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Ist unser Geldsystem noch zeitgemäß?

Stefan Riße
Ist unser Geldsystem noch zeitgemäß?

Am Mittwoch hat die amerikanische Notenbank Federal Reserve (FED) eine Zinspause verkündet. Viel interessanter war aber die Aussage zu den Anleiheverkäufen aus ihrer Bilanz. Ich habe das hier immer wieder als einen wichtigen Grund für die schwachen Börsen im vergangenen Jahr thematisiert. Im September will sie geldpolitisch auch hier von der Bremse gehen und die Anleiheverkäufe auslaufen lassen. Für die Aktienmärkte sicher ein gutes Signal. Es bedeutet aber faktisch, dass die Liquiditätsverknappung zunächst bis September weiter läuft. Insofern ist der Faktor Liquidität hier noch nicht als positiv zu bewerten. Darum soll es in der heutigen Kolumne aber auch gar nicht gehen.

Bilanznormalisierung bleibt illusorisch

Nach der Finanzkrise hat die FED in mehreren sogenannten Quantitativ Easing Programmen Anleihen aufgekauft und ihre Bilanz von einer auf über vier Billionen US-Dollar ausgeweitet. Nun wird sie bis September knapp eine Billion wieder abgebaut haben. Und dabei dürfte es dann auch bleiben. Es ist völlig illusorisch zu glauben, dass die US-Notenbank jemals wieder sämtliche Wertpapiere, die sie nach der Finanzkrise erworben hat,  in den Markt gibt. Genau so steht es mit den Notenbanken in Europa und Japan, also der Europäischen Zentralbank (EZB) und der Bank of Japan. Auch hier liegt ein großer Teil der Staatsschulden bereits bei der eigenen Notenbank.

Staatsfinanzierung durch die Notenpresse

Letzten Endes ist diese unorthodoxe Geldpolitik der Anleihekäufe nichts anderes als die Finanzierung von Staatsdefiziten mit der eigenen Notenpresse. Denn parallel zu den Quantitativ Easing Programmen nach der Finanzkrise haben sich die Länder und insbesondere die USA stark verschuldet, um die Wirtschaft wieder anzukurbeln. Die Chinesen haben es nicht anders gemacht und sind aktuell wieder dabei, die Verschuldung deutlich hoch zu fahren. Zwar ist der chinesische Staat selbst nicht hoch verschuldet, wohl aber seine Staatsunternehmen und deren Schulden sind dem Staat zuzurechnen.

Schulden werden faktisch irgendwann gestrichen

Da es komplett unrealistisch ist, dass die Notenbanken die Anleihen irgendwann wieder aus ihrer Bilanz verkaufen oder sich diese zurück zahlen lassen, ohne dass sie diese durch neue Anleihen ersetzen, muss man die Frage stellen dürfen, was denn eigentlich passieren würde, wenn die Notenbanken die Anleihen einfach schreddern, sprich die Schulden streichen würden? Ökonomen, die dies lesen, dürfen gerne widersprechen, wenn ich sage, dass zunächst einmal gar nichts passieren würde. Blenden wir den psychologischen Effekt einmal aus, den dieses Vorgehen auf das Vertrauen in unser Geldsystem haben könnte und betrachten nur das, was faktisch passieren würde, dann dürfte sich durch diesen Akt gar nichts ändern. Das Geld, das einst durch die Staatsanleihen geliehen wurde, hat der Staat längst ausgegeben. Inflationär kann es daher nicht mehr werden. Wegen des psychologischen Effekt wird man auf das Schreddern wahrscheinlich auch verzichten und stattdessen am Ende die Zinsen, die der Staat auf die Anleihen bezahlt, als Gewinn der Notenbank wieder an den Staat abführen, was den gleichen Effekt hätte. Der Staat wäre bei sich selbst verschuldet. Guthaben und Forderungen würden sich egalisieren. Es sehe nur eleganter aus.

Ist unser Geldsystem überholt?

In unserem Geldsystem entsteht neues Geld immer über neuen Kredit. In früheren Zeiten war es so, dass bei übermäßiger Kreditvergabe und damit Geldmengenwachstum irgendwann die Inflationsraten begannen zu steigen. Seit Beginn der Globalisierung mit der Verlagerung von Lohnarbeit in Billiglohnländer und einem schier unerschöpflichen Potenzial an Arbeitskräften zum einem und der immer stärkeren Automatisierung zum anderen, sind Kapazitätsengpässe, wie man sie früher kannte, nicht mehr vorhanden. Was auch immer die Welt an Smartphones, Autos oder anderen Gütern nachfragt, die in Massenherstellung gefertigt werden, es kann alles geliefert werden. Daher war es wahrscheinlich nicht falsch, die Geldmenge stärker auszuweiten, um so größeren Teilen der Weltbevölkerung Wohlstandszuwachs zu bringen.

