Coronavirus: Wird es zum Konjunkturkiller oder nicht? Experten stochern im Nebel – Chinas Wirtschaft immer stärker unter Druck

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Die Ausbreitung des Coronavirus und die damit einhergehenden Versuche zur Eindämmung der Krankheit schlagen immer mehr auf die chinesische Wirtschaft durch.

Coronavirus: Wird es zum Konjunkturkiller oder nicht? Experten stochern im Nebel – Chinas Wirtschaft immer stärker unter Druck

Der staatliche Raffineriebetreiber ChemChina etwa senkt Insidern zufolge seine Produktion um etwa 100.000 Barrel pro Tag. Er folgt damit den anderen Branchenschwergewichten Sinopec, PetroChina und CNOOC sowie unabhängigen Ölverarbeitern, die ihre Produktion ebenfalls gedrosselt haben. Yuguang, einer der größten Blei- und Zinkkonzerne Chinas, hat seine Zinkfertigung von jährlich 300.000 Tonnen nach Angaben eines Unternehmensvertreters um die Hälfte gekappt. Hauptursache sei, dass das Unternehmen nicht mehr in der Lage sei, bei der Herstellung anfallende hohe Schwefelsäure-Bestände loszuwerden.

Lieferketten immer stärker unter Druck

Chinas Stahlverband CISA bat das Verkehrsministerium um Unterstützung. Er verwies auf Probleme in Betrieb und Produktion, weil wegen der angeordneten Transport-Einschränkungen die Rohstoffe knapp werden und gleichzeitig die Lagerbestände hoch sind.

Der Chef des Smartphone-Herstellers Xiaomi, Lei Jun, rief die chinesische Branche dazu auf, sobald wie möglich die Arbeit wiederaufzunehmen. In großen Teilen Chinas haben Fabriken und Zulieferer, darunter auch jene im Handy-Sektor, als Teil der Maßnahmen zur Eindämmung des Virus ihre Produktion unterbrochen. Branchenexperten rechnen damit, dass die Smartphone-Auslieferungen in Festland-China im ersten Quartal auf Jahressicht um etwa 40 Prozent einbrechen dürften.

Wird das Coronavirus zum Konjunkturkiller?

Experten stochern im Nebel, wie heftig die Verwerfungen tatsächlich ausfallen. Weil das Reich der Mitte quasi die Werkbank der Welt ist, wird über unterbrochene Lieferketten auch das Ausland in Mitleidenschaft gezogen. Die Deutsche Bank hält wegen der rasanten Ausbreitung des Virus sogar eine Rezession in Deutschland für möglich. Doch es fehlen verlässliche Daten, wie stark Chinas Wirtschaft unter der Krise leidet – auch weil das wahre Ausmaß in dem kommunistisch geführten Land womöglich unter der Decke gehalten wird.

Mehr als 1000 Menschen fielen dem Virus bereits zum Opfer. Zehntausende Fabriken sind geschlossen, zahllose Flüge gestrichen. Doch womöglich ist dies nur die Spitze des Eisbergs. „Es herrscht eine Kultur, in der bildlich gesprochen der Überbringer der Botschaft getötet wird. Wegen der Bürokratie halten die Funktionäre vor Ort lieber den Mund“, sagt die Gesundheitsexpertin Catherine Troisi von der University of Texas. Es ist daher schwer abzuschätzen, wie stark der Konjunktureinbruch durch die Krise ausfällt. Denn die Kommunistische Partei gibt jährlich Wachstumsziele für das Bruttoinlandsprodukt (BIP) vor, die meist auch punktgenau erreicht werden.

„Für uns als Beobachter ist es immer schwierig, mit den offiziellen chinesischen Wachstumszahlen umzugehen“, räumt der Wirtschaftsweise Volker Wieland ein. Es sei nicht auszuschließen, dass sie geschönt würden. „Es gibt Studien, die nahelegen, dass schon in den letzten zehn Jahren durchschnittlich ein Prozent des gemessenen BIP eigentlich übertrieben ist und die Wirtschaftsleistung tatsächlich weniger gewachsen ist“, sagt der Frankfurter Ökonom. Für dieses Jahr hat die Führung in Peking ein Wachstumsziel von sechs Prozent ausgegeben. Doch Volkswirte haben bereits vor Ausbruch des Coronavirus Zweifel angemeldet, ob die Vorgabe zu halten ist.

„Die Zahlen sind lückenhaft“

Die Analysten der Ratingagentur S&P erwarten, dass es ein BIP-Plus von 5,0 Prozent werden könnte. Ökonom Nicholas R. Lardy vom Peterson Institute for International Economics geht sogar davon aus, dass nur 4,0 Prozent herausspringen könnten. „Doch die Zahlen sind sehr lückenhaft“, gibt er zu bedenken. „Jeder rät herum.“

Auch die US-Notenbank (Fed) kann sich noch kein klares Bild machen. Mit einigen Effekten in den USA müsse sehr wahrscheinlich gerechnet werden. Doch sei es noch zu früh, um das Ausmaß zu bestimmen, sagte Fed-Chef Jerome Powell jüngst vor dem Kongress.

Jay Bryson, Chefökonom bei Wells Fargo & Co., geht davon aus, dass US-Branchen wie Luftfahrt und Elektronik von den Auswirkungen der Virus-Krise getroffen werden. Aber Lieferketten müssten schon über einen längeren Zeitraum unterbrochen werden, bevor es zu nennenswerten Auswirkungen in der Industrie komme. Zudem mache der Handel mit China nur einen kleinen Teil der US-Wirtschaft aus, die insbesondere von der Konsumlust der Bürger befeuert wird. „Wir glauben nicht, dass die US-Wirtschaft in die Knie geht“, sagt Bryson. „Die Konsumfreude der Amerikaner ist ziemlich belastbar.“

Laut einer Umfrage des Vermögensverwalters Fidelity ist die Stimmung unter den hauseigenen Analysten aufgrund der potenziellen Bedrohung des Coronavirus für die Wachstumsaussichten der Unternehmen weltweit auf den niedrigsten Stand seit vier Jahren gefallen. „Wenn nicht gerade ein schwarzer Schwan für internationale Unternehmen und Märkte, ist der Ausbruch des Coronavirus zumindest grau“, heißt es in dem Bericht.

Dass viele Experten sich mit Prognosen zurückhalten, hat auch damit zu tun, dass China im vergangenen Jahrzehnt eine derart rasanten Aufstieg hingelegt hat, dass Vergleiche mit früheren Virus-Epidemien vor dem großen Globalisierungsschub unbrauchbar sind. Als 2003 die Sars-Epidemie ausbrach, war die Volksrepublik in der Weltwirtschaft noch keine so große Nummer wie jetzt. Damals steuerte sie gerade einmal vier Prozent zur globalen Wirtschaftsleistung bei – 2017 waren es bereits 15 Prozent.

onvista/reuters

Titelfoto: olympuscat / Shutterstock.com

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