Warum Wirecard? Es gibt andere großartige Unternehmen

Stefan Riße

Wohl kein anderes Unternehmen spaltet die Investorengemeinde hierzulande so stark in Fans und Kritiker wie der Zahlungsdienstleister Wirecard.Endlich hab en wir mal ein global schnell wachsendes Technologieunternehmen in diesem Land, wird es kaputt geredet, sagen die Fans, die – waren sie früh bei der Aktie dabei – viel Geld mit Wirecard verdienten. Schließlich kämen mit Facebook, Amazon, Apple und Co. alle anderen ja aus den USA. Die Kritiker hingegen lassen das nicht gelten. Sie bemängeln undurchsichtige Bilanzen und eine eines DAX-Konzerns nicht würdige Unternehmenskommunikation. Zuletzt gewannen die Skeptiker wieder die Oberhand. Denn zu allen schon vorhandenen Problemen bringt die bekannte Anwaltskanzlei Tilp nun auch noch eine Musterklage gegen Wirecard auf den Weg, wegen irreführender Kapitalmarktinformation.

Seit Jahren gibt es Vorwürfe gegen Wirecard

Schon seit vielen Jahren steht der Vorwurf im Raum, Wirecards Bilanzen seien nicht sauber. Es waren die Schutzgemeinschaft der Kapitalanleger (SDK) wie auch verschiedene Analysten allerdings meist relativ unbekannter Researchhäuser, die immer wieder vor Wirecard warnten. Wirecard konterte dies stets mit dem Gegenvorwurf, es seien Shortseller am Werk, die bewusst die Aktie, mit der sie auf fallende Kurse spekulierten, mit diesen Berichten nach unten zu drücken versuchten.Ende Januar 2019 bekam das Ganze dann aber eine andere Qualität. Da erhob nicht irgendjemand, sondern die altehrwürdige Financial Times den Vorwurf der Bilanzmanipulation und auch der Geldwäsche, nachdem in Singapur Ungereimtheiten festgestellt worden waren, die Wirecard auch einräumen musste. Systematische Bilanzmanipulation wurde jedoch vehement bestritten. Seitdem setzen sich die Zeitung und Wirecard gerichtlich auseinander – die Staatsanwaltschaft München ermittelt gegen die Financial Times. Die Aktie litt erheblich unter diesen Vorgängen.

Wir von Acatis Investment hatten ebenfalls längere Zeit Anteile an Wirecard in einigen unserer Fonds, doch verschiedene direkte Kontakte mit dem Unternehmen wie auch dem Vorstand Markus Braun ließen auch für uns zu viele Fragen offen. Wir hatten uns bereits vor der ersten Berichterstattung in der Financial Times von den Aktien getrennt. Bisher die richtige Entscheidung.

Sonderprüfung wird zum Bumerang

Eigentlich sollte die Sonderprüfung der von Wirecard für diesen Zweck angeheuerten Wirtschaftsprüfungsgesellschaft KPMG den großen Befreiungsschlag bringen. Der Schuss ging nach hinten los. Zwar belegte der Prüfbericht am Ende nicht die Betrugsvorwürfe der Financial Times, wies aber auf erhebliche Mängel hin und beklagte, wichtige Unterlagen seien den Prüfern nicht zur Verfügung gestellt worden. „Bericht des Grauens“ nannte es der Spiegel.Noch vor der offiziellen Veröffentlichung des Prüfberichtes hatte Wirecard offenbar versucht, mit der Aussage, bezüglich der Behauptungen der Financial Times sei Wirecard durch den Prüfbericht entlastet, die Deutungshoheit über die Interpretation des Prüfberichts zu erlangen. Doch auch das gelang nicht. Die Journalisten lasen genau, was drinstand. Die im Vorfeld unvollständige Kapitalmarktinformation, die sich allein auf die für Wirecard positiven Fakten bezog, führte nun noch dazu, dass auch die Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (Bafin) gegen Wirecard ermittelt. Und hier setzt auch die Musterklage der Anlegeranwälte an. Große Fondsgesellschaften wie die Deka fordern den Rücktritt von

Vorstandschef und Gründer Markus Braun. Dem folgte Wirecard bisher nicht, baut nun aber den Vorstand um und entmachtet Markus Braun. Geholfen hat diese Maßnahme nur kurzfristig, nach den jüngst veröffentlichen Quartalszahlen, die eigentlich gar nicht schlecht ausfielen, ging es mit der Aktie wieder nach unten.