Nehmen wir nun einmal an, Geld würde durch die Staaten auch erschaffen werden können, ohne dass dafür neuer Kredit entsteht. Wichtig wäre dabei ja nur, dass die Menge des Geldes, und hier vor allem des für Konsum verfügbaren Geldes nicht so hoch ist, dass die Menge an verfügbaren oder verfügbar zu machenden Waren zu gering wäre, um die Nachfrage befriedigen zu können. Denn nur dann käme es zur Inflation. Solange die Nachfrage befriedigt werden kann, der Güterausstoß also erhöht werden kann, kann man die Geldmenge ohne negative Folgen erhöhen. Tut man es nicht, dann lässt man Wachstumspotenziale liegen. Womöglich wird sich daher die unorthodoxe Geldpolitik mit den staatsfinanzierenden Notenbanken als etwas erweisen, was faktisch am Ende Geldmengenerhöhung bedeutet, ohne dass das Kreditvolumen steigt, weil die Notenbank, bei der man verschuldet ist, dem Staat oder im Falle der in der Europäischen Währungsunion den Staaten ja gehört.

Engpass bei natürlichen Ressourcen kann doch zur Inflation führen

Kapazitätsengpässe in der Produktion von Massengütern sind also kein Problem mehr. Jedoch werden bei der Produktion wie auch bei Dienstleistungen Rohstoffe wie Energierohstoffe oder Stahl und Ähnliches gebraucht. Hier lassen sich die Ressourcen nicht unendlich vermehren, weil sie durch die Vorkommen auf der Welt begrenzt sind. Ein ähnliches Problem stellen die Immobilien dar. Menschen brauchen sie dort, wo sie arbeiten und Land wird dann zu einer begrenzten Ressource. Je mehr Geld die Notenbanken ins System schleusen, desto stärker steigt auch die Nachfrage nach Grund und Boden und Rohstoffen. Hier kann es dann doch, wie wir es bei den Immobilien bereits weltweit beobachten, zu stark steigenden Preisen kommen. Wenn dann Bürger, die keine Immobilie besitzen, sich das Wohnen nicht mehr leisten können oder die Produkte doch im Preis deswegen steigen, weil die für sie benötigten Rohstoffe im Preis immer weiter steigen, wird diese Form der Geldpolitik an ihre Grenzen stoßen. Denn dann wird es trotz immer noch vorhandener Überkapazitäten in der Produktion zu Inflation kommen. Wann wir dieses Stadium erreichen, ist äußerst schwer zu prognostizieren, weil neue Technologien wie alternative Energien beispielsweise oft die Berechnung von Ressourcenknappheit über den Haufen werfen. Wir dürfen also gespannt sein, wie dieses einmalige geldpolitische Experiment am Ende ausgeht. Die Frage wird sein, können die Notenbanken dann sachte zurück fahren, ohne dass die Inflation ausufert, oder fliegt sie ihnen um die Ohren. Wir alle werden es erleben und mit den Folgen so oder so leben müssen.

Foto: igorstevanovic / Shutterstock.com

Hinweis: Die Inhalte der Kolumnen dienen ausschließlich der Information und stellen weder eine Anlageberatung oder sonstige Empfehlung im Sinne des Wertpapierhandelsgesetzes dar noch sind sie als Zusicherung etwaiger Kursentwicklungen zu verstehen. Die geäußerten Ansichten geben allein die Meinung des jeweiligen Autors wieder. Für den Inhalt der Kolumne ist allein der jeweilige Autor verantwortlich.
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Expertenprofil
Stefan Riße Stefan Riße Kapitalmartktstratege Acatis Investment

Stefan Riße Jahrgang 1968, aus Bremen ist Börsianer mit Leib und Seele. Seit seinem 16. Lebensjahr beschäftigt er sich intensiv mit den internationalen Finanzmärkten.

Nach dem Abitur und Praktika bei Banken und Vermögensverwaltern arbeitete er zwei Jahre lang als Broker, bevor er in den Journalismus wechselte. Er schrieb für Zeitschriften wie Forbes und Focus und ist seit über fünf Jahren ständiger Kolumnist für Focus Money.

Bekannt wurde Stefan Riße aber vor allem aufgrund seiner Tätigkeit als Börsenkorrespondent für "n-tv", wo von 2001 bis 2005 seine Berichte live vom Frankfurter Börsenparkett gesendet wurden. Von 2006 bis 2011 war er Chief Market Strategist der Deutschlandniederlassung von CMC Markets – dem ersten CFD- Market-Maker in Deutschland.

Seit Mai 2018 ist er Kapitalmarktstratege bei Acatis Investment und als dieser nach wie vor gefragter Interviewgast u. a. auch bei "n-tv" wo er regelmäßig auftritt.

Bereits im Alter von 17 Jahren lernte er den im September 1999 verstorbenen Börsenaltmeister André Kostolany kennen, mit dem ihn bis zu dessen Tod eine enge Freundschaft verband.

Sein bisher letztes Buch „Die Inflation kommt!“ war eines der erfolgreichsten Wirtschaftsbücher im Jahr 2010 und erreichte Platz 1 der Handelsblatt-Bestsellerliste.

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