer Ablehnung des Vertrages liegt laut den britischen Buchmachern also bei etwa73 Prozent. Die Quote das Theresa May noch 2019 ihren Hut nimmt, liegt übrigens noch etwas höher. Hier wird die Wahrscheinlichkeit auf 77 Prozent beziffert. Ein „harter“ Brexit steht aber auch bei den britischen Buchmachern allerdings nicht so hoch im Kurs. Hier ist die Quote 4 zu 11.

Von Markus Weingran

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Bild: RRA79 / Shutterstock.com

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