Es gibt genügend andere spannende Investments

Wer hat nun Recht? Die Fans oder die Kritiker? Auch wir können diese Frage nicht beantworten. Aus Investorensicht muss man sich den Kopf darüber auch gar nicht zu lange zerbrechen. Es gibt viele andere Technologieunternehmen, in die man investieren kann - ganz ohne Fragezeichen. So taten wir dies zuletzt zum Beispiel bei PayPal. Die Frage ist ja nicht: Wirecard kaufen oder keine Aktie kaufen?, sondern Wirecard kaufen oder besser in eine andere Aktie aus unserem Universum von 40.000 Unternehmen zu investieren. Dennoch, spannend bleibt die Geschichte. Vielleicht entpuppen sich die Vorwürfe tatsächlich irgendwann als nichtig. Und selbst wenn nicht, könnte das Unternehmen weiter auf der Erfolgsspur fahren. Die Frage ist, welche Form der Bilanzmanipulation hier vorliegt- so es sie denn gibt? Wäre es eine wie bei Enron, dem Energiehändler, der Anfang der Zweitausenderjahre mit Pauken und Trompeten unterging, weil er Umsätze erfand, um sich Kredite zu erschleichen, dann wäre auch bei Wirecard irgendwann Schluss. Denn in solchen Fällen der Bilanzmanipulation kommt irgendwann der Zahltag. Und wenn das Geld oder die Vermögenswerte nur in der Bilanz aber nicht real vorhanden sind, ist das Spiel zu Ende.

Betriebe Wirecard hingegen Geldwäsche, wie die Anschuldigung auch lautet, wäre das Geld vorhanden, denn die Umsätze wären dann ja real, nur eben illegal. Flöge dies irgendwann auf, ginge das Unternehmen wahrscheinlich auch in einem Strudel von Strafzahlungen unter, was für die Aktionäre das gleiche bedeuten würde. Allerdings können solche grenzüberschreitenden Ermittlungen zuweilen lange dauern. Am Ende bleibt festzuhalten. Die Aktie ist derzeit ein heißes Eisen, denn wir wissen nicht, was stimmt. Die einzigen die es wirklich wissen, sind die Entscheidungsträger bei Wirecard. Wir schauen daher weiter gespannt zu und investieren derweil woanders

Hinweis: Die Inhalte der Kolumnen dienen ausschließlich der Information und stellen weder eine Anlageberatung oder sonstige Empfehlung im Sinne des Wertpapierhandelsgesetzes dar noch sind sie als Zusicherung etwaiger Kursentwicklungen zu verstehen. Die geäußerten Ansichten geben allein die Meinung des jeweiligen Autors wieder. Für den Inhalt der Kolumne ist allein der jeweilige Autor verantwortlich.
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Expertenprofil
Stefan Riße Stefan Riße Kapitalmartktstratege Acatis Investment

Stefan Riße Jahrgang 1968, aus Bremen ist Börsianer mit Leib und Seele. Seit seinem 16. Lebensjahr beschäftigt er sich intensiv mit den internationalen Finanzmärkten.

Nach dem Abitur und Praktika bei Banken und Vermögensverwaltern arbeitete er zwei Jahre lang als Broker, bevor er in den Journalismus wechselte. Er schrieb für Zeitschriften wie Forbes und Focus und ist seit über fünf Jahren ständiger Kolumnist für Focus Money.

Bekannt wurde Stefan Riße aber vor allem aufgrund seiner Tätigkeit als Börsenkorrespondent für "n-tv", wo von 2001 bis 2005 seine Berichte live vom Frankfurter Börsenparkett gesendet wurden. Von 2006 bis 2011 war er Chief Market Strategist der Deutschlandniederlassung von CMC Markets – dem ersten CFD- Market-Maker in Deutschland.

Seit Mai 2018 ist er Kapitalmarktstratege bei Acatis Investment und als dieser nach wie vor gefragter Interviewgast u. a. auch bei "n-tv" wo er regelmäßig auftritt.

Bereits im Alter von 17 Jahren lernte er den im September 1999 verstorbenen Börsenaltmeister André Kostolany kennen, mit dem ihn bis zu dessen Tod eine enge Freundschaft verband.

Sein bisher letztes Buch „Die Inflation kommt!“ war eines der erfolgreichsten Wirtschaftsbücher im Jahr 2010 und erreichte Platz 1 der Handelsblatt-Bestsellerliste.

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